O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)
Besuch am
26. Juli 2017
(Premiere)
Muss der Leiter der Bayreuther Festspiele nicht nur der Wagner-Dynastie angehören, sondern sich neben seinen organisatorischen Aufgaben als Intendant auch noch als Regisseur beweisen? In der langen Ära Wolfgang Wagners stellte sich diese Frage jedes Jahr aufs Neue. Wobei der lang gediente Prinzipal wenigstens bei der Wahl von Gastregisseuren meistens ein geschicktes Händchen bewies. Katharina Wagner wurde von ihrem Vater maßgeschneidert auf diese Doppelfunktion hintrainiert. Mit ihrem Bayreuther Regie-Debüt der Meistersinger von Nürnberg ließ sie ein immerhin differenzierteres Reflexionsvermögen im Umgang mit dem schwierigen Stück erkennen als ihr Vater mit seiner fränkischen Volksfest-Ästhetik. Auch ihre zweite Arbeit am „Grünen Hügel“, Tristan und Isolde, hat ihre Meriten. Im dritten Jahr der Produktion stechen jedoch die musikalischen Qualitäten die szenischen noch deutlicher aus als in der Vergangenheit.
Insgesamt lässt sich jetzt schon absehen, dass in Bayreuth trotz der noch uneinheitlichen Leistung des Meistersinger-Dirigenten Philippe Jordan das musikalische und vokale Niveau der Festspiele deutlich zu verbessern scheint. Bei Christian Thielemann als Tristan-Dirigent überrascht das nicht. Das Werk kennt er wie seine Westentasche, die akustischen Herausforderungen des Festspielhauses mindestens ebenso gut und bereits in der Premiere vor zwei Jahren bescherte er einen glühenden, perfekt ausgeleuchteten Klang und einen organisch atmenden, impulsiven Ablauf. Attribute, die sich im Laufe der Zeit noch stabilisierten.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Die ideale orchestrale Vorlage befeuern Stephen Gould und Petra Lang in den Titelpartien zu Höchstleistungen in idealer musikalischer Partnerschaft. 2015 wirkte Gould in der Gegenwart seiner damaligen, himmelstürmend agilen Partnerin Evelyn Herlitzius noch wesentlich gehemmter. Nimmt man die expressive Darstellung der Brangäne von Christa Mayer und den überragend präzis artikulierenden Marke von René Pape hinzu, gehört der Tristan musikalisch zu den Höhepunkten der letzten Jahre.
Differenzierter ist dagegen die Inszenierung zu sehen. Menschlich soll es in Katharina Wagners Darstellung zugehen, nicht mysteriös und erst recht nicht verklärend. Für dieses Konzept muss zunächst König Marke seinen huldvollen Liebesverzicht aufgeben. Er, eine an sich milde Vaterfigur, tritt in Bayreuth in gleißendem Licht als herrschsüchtiger Diktator auf, der Isolde nach dem Liebestod grob von der Leiche Tristans in sein Gemach zieht.
Dem Einfluss Markes können sich die Getreuen des Paars, Brangäne und Kurwenal, nicht entziehen und werden geradezu neutralisiert. Sie spielen in der Inszenierung eine blasse Rolle. Nur dem Einsatz von Christa Mayer ist es zu verdanken, dass sich die Brangäne immerhin noch ansatzweise profilieren kann. Und das Liebespaar selbst braucht sich die Liebe natürlich nicht durch einen mysteriösen Liebestrank „anzusaufen“. Demonstrativ gießt Isolde das Fläschchen aus. Menschen aus Fleisch und Blut erleben wir dennoch nicht. Dafür bleibt die Personenführung zu archaisch und abstrakt. Wenn man von Personenführung überhaupt sprechen kann. Denn das undurchdringliche Labyrinth an Treppen, Aufgängen, Podesten und Aufzügen im ersten Akt engt den Bewegungsfreiraum der Figuren nahezu vollständig ein. Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann erinnert entfernt an eine Schiffstakelage, in der die Figuren wie in einem streng konstruierten Spinnennetz zappeln. Und das in einer matt ausgeleuchteten Dunkelkammer in Kostümen, die sich farblich nur wenig vom düsteren Hintergrund abheben.

Was den Verlust an Freiheit unterstreichen soll, schlägt sich optisch in einer kontraproduktiven Bewegungslosigkeit nieder. Dass die gleiche Intention auch mit großen, freien, genial ausgeleuchteten Räumen erreicht werden kann, hat seinerzeit Erich Wonder in Heiner Müllers Tristan-Inszenierung bewiesen.
Das große Liebesduett im zweiten Akt findet unter der Beobachtung der Schergen König Markes statt, die von einer hohen Balustrade das Paar mit Scheinwerferkegeln in die Enge treiben. Rätselhafte Stahlringe entpuppen sich als Gitter, an denen sich die Liebenden absichtlich verletzen. Warum eigentlich? In totaler Finsternis durchleidet Tristan im dritten Akt seine Fieber- und Liebesqualen. Die Statik der Regie wird durch acht Erscheinungen Isoldes aufgelockert, die in diversen Posen in dreieckigen Schaukästen aufleuchten. Den Liebestod singt Isolde an der Totenbahre Tristans, bevor Marke sie zurückzerrt.
Ganz geht Katharina Wagners Vorstellung eines menschennahen Dramas nicht auf. Dafür hat Wagner selbst die Illusion einer Liebe, die nur jenseits des irdischen Lebens Erfüllung finden kann, zu stark idealisiert. Wer sich damit nicht abfinden will, gerät leicht auf banale Gleise, wie Katharina Wagners Deutung zeigt. Insgesamt also keine schwache, aber auch keine mitreißende Inszenierung. Es ist noch einmal gutgegangen. Der Komponist darf sich beruhigt zurücklehnen. Um den Verstand bringt die Produktion zumindest szenisch niemanden, wie er von „zu guten“ Aufführungen befürchtete. Dass dennoch von einem Erfolg gesprochen werden kann, ist Thielemann und seinen musikalischen Mitstreitern zu verdanken.
Ärger stößt da schon der Buh-Ruf eines „Kenners“ mitten im Liebestod auf. Aber auch schallende Bravo-Rufe nach dem kaum verklungenen Schlussakkord zeugen nicht gerade von einem sensiblen Kunstverständnis. Soviel zum Thema „Hochkultur“.
Pedro Obiera