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Graham Vicks Inszenierung von Brittens Spätwerk fokussiert auf den Tod des Dichters Aschenbach – und dazu braucht er beim ihm nicht bis Venedig zu reisen. In der Ausstattung von Stuart Nunn sind die großen, raumgreifenden Symbole einer Beerdigungsszene mit Trauergemeinde zu sehen, jedoch über den gesamten Abend keine spezifisch Venedig zuzurechnenden Bildelemente.
Der in der fein-abgestuften Lichtregie von Wolfgang Göbbel in der morbiden Farbmischung von Gelb- und Lilatönen gehaltene Einheits-Bühnenraum ist ausgefüllt durch einen riesigen schwarzen Bilderrahmen und einen übergroßen lilafarbenen Tulpenstrauss als suggestive Schmuckelemente einer Totenfeier. Diese Bilder bleiben während der gesamten Handlung dominant. Der in der Novelle 50-jährige Aschenbach kann ihnen nicht entfliehen. Er kann seinem von Anbeginn unausweichlichen Weg in den Tod nicht entkommen.
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Dem Dichter scheinbar zur Seite steht in regelmäßigen Abständen eine Figur des Übergangs und der Verführung, die in der Novellen- und Opernhandlung unter anderem als geheimnisvoller Reisender, alter Gondoliere, Hotelmanager und Stimme des Dionysos in Erscheinung tritt.
Bei Vick wendet er sich jeweils wie ein aus dem Ruder gelaufener Privatpsychologe oder Psychotherapeut Aschenbach zu, kümmert sich, umhegt ihn, gewährt ihm körperliche Berührung und Trost auf der Überfahrt seines Lebens.
Er weiß um die Befindlichkeit und die verletzte, durch die erfahrene Brüchigkeit des eigenen Lebensbildes auf den Tod erschütterte Seele des Dichters. Er begleitet diesen Weg in der Überzeugung und Haltung, dass eine Öffnung der Persönlichkeit Zerbrechen bedeuten kann, der Tod für Aschenbach gleichwohl Erlösung verheißt aus einem von übergroßer Disziplin geprägten, eingeengten Dasein.
Die inhaltliche Erklärung bietet Aschenbach jeweils selbst. Es bedarf auch nur eines sanften Impetus, um den Dichter zu Reflexion und zum Selbstbekenntnis zu motivieren. Er gedenkt dann der sein gesamtes Leben prägenden Disziplin, seiner Enthaltsamkeit und seiner Einsamkeit. Er schwankt bei der Einschätzung seiner Lebensleistung zwischen Selbstzweifel und der Imagination einer eigenen, vermuteten Größe, auf die eine ganze Welt warte.
Sein Lebensorbit besteht lediglich in Kontemplation, Reflexion, zunehmender Einsamkeit und wachsendem Kontrollverlust – zur Begegnung mit dem Leben, mit Menschen kommt es nicht mehr.
Die erdrückende Atmosphäre des gelb-lilafarben leuchtenden Einheitsraumes verstärkt die Unausweichlichkeit und Statuarik der Kernhandlung, die zu einem Kammerspiel und Endzeitbild eines Dichters mit seinem tödlichen Therapeuten Dionysos wird.
Das ist keine liebliche, verführerische, in der Romantik eines Bilderbuch-Venedigs schwelgende Umsetzung, sondern eine fahle, von Anbeginn todkranke Bild- und Erlebniswelt eines verlöschenden Geistes. Auch der Knabe Tadzio ist kein blonder Rauschgold-Schönling, sondern in der Verkörperung von Rauand Taleb ein zarter, verspielter, eher kindhafter, nicht auffälliger, normaler Junge. Die Protagonisten werden in feinsinnigster Personenführung geleitet.
Plakativ wirkungsvoll und unterhaltsam ist anders. Es handelt es sich um eine stringente, in jeder Hinsicht extrem fokussierte, hinsichtlich der Wirkung auch mutige Umsetzung einer äußerlich zu viel fantastischeren Bildwelten verführenden Vorlage.
Paul Nilon in der Rolle des Aschenbach ist eine Idealbesetzung für dieses Konzept. Sein lyrischer Tenor vermag die ziselierten Abstufungen der anspruchsvollen Partie grandios auszufüllen. Seine Stimme benötigt zu Beginn einen Moment, bis sie bei aller Differenziertheit auch den großen Raum der Deutschen Oper durchdringt. Danach aber hält er eine sensible und auch darstellerisch nie nachlassende Intensität.

Seth Carico in den sieben Partien seines Weggefährten kann mit stupender Stimmführung und brillanter körperlicher Beherrschung mühelos alle Register ziehen. Im Spiel brilliert er mit großer Lust mephistophelisch auch auf Stöckelschuhen. Den sich ihm anvertrauenden Dichter wiegt er in körperlicher Nähe im Arm wie ein Kind bei der Fahrt durch die verworrenen Wasser-Wege des Lebens.
Wie ganz nebenher windet er seine hochgewachsene Gestalt ohne Mühe bei Auf- und Abtritt auch schon einmal durch den Souffleurkasten – er könnte das ohne Zweifel auch mit viel Freude durch jeden Schornstein schaffen. Die souveräne Kraft und Gestaltungsintelligenz des Sängers macht ihn zum dynamischen, unkontrollierbaren Zentrum des Abends. Die Wirkung seiner Impulse jedoch sind ausschließlich in der Persönlichkeitsstruktur Aschenbachs selbst begründet. Wie ein seine Seele umhegender Weggefährte oder die Personifizierung eines immer dominanteren Teils seines Egos bewirkt er die unausweichlichen Schritte des weiteren Lebensweges und seinen Gang in den Tod. Eine auch darstellerisch fantastische Leistung.
Tai Oney ist die Stimme des Apollo. Sein disziplinierter und fein geführter Countertenor rundet das Terzett des Kammerspiels hervorragend ab. In Spiel und Darstellung entrückt sein apollinischer Auftritt mehr und mehr der Lebensrealität Aschenbachs. Seine Gesten und sein Gesang verhallen am Ende. Gegen Dionysos hat er keine Chance. Der Sänger weiß sich in Stimmführung und darstellerischer Gestaltung nachgerade demütig diesem Konzept einzuordnen.
Umgeben wird das Spiel der Hauptdarsteller durch nicht weniger als 45 Sänger, stumme Schauspieler, Statisten und Tänzer. Die Deutsche Oper kann damit einer Vielzahl von jungen Ensemblemitgliedern, vor allem aber Stipendiaten diverser Stiftungen und Förderkreise die Gelegenheit zum Auftritt geben, den alle Beteiligten mit viel Spielfreude erfüllen.
Die Inszenierung vermag dabei, allen Charakteren und Gruppen trotz Aschenbachs entrückter Perspektive einen wirkungsvollen Auftritt zu geben. Dazu trägt nicht zuletzt die Choreografie von Ron Howell sowie die exzellente Einstudierung des Solisten-Chores durch Ido Arad und Christopher White bei. Für den Chor hinter Szene zeichnet Raymond Hughes verantwortlich.
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung des Hausherrn Donald Runnicles spielt mit großer Energie und Spielfreude am besonderen Klangbild Brittens und seiner rhythmisch anspruchsvollen Struktur. Dem Orchester gelingt zusammen mit den Sängern in der nicht einfachen Akustik des Hauses eine außerordentlich gelungene Balance und feinsinnig-klangliche Gestaltung.
Das Publikum folgt der Aufführung mit intensiver Anteilnahme. Großer Beifall und viele bravi für Paul Nilon, Seth Carico und das Orchester der Deutschen Oper. Einige verschwindend geringe Protestrufe beim Auftritt des Regieteams, das jedoch von der großen Mehrheit des Publikums gleichfalls gefeiert wird.
Der Deutschen Oper Berlin ist damit eine außerordentlich sinnhafte Erweiterung ihrer Aufführungsserie von Werken Benjamin Brittens gelungen.
Achim Dombrowski