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Foto © Jan Bauer

Kunst zum Geilstgruseln

MONDPARSIFAL BETA 9–23
(Bernard Lang)

Besuch am
16. Oktober 2017
(Premiere am 15. Oktober 2017)

 

Haus der Berliner Festspiele

Eigentlich lautet der Titel des Stückes, das im Rahmen des Programms Immersion der Berliner Festspiele geboten wird:  Mondpar­sifal Beta 9–23 (von einem, der auszog, den „Wagne­rianern des Grauens“ das „Geilst­gruseln zu erzlehren …). Die Absur­dität des Titels ist auch Programm. Jonathan Meese, das aktuelle enfant terrible der opera­ti­schen Szene oder der doch zumindest dafür gehalten werden möchte, der sogar von den doch mittler­weile libera­leren Bayreuther Festspielen ausge­laden wurde, dort den Parsifal zu insze­nieren, hat es dann doch nach Wien und Berlin geschafft. In Wien hieß sein Parsifal noch Mondpar­sifal Alpha 1–8 (Erzmutterz der Abwehrz). Offiziell begründete Bayreuth, die Produktion sprengte den Etat. Wien und Berlin hatten diese Hemmschuhe offen­sichtlich nicht.

Eine Bilderflut empfängt den Besucher schon im Foyer des Hauses der Berliner Festspiele – die multi­me­dialen Instal­la­tionen von Meese zum Thema beein­drucken vorder­gründig wegen der grob-aufge­tra­genen roten Farbe und Schriften. Infantile Instal­la­tionen mit allem möglichen Spielzeug und Müll stumpfen den Besucher visuell ab, geben keine Antworten und stimu­lieren auch nicht, sind bestens amüsante Collagen eines Kindes.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Bilderflut geht dann auf der Bühne weiter – monumentale Wolken­formen sollen vielleicht eine abstrakte Landschaft deuten. Parzefool/​Parsifal erscheint in roten Windeln und schen­kel­hohen Stiefeln – identisch mit dem Helden Zed aus dem Science-Fiction-Streifen Zardoz aus dem Jahre 1974 mit Sean Connery oder auch dem Komiker Sacha Baron Cohen in seiner Rolle als Reporter Borat. Der Schwan ist ein überdi­men­sio­naler, roter Drache. Gurnemantz/​Gurnemanz läuft im Trainings­anzug herum, Cundry/​Kundry ist mal Wagner, mal Barba­rella, mal Kriemhild, Clingsore/​Klingsor ist Dr. No, mutiert dann aber in einen abgewrackten Obdach­losen, der seinen großen Stoff­bären mal lyncht, mal sexuell missbraucht. Die Blumen­mädchen sind japanische Manga-Komik-Karika­turen mit bunten Perücken, die Grals­ritter und Knappen entstammen dem Raumschiff Enter­prise. Amphortas/​Amfortas ist ein smarter, blonder Dandy. Im dritten Akt verwandelt sich Parzefool in einen blonden, griechi­schen Helden, komplett mit mittel­al­ter­licher Ritter­rüstung. Regie, Bühnen­bilder und Kostüme stammen alle von Meese, der ohne Hemmungen auf Zitate von Schopen­hauer bis Fritz Lang, Pokahontas, John Wayne, Kampf­stern Galactica und Sponge Bob zurück­greift. Humpty Dumpty mit dem Gesicht der Mutter Meeses schaut von der Rampe zu.

Foto © Jan Bauer

Und wenn dem Künstler dann die Ideen im dritten Akt ausgehen – dann wird erst richtig dick aufge­tragen: Ausschnitte aus Fritz Langs Filmen Siegfried und Kriem­hilds Rache, gefolgt von einer längeren Filmse­quenz Meeses, die seine Action-Comics organi­siert, überlagert von den Unter­titeln und – in rot – Kommen­taren von Meese plus der Aktionen auf der Bühne und die Musik im Graben. So viele audio­vi­su­ellen Schichten hat nicht einmal Christoph Schlin­gensief geschafft.

Als Parsifal ist Counter­tenor Daniel Gloger in der generell sehr engagierten Besetzung heraus­ragend. Er wirft sich wortwörtlich in diese Rolle, die gesang­liche und physische Purzel­bäume erfordert. Der Gurnemantz/​Gurnemanz von Wolfgang Bankl überzeugt in seiner Boden­stän­digkeit. Magdalena Anna Hofmann ist als Kundry unerschüt­terlich – sexy und stimmlich sicher in diesem Tohuwabohu zu bleiben, erfordert höchste Konzen­tration. Martin Winkler ist ein Künstler der Wandlungs­fä­higkeit. Tómas Tómasson singt einen charis­ma­ti­schen Amfortas.

“Eine Überschreibung für Stimmen, Chor und Orchester nach Richard Wagners Parsifal” nennt der Komponist Bernhard Lang sein Werk. Und das ist es auch – erkennbare Elemente und Melodien verschmelzen mit Saxofon, Schlagwerk, Synthe­sizer, akusti­schem Bass oder Akkordeon und tradi­tio­nellen Instru­menten in einer genialen Partitur. Atona­lität und Jazz tönen neben­ein­ander. Gerald Preinfalk gibt ein drängendes Jazz-Funk-Solo auf seinem Bariton-Saxofon im Prolog zum zweiten Akt, das spontanen Applaus erzeugt. Dirigentin Simone Young kitzelt dem Klang­forum Wien und dem sehr guten Arnold-Schönberg-Chor alle Farben der Partitur heraus. Mit seinem Libretto und der musika­li­schen Grund­struktur bindet Lang seinen eigenen kompo­si­to­ri­schen Stil, der auf sich wieder­ho­lenden Schleifen basiert, in das Drama ein.

Am Ende der drei Akte und vier Stunden später ist der anfänglich volle Saal halb leer. Die hartge­sot­tenen Fans umjubeln die Sänger und das musika­lische Ensemble, wie auch den Schöpfer dieser musika­li­schen Instal­lation, Jonathan Meese.

Zenaida des Aubris

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