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Ein lauer Schlussapplaus kann eine schallende Ohrfeige sein. Die Buh-Rufe beim Auftritt des Regisseurs mit seinem Team sind es auf jeden Fall. Das Konzert-Theater Bern zeigt Faust von Charles Gounod in einer Produktion des Engländers Nigel Lowery. Beklatscht und mit Bravi bedacht werden vor allem die Leistungen von den Sängern und vom Berner Symphonieorchester. Das abstrakte Regiekonzept, angesiedelt in der Stummfilm-Ära eines Fritz Lang und angereichert mit der künstlerischen Stilrichtung des Expressionismus, hinterlässt beim Publikum einen zwielichtigen Eindruck. Der Regisseur hat vor dieser Arbeit in Bern mit zwei Kassenerfolgen gepunktet. Seine Version von Mozarts Zauberflöte und von Rossinis Einakter L’occasione fa il ladro kamen bei den Schweizer Hauptstädtern gut an.
Bei Lowerys Lesart hat der Trank des Teufels keinen direkt verjüngenden Effekt. Faust erlebt durch das Zaubermittel sein Leben vielmehr als neu belebten Traum, in dem er wieder jung ist und sich die Liebe von Margarethe erschleicht. Der Regisseur veranschaulicht diesen Flashback schlüssig. Die Zeit und die Darsteller laufen für einen Moment rückwärts, die Toten kommen aus ihren Gräbern zurück. Damit verpufft dieser Ansatz aber auch schon. Der Rest ist Libretto und hält keine sonderlichen Überraschungen parat. Dass die Figur der Margarethe in einer Vielschichtung des weiblichen Prinzips auftritt, kann zumindest als Freudsche Traumdeutung interpretiert werden. Sie erscheint Faust mitunter als Madonna oder Hure.
Die Dramaturgie setzt dafür umso stringenter auf die Ästhetik der 1920-er-Jahre-Stummfilme und lässt beim Bühnenbild den Expressionismus vergangener Tage eindeutig erkennen. Eine Eins in Malen gibt es nicht. Es scheint, als habe Lowery persönlich zum Pinsel gegriffen. Die Kunst wirkt hingekritzelt wie von Kinderhand. Anstatt den Gedanken von Metropolis & Co. konsequent in Schwarzweiß weiterzuführen, klotzt die Regie mit satten Farben und dämonischen Lichteffekten von Bernhard Bieri. Die puritanische Zurückhaltung bei den Kostümen von Bettina Munzer passt hingegen wieder gut zur farbgewaltigen Schaubuden-Romantik mit verschobenen Kulissen im 3‑D-Effekt. Die züchtigen Gewänder haben einen Hintergrund, sie verweisen auf eine religiöse und somit manipulierbare Gesellschaft, angeführt von keinem Geringeren als von Margarethes Bruder Valentin.
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Die Geschichte von Johann Wolfgang von Goethes Faust I ist bestens bekannt. Der Wunsch nach ewiger Jugend führt zu einem Pakt mit dem Teufel, und das wiederum treibt alle Protagonisten ins Elend. Die Librettisten Jules Barbier und Michel Carré nahmen die Tragödie 1859 als Vorlage für die Oper von Charles Gounod. Zuerst als Opéra comique mit gesprochenen Dialogen aufgeführt, arbeitete der Komponist sein Opus zehn Jahre später zur Opéra tragédie um und vertonte alle Rezitative. Das Werk ist seit dieser Zeit nicht mehr aus dem Repertoire wegzudenken und wird weltweit an allen Häusern gespielt.
Nigel Lowery konterkariert mit seinem holzschnittartigen Karikaturenkonzept die tiefgründige Melodik Gounods. Mehr noch als die comichaften Tableaus, ist es die Puppenhaftigkeit der Protagonisten, die mit ihren zum starren Blick geschminkten Augen jegliche Leidenschaft vermissen lassen. Hier hilft die Dramaturgie von Katja Bury nur bedingt weiter, auch eine durchaus agile Personenführung bringt das Leiden in diesem Drama nicht authentisch zur Anschauung. Die Vision von Lowery bleibt vielmehr in der Karikatur haften und entgleist im Divertissement mit der Walpurgisnacht unfreiwillig auf die alberne Schiene im Stil einer britischen Comedy. In dem Maß, wie der leere Ausdruck in den Augen der Darsteller irritiert, erreicht einen die dramatische Partitur des französischen Meisters nicht. Die Musik prallt eigentümlich ab, wo sie doch für andächtiges Schaudern sorgen sollte.

Lowery gilt als ein Meister abstrakter Sichtweisen. Mit dem Berner Faust geht seine Lesart in eine ähnliche Richtung, wie sie Andreas Homoki 2015 mit Alban Bergs Wozzeck in Zürich eingeschlagen hat. Beim Intendanten vom Opernhaus an der Limmat funktioniert aber die Transformation der Charaktere in eine stereotype Kasperle-Figur hervorragend. Im Faust führt dieser Twist zur Verdammung von Gounod und seiner Musik.
Dafür wird in Bern prächtig gesungen. Uwe Stickert ist eine Traumbesetzung für den Faust. Sein lyrischer Tenor ist von luzider Gestalt, die einzelnen Phrasierungen und Gesangsbögen sind einwandfrei. Kai Wegner gibt seinem Méphistophélès Kraft und Farbe. Im Forte neigt der Bass zur Forcierung und scheitert damit manchmal in den Höhen. Bariton Todd Boyce beherrscht die Reduktion im Piano genauso, wie er es versteht, im Forte die Schattierungen nicht zu vernachlässigen. Einzig Evgenia Grekova weist mit ihrem etwas ätherischen Sopran nicht die nötige Reife auf, die es für den Part der Margrethe zwangsläufig braucht. Es fehlt an Volumen und Facettenreichtum. Claude Eichenberger als Marthe Schwerlein muss ihren glühenden Mezzosopran bei gemeinsamen Auftritten zügeln. Sopranistin Eleonora Vacchi verleiht ihrer Siébel einen reinen und präzisen Ausdruck.
Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Jochem Hochstenbach lässt Blech und Holz immer wieder aufblitzen, verharrt aber über weite Strecken in einer dröhnenden Dramatik und verschluckt dadurch die eine oder andere lyrische Passage.
Und da ist der eingangs geschilderten Reaktion des Publikums wohl kaum mehr etwas hinzuzufügen.
Peter Wäch