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Foto © Dirk Bleicher

Wanderreise mit Schubert

SILENT SONGS INTO THE WORLD
(Franz Schubert)

Besuch am
25. September 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Nico and the Navigators, Konzerthaus Berlin

Vor fast 20 Jahren gründete das Künst­lerpaar Nicola Hümpel und Oliver Proske am Bauhaus Dessau ein Theater­kol­lektiv mit dem seltsamen Namen Nico and the Navigators – Nico steht für Nicola, die Naviga­toren sind ihre Mitstreiter und Impuls­geber. Schnell kam es zu einer Koope­ration mit den Sophien­sälen in Berlin, wo die Gruppe als artists in residence die ersten Stücke erarbeitete. Projekte am Radial­system und zur Eröffnung der Tisch­lerei an der Deutschen Oper folgten. Mittler­weile haben sich die Navigators als feste Größe in der Freien Szene Berlins etabliert. Wobei etabliert rein künst­le­risch zu verstehen ist. Denn obwohl die Truppe mittler­weile europaweit in inter­na­tio­nalen Kopro­duk­tionen zu erleben ist, begleitet der zähe Kampf um Förder­mittel die künst­le­rische Arbeit. Die Kreati­vität hat dabei glück­li­cher­weise nicht gelitten, wie die Berliner Premiere von Silent songs into the world beweist, die nach der Brüsseler Urauf­führung im Februar nun im Konzerthaus zu sehen ist.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Silent songs into the world trägt den Unter­titel Staged Concert mit Musik von Franz Schubert, ist aber viel mehr als ein szeni­sches Konzert. Nicola Hümpel greift auf Lieder des Kompo­nisten zurück, die sich ums Wandern und Reisen drehen und um alles, was damit zu tun hat, seien es Sehnsuchts‑, Abschieds‑, Fremd­heits- oder Glücks­ge­fühle. Aus ihnen entwi­ckelt sie mit dem Bühnen­bildner Oliver Proske, der auch die ausge­klü­gelte Video­regie verant­wortet, eine assozia­ti­ons­reiche Collage aus Gesang und Tanz, die die Stimmungen von Musik und Text subtil einfängt. Sie steckt auch musika­lisch voller Überraschungen.

Foto © Dirk Bleicher

Schubert erklingt nicht nur im Original, sondern verfremdet und in delikaten Neuar­ran­ge­ments durch den Gitar­risten Tobias Weber. Parallel zu den Aktionen, in die auch die Instru­men­ta­listen – das Apollon Musagète Quartett, Weber selbst und der Pianist Matan Porat– mitein­be­zogen sind, werden die Gesichter der Darsteller vergrößert auf zwei beweg­liche Leinwände proji­ziert. So entsteht eine besondere Nähe zum Publikum. Jede Musik­nummer trägt eine moderne Überschrift. Gretchen am Spinnrade heißt beispiels­weise U‑Bahn-Gretchen. Dabei kauert Sarah Laulan als Flücht­lingsfrau inmitten einer Menschen­gruppe und singt „Meine Ruh ist hin“. Oder Meeres Stille mit dem Übertitel Lampedusa: Während Julla von Landsberg das Lied ganz zart vorträgt, simuliert das Ensemble durch Körper­be­we­gungen Wellen. Sehr aktuell wirken diese Bilder, aber nie aufgesetzt.

Auch humor­volle Szenen gibt es, wenn etwa Yui Kawaguchi zum Klavier-Impromptu den Pianisten übermütig antanzt. Das Stück mündet in ein mitrei­ßendes Finale. Mit überschäu­mendem Drive intonieren alle Mitwir­kenden Das Wandern ist des Müllers Lust. Jeder in seiner Sprache, denn auch die Multi­na­tio­na­lität gehört zum Konzept. Aus sieben Ländern kommen die Sänger, Tänzer und Instru­men­ta­listen, und jeder von ihnen bringt seine eigene Geschichte mit ein. Zusammen aber bilden alle ein absolut homogenes Ensemble. Und doch ist ein Solist hervor­zu­heben: Der Bariton Nikolay Borchev singt so empfindsam und kulti­viert, dass er sich als hoffnungs­voller Liedsänger empfiehlt.

Viele Bravos und langan­hal­tender Applaus im fast ausver­kauften Konzerthaus nach einem anregenden und beglü­ckenden Abend. Der so facet­ten­reich ist, dass ein einma­liges Erlebnis eigentlich nicht ausreicht. Zur Vertiefung der Eindrücke ist im März kommenden Jahres im Radial­system Gelegenheit.

Karin Coper

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