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Mystik und Psychodrama

DIE FRAU OHNE SCHATTEN
(Richard Strauss)

Besuch am
9. April 2017
(Premiere)

 

Staatsoper Berlin

Als „Zauber­märchen“ hatte der Drama­tiker Hugo von Hofmannsthal einst sein Werk beschrieben, als er mit Richard Strauss im Frühling 1911 anfing, die Handlung zu besprechen. Es dauerte dann doch noch lange, bis die Oper endlich 1919 an der Wiener Staatsoper zur Urauf­führung kam und von Anfang an mit der Zauber­flöte von Mozart und Faust von Goethe verglichen wurde.

Vielleicht wegen der polyphonen Komple­xität und dem doch nicht so zugäng­lichen Sujet zwischen Mystik und Psycho­ana­lytik ist diese Oper eher selten gespielt. Jetzt wird sie an der Berliner Staatsoper mit Zubin Mehta als Dirigent und Claus Guth als Regisseur sowie einer hervor­ra­genden Riege an Solisten als Premiere der Festtage heraus­ge­bracht – als Kopro­duktion zwischen dem Teatro alla Scala und Royal Opera Covent Garden.

Wie schon in vergan­genen Insze­nie­rungen, hat Claus Guth die Geschichte in einem bürger­lichen Milieu angesiedelt – hier mit Andeu­tungen an das psych­ia­trische Krankenhaus „am Steinhof“ in Wien und in edlen, mit Mahagoni getäfelten Räumen von Christian Schmidt, der auch für die zeitlosen Kostüme verant­wortlich zeichnet.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Während des Vorspiels wird die bettlä­gerige Kaiserin und Tochter aus dem Geister­reich als „schat­tenlos“ diagnos­ti­ziert. Als Arzt und Amme, wie auch ihr Mann, der Kaiser, den Raum verlassen, fängt sie an zu träumen. So wird die Handlung der Oper ihr Alptraum, Vergan­gen­heits­be­wäl­tigung und Reifprüfung in einem, komplett mit Nosferatu-ähnlichen, schwarzen Gestalten, Visionen der weißen Gazelle, die sie einst war und die von ihrem Mann einge­fangen und subli­miert wurde. Der Geister­könig Keikobad gibt seiner Tochter noch drei Tage, einen Schatten – Frucht­barkeit – zu finden. Ansonsten wird ihr Mann zu Stein erstarren.  Ihre Amme – eine zwiege­spaltene Gestalt zwischen Fee und Hexe –hilft ihr, in die irdische Welt hinab­zu­steigen, in das Haus vom Färber Barak und seiner Frau, beide ebenfalls kinderlos. Die Amme erkennt, dass Baraks Frau bereit ist, ihren Schatten an die Kaiserin zu verkaufen. Zwar wird der Handel abgeschlossen, aber die Geister der ungebo­renen Kinder klagen an und lassen Baraks Frau an ihrer Entscheidung zweifeln. Es folgen Reife­prü­fungen für beide Paare – Barak und seine Frau, die zu irdisch sind, der Kaiser und Kaiserin, die fernab jeglicher Realität leben. Symbolik überall – der Falke als Symbol der Macht des Kaisers, die Gazelle als verwundbare Verkör­perung der Kaiserin, der Schatten als veran­kerndes Element der Menschen mit der Erde, der alternde Keikobad mit imposanter Antilopenmaske.

Wie in einem Drogen­rausch laufen die verschie­denen Prüfungen für alle vier Protago­nisten ab und steigern sich zu einer Walpur­gis­nacht-ähnlichen Apotheose am Ende des zweiten Aktes. Auch hier ist die Amme der Kataly­sator, die Urkraft, die alles voran­treibt, um letzt­endlich von Ihrem Zögling, der Kaiserin, verschmäht zu werden. Die bekommt ihren Schatten nicht durch den schnöden Handel der Amme mit Baraks Frau, sondern durch ihr eigenes, wachsendes Selbst­be­wusstsein als erwachsene und selbst­be­stimmte Frau.

Der dritte Akt ist von herrlichen lyrischen Passagen bestimmt, die quasi zur Lösung des drama­tur­gi­schen gordi­schen Knotens und einer Art Happy End führt. Claus Guth aber lässt seine Patientin aufwachen und jetzt selbst­be­wusst weiter­leben. Die sublime Musik von Strauss wird hier durch die starke visuelle Umsetzung mit den Video­pro­jek­tionen von Andi A. Müller und dem Licht von Olaf Winter unterstützt.

Foto © Hans Jörg Michel

Die Frau ohne Schatten ist eine Oper mit großer Besetzung – sowohl im Orches­ter­graben wie auf der Bühne. Wie so oft bei Strauss, sind die Rollen der weiblichen Figuren dieje­nigen, die das Werk tragen. Hier sind es Camilla Nylund als Kaiserin und Iréne Theorin als Baraks Frau – beides Rollen­debüts – die die stimmlich und drama­tisch sehr anspruchs­vollen Partien bravourös und ebenbürtig bewäl­tigen. Michaela Schuster verkörpert die Amme mit fast grotesken Überzeich­nungen und ausdrucks­reicher stimm­licher Leistung. Burkhard Fritz gibt dem Kaiser mit seinem schön timbrierten, edlen Tenor viel Persön­lichkeit. Der warme Bass-Bariton von Wolfgang Koch erdet seinen Barak in der Realität des Hier und Jetzt.  Roman Trekel überzeugt als eleganter Geisterbote. Die vielen kleineren Rollen werden von Ensem­ble­mit­gliedern darge­stellt. Die weiße Gazelle von Tänzerin Sarah Grether und der Falke von Victoria McConnell müssen erwähnt werden. Zwar sind ihre Rollen stumm, aber die Grazie und Anmut beider Figuren in ihren realis­ti­schen Masken, tragen sehr zur gefühl­vollen Fanta­siewelt der Geschichte bei – dank der Einstu­dierung von Julia Burbach.

Richard Strauss hat für großes Orchester und mehrere Chöre geschrieben – für jedes Opernhaus ist die Produktion dieser Oper eine Heraus­for­derung von wagner­schen Dimen­sionen. Die Staats­ka­pelle Berlin mit Ehren­di­rigent Zubin Mehta an der Spitze meistern diese Anfor­de­rungen glänzend. Klang­ge­waltig in den Natur­bildern und ebenso durch­sichtig und zart in den lyrischen Passagen: Wie ein Wasserfall von Musik strömt es über das Publikum. Dass man manchmal sowohl Orchester und Sänger als zu laut empfindet, liegt eher an dem relativ kleinen Schiller-Theater.

Rauschender Applaus für die Sänger, Dirigent und Orchester.  Die wenigen Buhrufe für das kreative Team um Claus Guth werden locker von den Bravo-Rufen übertönt.

Zenaida des Aubris

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