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Ein Faust und kein Hallelujah

FAUST
(Charles Gounod)

Besuch am
29. Januar 2017
(Premiere)

 

Konzert-Theater Bern

Ein lauer Schluss­ap­plaus kann eine schal­lende Ohrfeige sein. Die Buh-Rufe beim Auftritt des Regis­seurs mit seinem Team sind es auf jeden Fall. Das Konzert-Theater Bern zeigt Faust von Charles Gounod in einer Produktion des Engländers Nigel Lowery. Beklatscht und mit Bravi bedacht werden vor allem die Leistungen von den Sängern und vom Berner Sympho­nie­or­chester. Das abstrakte Regie­konzept, angesiedelt in der Stummfilm-Ära eines Fritz Lang und angerei­chert mit der künst­le­ri­schen Stilrichtung des Expres­sio­nismus, hinter­lässt beim Publikum einen zwielich­tigen Eindruck. Der Regisseur hat vor dieser Arbeit in Bern mit zwei Kassen­er­folgen gepunktet. Seine Version von Mozarts Zauber­flöte und von Rossinis Einakter L’occasione fa il ladro kamen bei den Schweizer Haupt­städtern gut an.

Bei Lowerys Lesart hat der Trank des Teufels keinen direkt verjün­genden Effekt. Faust erlebt durch das Zauber­mittel sein Leben vielmehr als neu belebten Traum, in dem er wieder jung ist und sich die Liebe von Marga­rethe erschleicht. Der Regisseur veran­schau­licht diesen Flashback schlüssig. Die Zeit und die Darsteller laufen für einen Moment rückwärts, die Toten kommen aus ihren Gräbern zurück. Damit verpufft dieser Ansatz aber auch schon. Der Rest ist Libretto und hält keine sonder­lichen Überra­schungen parat. Dass die Figur der Marga­rethe in einer Vielschichtung des weiblichen Prinzips auftritt, kann zumindest als Freudsche Traum­deutung inter­pre­tiert werden. Sie erscheint Faust mitunter als Madonna oder Hure.

Die Drama­turgie setzt dafür umso strin­genter auf die Ästhetik der 1920-er-Jahre-Stumm­filme und lässt beim Bühnenbild den Expres­sio­nismus vergan­gener Tage eindeutig erkennen. Eine Eins in Malen gibt es nicht. Es scheint, als habe Lowery persönlich zum Pinsel gegriffen. Die Kunst wirkt hinge­kritzelt wie von Kinderhand. Anstatt den Gedanken von Metro­polis & Co. konse­quent in Schwarzweiß weiter­zu­führen, klotzt die Regie mit satten Farben und dämoni­schen Licht­ef­fekten von Bernhard Bieri. Die purita­nische Zurück­haltung bei den Kostümen von Bettina Munzer passt hingegen wieder gut zur farbge­wal­tigen Schau­buden-Romantik mit verscho­benen Kulissen im 3‑D-Effekt. Die züchtigen Gewänder haben einen Hinter­grund, sie verweisen auf eine religiöse und somit manipu­lierbare Gesell­schaft, angeführt von keinem Gerin­geren als von Marga­rethes Bruder Valentin.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Geschichte von Johann Wolfgang von Goethes Faust I ist bestens bekannt. Der Wunsch nach ewiger Jugend führt zu einem Pakt mit dem Teufel, und das wiederum treibt alle Protago­nisten ins Elend. Die Libret­tisten Jules Barbier und Michel Carré nahmen die Tragödie 1859 als Vorlage für die Oper von Charles Gounod. Zuerst als Opéra comique mit gespro­chenen Dialogen aufge­führt, arbeitete der Komponist sein Opus zehn Jahre später zur Opéra tragédie um und vertonte alle Rezitative. Das Werk ist seit dieser Zeit nicht mehr aus dem Reper­toire wegzu­denken und wird weltweit an allen Häusern gespielt.

Nigel Lowery konter­ka­riert mit seinem holzschnitt­ar­tigen Karika­tu­ren­konzept die tiefgründige Melodik Gounods. Mehr noch als die comic­haften Tableaus, ist es die Puppen­haf­tigkeit der Protago­nisten, die mit ihren zum starren Blick geschminkten Augen jegliche Leiden­schaft vermissen lassen. Hier hilft die Drama­turgie von Katja Bury nur bedingt weiter, auch eine durchaus agile Perso­nen­führung bringt das Leiden in diesem Drama nicht authen­tisch zur Anschauung. Die Vision von Lowery bleibt vielmehr in der Karikatur haften und entgleist im Diver­tis­sement mit der Walpur­gis­nacht unfrei­willig auf die alberne Schiene im Stil einer briti­schen Comedy. In dem Maß, wie der leere Ausdruck in den Augen der Darsteller irritiert, erreicht einen die drama­tische Partitur des franzö­si­schen Meisters nicht. Die Musik prallt eigen­tümlich ab, wo sie doch für andäch­tiges Schaudern sorgen sollte.

Foto © Philipp Zinniker

Lowery gilt als ein Meister abstrakter Sicht­weisen. Mit dem Berner Faust geht seine Lesart in eine ähnliche Richtung, wie sie Andreas Homoki 2015 mit Alban Bergs Wozzeck in Zürich einge­schlagen hat. Beim Inten­danten vom Opernhaus an der Limmat funktio­niert aber die Trans­for­mation der Charaktere in eine stereotype Kasperle-Figur hervor­ragend. Im Faust führt dieser Twist zur Verdammung von Gounod und seiner Musik.

Dafür wird in Bern prächtig gesungen. Uwe Stickert ist eine Traum­be­setzung für den Faust. Sein lyrischer Tenor ist von luzider Gestalt, die einzelnen Phrasie­rungen und Gesangs­bögen sind einwandfrei. Kai Wegner gibt seinem Méphis­to­phélès Kraft und Farbe. Im Forte neigt der Bass zur Forcierung und scheitert damit manchmal in den Höhen. Bariton Todd Boyce beherrscht die Reduktion im Piano genauso, wie er es versteht, im Forte die Schat­tie­rungen nicht zu vernach­läs­sigen. Einzig Evgenia Grekova weist mit ihrem etwas ätheri­schen Sopran nicht die nötige Reife auf, die es für den Part der Margrethe zwangs­läufig braucht. Es fehlt an Volumen und Facet­ten­reichtum. Claude Eichen­berger als Marthe Schwerlein muss ihren glühenden Mezzo­sopran bei gemein­samen Auftritten zügeln. Sopra­nistin Eleonora Vacchi verleiht ihrer Siébel einen reinen und präzisen Ausdruck.

Das Berner Sympho­nie­or­chester unter der Leitung von Jochem Hochstenbach lässt Blech und Holz immer wieder aufblitzen, verharrt aber über weite Strecken in einer dröhnenden Dramatik und verschluckt dadurch die eine oder andere lyrische Passage.

Und da ist der eingangs geschil­derten Reaktion des Publikums wohl kaum mehr etwas hinzuzufügen.

Peter Wäch

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