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Tod ohne Venedig

TOD IN VENEDIG
(Benjamin Britten)

Besuch am
19. März 2017
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Graham Vicks Insze­nierung von Brittens Spätwerk fokus­siert auf den Tod des Dichters Aschenbach – und dazu braucht er beim ihm nicht bis Venedig zu reisen. In der Ausstattung von Stuart Nunn sind die großen, raumgrei­fenden Symbole einer Beerdi­gungs­szene mit Trauer­ge­meinde zu sehen, jedoch über den gesamten Abend keine spezi­fisch Venedig zuzurech­nenden Bildelemente.

Der in der fein-abgestuften Licht­regie von Wolfgang Göbbel in der morbiden Farbmi­schung von Gelb- und Lilatönen gehaltene Einheits-Bühnenraum ist ausge­füllt durch einen riesigen schwarzen Bilder­rahmen und einen übergroßen lilafar­benen Tulpen­strauss als suggestive Schmuck­ele­mente einer Toten­feier. Diese Bilder bleiben während der gesamten Handlung dominant. Der in der Novelle 50-jährige Aschenbach kann ihnen nicht entfliehen. Er kann seinem von Anbeginn unaus­weich­lichen Weg in den Tod nicht entkommen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Dem Dichter scheinbar zur Seite steht in regel­mä­ßigen Abständen eine Figur des Übergangs und der Verführung, die in der Novellen- und Opern­handlung unter anderem als geheim­nis­voller Reisender, alter Gondo­liere, Hotel­ma­nager und Stimme des Dionysos in Erscheinung tritt.

Bei Vick wendet er sich jeweils wie ein aus dem Ruder gelau­fener Privat­psy­chologe oder Psycho­the­rapeut Aschenbach zu, kümmert sich, umhegt ihn, gewährt ihm körper­liche Berührung und Trost auf der Überfahrt seines Lebens.

Er weiß um die Befind­lichkeit und die verletzte, durch die erfahrene Brüchigkeit des eigenen Lebens­bildes auf den Tod erschüt­terte Seele des Dichters. Er begleitet diesen Weg in der Überzeugung und Haltung, dass eine Öffnung der Persön­lichkeit Zerbrechen bedeuten kann, der Tod für Aschenbach gleichwohl Erlösung verheißt aus einem von übergroßer Disziplin geprägten, einge­engten Dasein.

Die inhalt­liche Erklärung bietet Aschenbach jeweils selbst. Es bedarf auch nur eines sanften Impetus, um den Dichter zu Reflexion und zum Selbst­be­kenntnis zu motivieren.  Er gedenkt dann der sein gesamtes Leben prägenden Disziplin, seiner Enthalt­samkeit und seiner Einsamkeit. Er schwankt bei der Einschätzung seiner Lebens­leistung zwischen Selbst­zweifel und der Imagi­nation einer eigenen, vermu­teten Größe, auf die eine ganze Welt warte.

Sein Lebens­orbit besteht lediglich in Kontem­plation, Reflexion, zuneh­mender Einsamkeit und wachsendem Kontroll­verlust – zur Begegnung mit dem Leben, mit Menschen kommt es nicht mehr.

Die erdrü­ckende Atmosphäre des gelb-lilafarben leuch­tenden Einheits­raumes verstärkt die Unaus­weich­lichkeit und Statuarik der Kernhandlung, die zu einem Kammer­spiel und Endzeitbild eines Dichters mit seinem tödlichen Thera­peuten Dionysos wird.

Das ist keine liebliche, verfüh­re­rische, in der Romantik eines Bilderbuch-Venedigs schwel­gende Umsetzung, sondern eine fahle, von Anbeginn todkranke Bild- und Erleb­niswelt eines verlö­schenden Geistes. Auch der Knabe Tadzio ist kein blonder Rauschgold-Schönling, sondern in der Verkör­perung von Rauand Taleb ein zarter, verspielter, eher kindhafter, nicht auffäl­liger, normaler Junge. Die Protago­nisten werden in feinsin­nigster Perso­nen­führung geleitet.

Plakativ wirkungsvoll und unter­haltsam ist anders. Es handelt es sich um eine strin­gente, in jeder Hinsicht extrem fokus­sierte, hinsichtlich der Wirkung auch mutige Umsetzung einer äußerlich zu viel fantas­ti­scheren Bildwelten verfüh­renden Vorlage.

Paul Nilon in der Rolle des Aschenbach ist eine Ideal­be­setzung für dieses Konzept. Sein lyrischer Tenor vermag die ziselierten Abstu­fungen der anspruchs­vollen Partie grandios auszu­füllen. Seine Stimme benötigt zu Beginn einen Moment, bis sie bei aller Diffe­ren­ziertheit auch den großen Raum der Deutschen Oper durch­dringt. Danach aber hält er eine sensible und auch darstel­le­risch nie nachlas­sende Intensität.

Foto © Marcus Lieberenz

Seth Carico in den sieben Partien seines Wegge­fährten kann mit stupender Stimm­führung und brillanter körper­licher Beherr­schung mühelos alle Register ziehen. Im Spiel brilliert er mit großer Lust mephis­to­phe­lisch auch auf Stöckel­schuhen. Den sich ihm anver­trau­enden Dichter wiegt er in körper­licher Nähe im Arm wie ein Kind bei der Fahrt durch die verwor­renen Wasser-Wege des Lebens.

Wie ganz nebenher windet er seine hochge­wachsene Gestalt ohne Mühe bei Auf- und Abtritt auch schon einmal durch den Souffleur­kasten – er könnte das ohne Zweifel auch mit viel Freude durch jeden Schorn­stein schaffen. Die souveräne Kraft und Gestal­tungs­in­tel­ligenz des Sängers macht ihn zum dynami­schen, unkon­trol­lier­baren Zentrum des Abends. Die Wirkung seiner Impulse jedoch sind ausschließlich in der Persön­lich­keits­struktur Aschen­bachs selbst begründet. Wie ein seine Seele umhegender Wegge­fährte oder die Perso­ni­fi­zierung eines immer dominan­teren Teils seines Egos bewirkt er die unaus­weich­lichen Schritte des weiteren Lebens­weges und seinen Gang in den Tod. Eine auch darstel­le­risch fantas­tische Leistung.

Tai Oney ist die Stimme des Apollo. Sein diszi­pli­nierter und fein geführter Counter­tenor rundet das Terzett des Kammer­spiels hervor­ragend ab. In Spiel und Darstellung entrückt sein apolli­ni­scher Auftritt mehr und mehr der Lebens­rea­lität Aschen­bachs. Seine Gesten und sein Gesang verhallen am Ende. Gegen Dionysos hat er keine Chance. Der Sänger weiß sich in Stimm­führung und darstel­le­ri­scher Gestaltung nachgerade demütig diesem Konzept einzuordnen.

Umgeben wird das Spiel der Haupt­dar­steller durch nicht weniger als 45 Sänger, stumme Schau­spieler, Statisten und Tänzer. Die Deutsche Oper kann damit einer Vielzahl von jungen Ensem­ble­mit­gliedern, vor allem aber Stipen­diaten diverser Stiftungen und Förder­kreise die Gelegenheit zum Auftritt geben, den alle Betei­ligten mit viel Spiel­freude erfüllen.

Die Insze­nierung vermag dabei, allen Charak­teren und Gruppen trotz Aschen­bachs entrückter Perspektive einen wirkungs­vollen Auftritt zu geben. Dazu trägt nicht zuletzt die Choreo­grafie von Ron Howell sowie die exzel­lente Einstu­dierung des Solisten-Chores durch Ido Arad und Chris­topher White bei. Für den Chor hinter Szene zeichnet Raymond Hughes verantwortlich.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung des Hausherrn Donald Runnicles spielt mit großer Energie und Spiel­freude am beson­deren Klangbild Brittens und seiner rhyth­misch anspruchs­vollen Struktur. Dem Orchester gelingt zusammen mit den Sängern in der nicht einfachen Akustik des Hauses eine außer­or­dentlich gelungene Balance und feinsinnig-klang­liche Gestaltung.

Das Publikum folgt der Aufführung mit inten­siver Anteil­nahme. Großer Beifall und viele bravi für Paul Nilon, Seth Carico und das Orchester der Deutschen Oper. Einige verschwindend geringe Protestrufe beim Auftritt des Regie­teams, das jedoch von der großen Mehrheit des Publikums gleich­falls gefeiert wird.

Der Deutschen Oper Berlin ist damit eine außer­or­dentlich sinnhafte Erwei­terung ihrer Auffüh­rungs­serie von Werken Benjamin Brittens gelungen.

Achim Dombrowski

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