Interaktives Chaos macht Spaß

STAATSTHEATER
(Mauricio Kagel)

Besuch am
5. Mai 2017
(Premiere am 2. Mai 2017)

 

Opera Lab Berlin

Zischen, gurgeln, piepsen, hyste­ri­sches Lachen, rubbeln, klopfen, klatschen, pfeifen, stampfen, klappern, staub­saugen … und weitere hunderte von Geräu­schen werden im Staats­theater zusam­men­ge­führt.  Fast wie im richtigen Leben. Das 1971 urauf­ge­führte Stück wird jetzt vom Ensemble des Opera Lab in Berlin in einer von Evan Gardner erarbei­teten Fassung im Ballhaus Ost auf die Bühne gebracht.

Zwar gab der Komponist Mauricio Kagel einige Regeln an – neun lose Szenen mit den Titeln Reper­toire, Einspie­lungen, Ensemble, Debüt, Saison, Spielplan, Kontra-Danse, Freifahrt und Parkett die allesamt nicht länger als 100 Minuten dauern sollen – ließ aber den Inter­preten sehr viel Freiheiten in der Umsetzung.  So ist jede Aufführung des selten gespielten Werkes ein Unikat in mehreren Hinsichten „Jede Reali­sation des Werkes wird unvoll­ständig sein und zwar auf eine Weise, die die betei­ligten Sänger und Musiker vielleicht nicht befrie­digen wird,” sagte der Komponist damals.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie     
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Andockend an die 1971 revolu­tio­nären Parolen von Pierre Boulez, man solle doch die Opern­häuser in die Luft sprengen, findet diese Insze­nierung unter dessen Ruinen statt.  Hier betreibt das Phantom der Oper sein Altersheim und kümmert sich um den dementen Zeitgeist.  In den Folter­kellern aus den Tagen der Kommune bewohnt die Ewige Jugend ein Hospiz ohne Erinnerung an die Zukunft. Durchweg wird kein einziges echtes Wort gesprochen oder gesungen, obwohl einige onoma­to­poe­tische Laute beispiels­weise dem Wiener Umgangswort „Schmäh“ sehr nah kommen.

Anfänglich sitzt das Publikum auf langen Bänken, während es die alltäg­lichen Abläufe des Alters­heimes mitbe­kommt. Dann aber fordert die Ewige Jugend die Zuschauer auf den Rummel­platz der Bühne, wo jeder mitmachen kann, zum Beispiel beim Erdbeer-Bowle-Geräusche-machen oder beim Wettlauf mit kleinen, weißen Aufziehküken.

Der Rummel­platz der Aktion wird mit einem lauten Topfde­ckellauf der Ewigen Jugend auf allen Vieren in Richtung der ehema­ligen Sitzplätze beendet. Ein drittes Mal wendet sich die Richtung des Geschehens. In diesem Teil werden Spruch­bänder aufge­stellt und zerrissen, diverse Instru­mente werden in Kinder­wagen hin und her gefahren. In einer Wagner-Parodie stolziert eine Walküre mit nackter Gummi­brust und mit einer rückwärts deutenden Fahne der Bayreuther Festspiele über die Bühne. Solche Klamauk-Aktionen sind eher infantil als komisch. Von einer Schock­wirkung ganz zu schweigen.

Foto © Vincent Stefan

Mit hunderten von alltäg­lichen Geräu­sche­ma­chern kreiert Evan Gardner eine neue Fassung des Werkes.  Regisseur Michael Höppner weiß, wie man auf jedes Geräusch reagieren kann, und sei es nur ein gekonntes, naives Augen­rollen. Gespannt erwartet der Zuschauer den nächsten Effekt und lauscht den diversen musika­li­schen und vokalen Kundge­bungen. Günter H. W. Lemke gibt den zwei Haupt­ak­teuren würdige, klassische Roben, die sie als betagte Opern­be­sucher in Frack und Abend­kleid oder Könige der Antike mit phanta­sie­vollen Kronen aus Alumi­ni­um­folie und Plastik­perlen bekleidet. Die Ewige Jugend springt im pfiffigen weißen Tennis-Dress herum. Das sparsame Bühnenbild von Martin Miotk und Cristina Lelli lässt sich je nach Richtung und Aufgabe verlagern.

Catherine Gayer und Klaus Lang – ehemals langjährige Mitglieder der Deutschen Oper – füllen ihre Charaktere mit Persön­lichkeit und Würde aus. Das wird durch die kleinste Handbe­wegung und Augen­rollen kommu­ni­ziert. Köstlich, wie Gayer als alternde Opern­sän­gerin mit ihren stummen Einspie­lungen verliebt Karaoke mimt oder Klaus Lang als ihr Peiniger, der sich allerlei Absurdes und Groteskes einfallen lässt, um sie und sich selber zu amüsieren.

Das musika­lische Ensemble von acht Musikern und deren Leiter Antoine Daurat ist unsichtbar.  Es hat die schwierige Aufgabe, das Timing der Geräusche und Reaktionen zu koordi­nieren – bekanntlich hängt Komik ja immens vom richtigen Timing ab.

Das Ballhaus Ost ist in einem noch unreno­vierten Hinter­hof­ge­bäude in Berlin-Kreuzberg unter­ge­bracht. Mit seinem abblät­ternden Putz und den noch sicht­baren Einschuss­lö­chern in der Fassade gehört es zu den heute noch wenigen „freien“ Orten in Berlin, die zum Flair der Stadt gehören. Wie lange noch? Rings­herum ist schon fast alles saniert und gentri­fi­ziert. Schicke Restau­rants und Designer­läden sprechen eine andere Lebensart an.

Am Ende applau­diert das Publikum sich selbst und den nicht nur stummen Darstellern sowie – besonders herzlich – den beiden Haupt­dar­stellern Catherine Gayer und Klaus Lang.

Zenaida des Aubris

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