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Mysterium der Liebe fällt aus

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
26. Juli 2017
(Premiere)

 

Bayreuther Festspiele, Festspielhaus

Muss der Leiter der Bayreuther Festspiele nicht nur der Wagner-Dynastie angehören, sondern sich neben seinen organi­sa­to­ri­schen Aufgaben als Intendant auch noch als Regisseur beweisen? In der langen Ära Wolfgang Wagners stellte sich diese Frage jedes Jahr aufs Neue. Wobei der lang gediente Prinzipal wenigstens bei der Wahl von Gastre­gis­seuren meistens ein geschicktes Händchen bewies. Katharina Wagner wurde von ihrem Vater maßge­schneidert auf diese Doppel­funktion hintrai­niert. Mit ihrem Bayreuther Regie-Debüt der Meister­singer von Nürnberg ließ sie ein immerhin diffe­ren­zier­teres Refle­xi­ons­ver­mögen im Umgang mit dem schwie­rigen Stück erkennen als ihr Vater mit seiner fränki­schen Volksfest-Ästhetik. Auch ihre zweite Arbeit am „Grünen Hügel“, Tristan und Isolde, hat ihre Meriten. Im dritten Jahr der Produktion stechen jedoch die musika­li­schen Quali­täten die szeni­schen noch deutlicher aus als in der Vergangenheit.

Insgesamt lässt sich jetzt schon absehen, dass in Bayreuth trotz der noch unein­heit­lichen Leistung des Meister­singer-Dirigenten Philippe Jordan das musika­lische und vokale Niveau der Festspiele deutlich zu verbessern scheint. Bei Christian Thielemann als Tristan-Dirigent überrascht das nicht. Das Werk kennt er wie seine Westen­tasche, die akusti­schen Heraus­for­de­rungen des Festspiel­hauses mindestens ebenso gut und bereits in der Premiere vor zwei Jahren bescherte er einen glühenden, perfekt ausge­leuch­teten Klang und einen organisch atmenden, impul­siven Ablauf. Attribute, die sich im Laufe der Zeit noch stabilisierten.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die ideale orches­trale Vorlage befeuern Stephen Gould und Petra Lang in den Titel­partien zu Höchst­leis­tungen in idealer musika­li­scher Partner­schaft. 2015 wirkte Gould in der Gegenwart seiner damaligen, himmel­stürmend agilen Partnerin Evelyn Herlitzius noch wesentlich gehemmter. Nimmt man die expressive Darstellung der Brangäne von Christa Mayer und den überragend präzis artiku­lie­renden Marke von René Pape hinzu, gehört der Tristan musika­lisch zu den Höhepunkten der letzten Jahre.

Diffe­ren­zierter ist dagegen die Insze­nierung zu sehen. Menschlich soll es in Katharina Wagners Darstellung zugehen, nicht mysteriös und erst recht nicht verklärend. Für dieses Konzept muss zunächst König Marke seinen huldvollen Liebes­ver­zicht aufgeben. Er, eine an sich milde Vater­figur, tritt in Bayreuth in gleißendem Licht als herrsch­süch­tiger Diktator auf, der Isolde nach dem Liebestod grob von der Leiche Tristans in sein Gemach zieht.

Dem Einfluss Markes können sich die Getreuen des Paars, Brangäne und Kurwenal, nicht entziehen und werden geradezu neutra­li­siert. Sie spielen in der Insze­nierung eine blasse Rolle. Nur dem Einsatz von Christa Mayer ist es zu verdanken, dass sich die Brangäne immerhin noch ansatz­weise profi­lieren kann. Und das Liebespaar selbst braucht sich die Liebe natürlich nicht durch einen myste­riösen Liebes­trank „anzusaufen“. Demons­trativ gießt Isolde das Fläschchen aus. Menschen aus Fleisch und Blut erleben wir dennoch nicht. Dafür bleibt die Perso­nen­führung zu archaisch und abstrakt. Wenn man von Perso­nen­führung überhaupt sprechen kann. Denn das undurch­dring­liche Labyrinth an Treppen, Aufgängen, Podesten und Aufzügen im ersten Akt engt den Bewegungs­freiraum der Figuren nahezu vollständig ein. Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann erinnert entfernt an eine Schiffs­ta­kelage, in der die Figuren wie in einem streng konstru­ierten Spinnennetz zappeln. Und das in einer matt ausge­leuch­teten Dunkel­kammer in Kostümen, die sich farblich nur wenig vom düsteren Hinter­grund abheben.

Foto © Enrico Nawrath

Was den Verlust an Freiheit unter­streichen soll, schlägt sich optisch in einer kontra­pro­duk­tiven Bewegungs­lo­sigkeit nieder. Dass die gleiche Intention auch mit großen, freien, genial ausge­leuch­teten Räumen erreicht werden kann, hat seinerzeit Erich Wonder in Heiner Müllers Tristan-Insze­nierung bewiesen.

Das große Liebes­duett im zweiten Akt findet unter der Beobachtung der Schergen König Markes statt, die von einer hohen Balus­trade das Paar mit Schein­wer­fer­kegeln in die Enge treiben. Rätsel­hafte Stahl­ringe entpuppen sich als Gitter, an denen sich die Liebenden absichtlich verletzen. Warum eigentlich? In totaler Finsternis durch­leidet Tristan im dritten Akt seine Fieber- und Liebes­qualen. Die Statik der Regie wird durch acht Erschei­nungen Isoldes aufge­lo­ckert, die in diversen Posen in dreieckigen Schau­kästen aufleuchten. Den Liebestod singt Isolde an der Toten­bahre Tristans, bevor Marke sie zurückzerrt.

Ganz geht Katharina Wagners Vorstellung eines menschen­nahen Dramas nicht auf. Dafür hat Wagner selbst die Illusion einer Liebe, die nur jenseits des irdischen Lebens Erfüllung finden kann, zu stark ideali­siert. Wer sich damit nicht abfinden will, gerät leicht auf banale Gleise, wie Katharina Wagners Deutung zeigt. Insgesamt also keine schwache, aber auch keine mitrei­ßende Insze­nierung. Es ist noch einmal gutge­gangen. Der Komponist darf sich beruhigt zurück­lehnen. Um den Verstand bringt die Produktion zumindest szenisch niemanden, wie er von „zu guten“ Auffüh­rungen befürchtete. Dass dennoch von einem Erfolg gesprochen werden kann, ist Thielemann und seinen musika­li­schen Mitstreitern zu verdanken.

Ärger stößt da schon der Buh-Ruf eines „Kenners“ mitten im Liebestod auf. Aber auch schal­lende Bravo-Rufe nach dem kaum verklun­genen Schluss­akkord zeugen nicht gerade von einem sensiblen Kunst­ver­ständnis. Soviel zum Thema „Hochkultur“.

Pedro Obiera

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