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Foto © Philipp Zinniker

Im Dickicht der Hochmoral

TANNHÄUSER
(Richard Wagner)

Besuch am
25. März 2017
(Premiere)

 

Konzert-Theater Bern

Richard Wagners Tannhäuser unter der Regie von Calixto Bieito ist eine Kopro­duktion der Vlaamse Opera Antwerpen, des Teatro La Fenice, des Teatro Carlo Felice Genova und des Konzert-Theaters Bern. Bereits im Vorfeld zur Premiere stand das Berner Publikum unter Strom, denn die tolldreisten Regie­ar­beiten des Spaniers mit galizi­schen Wurzeln lösen auch bei Schweizer Haupt­städtern gemischte Gefühle aus. Neugierige Erwartung oszil­liert mit gefürch­teter Abscheu. Die Premie­ren­gäste werden nicht enttäuscht, auch wenn diese Insze­nierung von Bieito, dem Quentin Tarantino der Opern­re­gis­seure, wesentlich moderater daher­kommt als frühere Arbeiten.

Auf Bieito muss man sich einlassen. Oft schert sich der Regisseur keinen Deut darum, was ihm das Libretto vorgibt. Er zeigt seine Protago­nisten als Menschen aus Fleisch und Blut, und das jeweils nahe am Abgrund. Blut fließt in der Regel viel, wenn der Meister seine Arche­typen aufein­ander loslässt. Das ist auch bei Richard Wagners mytho­lo­gisch aufge­la­dener Geschichte um den Minne­sänger Tannhäuser nicht anders. Einem Mann, der sich zwischen sinnlicher Lust und hehrer Liebe entscheiden muss. Einem Abtrün­nigen, der aus dem Korsett einer tief gläubigen und von Moral­vor­stellung zersetzten Gesell­schaft entflieht und sich in den Wäldern auf dem Venusberg der ungezü­gelten Leiden­schaft hingibt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die Oper Tannhäuser und der Sänger­krieg auf Wartburg war schon Mitte des 19. Jahrhun­derts ein klassi­sches Synonym für ein Kollektiv, das die fleisch­liche Begierde ohne Liebe als Bedrohung empfand und dieser Furcht nur mit rigiden Regeln und osten­ta­tiver Frömmigkeit begegnen konnte. Bieito veran­schau­licht dieses Spanungsfeld zwischen profaner Lust und subli­mierter Liebe in den ersten beiden Aufzügen des 1845 in Dresden urauf­ge­führten Dreiakters mit einer klaren Botschaft. Bereits während der Ouvertüre, die mit ihrem bombas­ti­schen Leitmotiv den unheil­vollen Ausgang der Oper ankündigt, erwacht der Wald von Venus, und dieses Bild führt ins Zentrum einer bedroh­lichen, aber auch eksta­tisch anmutenden Welt. Mysti­scher Nebel durch­zieht das Dunkel mit den tanzenden Bäumen. Einer wollüs­tigen Waldfee gleich lockt Venus im schwarzen Negligé als ewiges Weib. Der Liebeslust satt und die reine Liebe seiner Angebe­teten Elisabeth herbei­sehnend, gelingt Tannhäuser die Flucht aus diesem circulus vitiosus. Bieito zeigt die Rückkehr des verlo­renen Sohnes in eine Männer­domäne am Ende des ersten Akts als martia­li­sches Blutsbrüder-Ritual.

Ebenso präzis und stringent geht es weiter im zweiten Akt. Die Bühne von Rebecca Ringst und das Licht­design von Michael Bauer schaffen einen schlüs­sigen Übergang vom wilden Dschungel in eine vorder­gründig domes­ti­zierte Welt. Ein mit Schein­werfern überblen­detes Tableau illus­triert den sterilen Kontra­punkt zum leben­digen Wald mit seinen Gefahren. Der ungezähmten Natur stellt der Regisseur ein weißes Säulen­kon­strukt gegenüber. Klare Formen trotzen den unheim­lichen Urtrieben. Die Mitglieder dieser sekten­ähn­lichen Gemein­schaft haben ihren festen Platz im Gefüge. Die Kostüme von Ingo Krügler setzten diesen Kontrast gleichsam überzeugend um. Auf das Outdoor-Outfit im Wald folgt der Status­schick der Upper­class. Zum Sänger­wett­streit erscheint die Haute­volee sogar in Haute-Couture. Bei der Büßer-Szene im Finale des zweiten Akts überbordet dann Bieitos Lesart. Der Künstler scheint für einen Moment in seine expressive Zeit als Skandal­re­gisseur abzugleiten. Wenn Tannhäuser vor seinem Gang nach Rom von den Sänger­freunden mit einem geweihten Zweig gewaltsam traktiert wird, konter­ka­rieren die deutlich hörbaren Peitschen­hiebe die epochale Tondichtung des deutschen Romantikers.


Dass Tannhäuser für seine unhei­ligen Erfah­rungen auf dem Venusberg keine Läuterung erfährt im heiligen Rom, und Elisabeth daraufhin in den Wahnsinn entgleitet und später den Tod findet, wird im dritten Akt über Gebühr zelebriert. Die Kommune zerbricht und die heiligen Hallen der Hochmoral versinken im Morast. Die Natur siegt über das ideolo­gische Gebilde und die Protago­nisten wälzen sich unauf­hörlich im Dreck. Bevor Jordan Shanahan als Wolfram von Eschenbach seine Romanze O du, mein holder Abend­stern zum Besten gibt, gräbt er sich förmlich ein im Waldboden. Schön, dass es an dieser Stelle aufgehört hat zu regnen. Der hohe Fall des Wassers vom Schnür­boden auf eine schwarze Latex­ab­de­ckung stört den Klang des Orchesters genauso wie das Klatschen der päpstlich geweihten Zweige zuvor. Dafür gelingt Calixto Bieito ein phäno­me­nales Schlussbild. Wenn die gefal­lenen Moral­apostel wie Getier aus dem Unterholz hervor­kriechen und zu den finalen Leitmo­tiv­takten von Wagner ihre Arme zum Zuschau­ersaal recken, ist ein wohliges Frösteln über den Rücken garantiert.

Das mittel­große Haus in Bern stemmt diesen frühen Wagner auch musika­lisch auf hohem Niveau. Das Berner Sympho­nie­or­chester unter der souve­ränen Leitung von Kevin John Edusei diffe­ren­ziert an den richtigen Stellen und bringt den Apparat dort zur vollen Blüte, wo man die geballte Kraft des Werks erwartet. Premie­ren­patzer gibt es praktisch keine, die mehr als dreistündige Oper ertönt in einem Guss. Trompeten, Hörner oder Harfe sind klar zu erkennen.

Die Opera Vlaanderen hat packende Bilder der Aufführung in einem Trailer zusammengefasst.
Foto © Philipp Zinniker

Tenor Daniel Frank, der in Bern schon als Peter Grimes und Lohengrin brillierte, gibt seinem Tannhäuser Kontur und Farbe. Der Sänger hat seinen Part gesanglich im Griff und bleibt bis zum Schluss flexibel und unver­braucht. Der gutturale Sopran von Liene Kinča ist hingegen gewöh­nungs­be­dürftig und dürfte bei vielen an der Geschmacks­frage scheitern. Ihre Höhen sind klar, dafür reichlich spitz. Darstel­le­risch lässt ihre Elisabeth nichts zu wünschen übrig, ihr Aufbe­gehren und ihre Verzweiflung wirken authen­tisch. Jordan Shanahan glänzt als Wolfram von Eschenbach den ganzen Abend hindurch. Sein warmer, weicher Bariton und seine akkuraten Phrasie­rungen überzeugen in allen Tonlagen. Claude Eichen­berger hat als Venus durchwegs starke Auftritte, stimmlich wie schau­spie­le­risch. Der Mezzo­sopran des Berner Ensembles entwi­ckelt sich mühelos hin zum Wagnerfach. Bass Kai Wegner ist indes in seiner Rolle als Hermann, Landgraf von Thüringen, noch einen Schritt entfernt von Bayreuth. Die Entwicklung seines sonoren Organs geht aber in die richtige Richtung. Der luzide Tenor von Andries Cloete als Walter von der Vogel­weide ergänzt die sonst stimmlich sonore Männer­riege bestens. Für ein Fest der vielen Stimmen sorgt Zsolt Czetner mit dem Chor und Extrachor von Konzert Theater Bern.

Nach einem einzelnen Buhruf im zweiten Akt wird die Co-Produktion in Bern mit Jubel und Rhythmus-Klatschen gefeiert. Selbst Calixto Bieito und sein Team brauchen keine Schmach zu fürchten, der Regisseur nimmt die Ovationen mit einem entspannten Lächeln entgegen. Die moderat dreiste Insze­nierung wird in der Schweizer Haupt­stadt garan­tiert noch viel zu reden geben.

Peter Wäch

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