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AVENUE Q
(Robert Lopez, Jeff Marx)
Besuch am
13. September 2017
(Premiere am 10. September 2017)
Dank seines langjährigen Ressortkapellmeisters William Ward Murta pflegt das Theater Bielefeld einen Musicalspielplan, der den an deutschen Bühnen gängigen Standardwerken zwar nicht ausweicht, immer wieder aber auf Neuheiten oder Stücke abseits ausgetretener Pfade setzt. So auch bei Avenue Q, einem Gemeinschaftswerk der Komponisten Robert Lopez und Jeff Marx, die sich das Libretto zu ihrem Stück selbst schrieben. Das Lachmuskeln und Empathie des Publikums trainierende Ergebnis läuft seit seiner Uraufführung 2003 am Broadway, wo es inzwischen von einer rein kommerziellen Produktion an eine Off-Bühne zurückgekehrt ist. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 2011 am Stadttheater St. Gallen statt. In der besuchten zweiten Vorstellung der sehenswerten Bielefelder Version des Musicals bleiben zu viele Plätze frei.
Avenue Q ist die Sesamstraße im Paralleluniversum der Erwachsenen, wo die Aufgeräumtheit und Behaglichkeit des kindlichen Biotops einem dringend sanierungsbedürftigen Straßenzug weichen muss. Dessen ärgste Bruchbude wird vom Personal des Stücks bewohnt. Leicht identifiziert das Publikum die durch eine minimal invasive Schönheitsoperation nur unwesentlich veränderten Wiedergänger von Ernie, Bert und Lulatsch. Nicht weniger den Gaststar aus der Muppet-Show des Paralleluniversums, eine Schwester von Miss Piggy. Mit den Puppen agieren auch Menschen wie ein talentfreier Entertainer, dessen Frau, die sich als Therapeutin versucht sowie der immer gut gelaunte Hausmeister.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
So grau die Mauern der Häuser in der Avenue Q, so schäbig die Wohnungen darin sind, das Leben ist bunt. Die munteren Mieter lassen es sich um keinen Preis der Welt verdrießen. Mögen sie als Alleinunterhalter, Therapeutin, Kindergärtnerin oder Anglisten scheitern, zeitweilig gar aus der Wohnung fliegen, sie alle rappeln sich nach einem sentimentalen Song wieder auf für einen neuen Anlauf, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Wer nur lange genug durchhält, für den erfüllt sich final doch noch der amerikanische Traum. Wie für Kate Monster, die die ersehnte Monsterssori-Schule eröffnen darf. Finanziert übrigens von dem mit ihr weder verwandten noch verschwägerten Trekkie-Monster, für den der Sesamstraßen-Lulatsch Modell steht. Trekkie, der Monster- Nerd, steigt mit dem Vertrieb von Pornofilmen ganz groß ins digitale Geschäft ein. Gewiss trägt Sexdiva Lucy D. Schlampe, die Schwester von Miss Piggy, ganz erheblich zum ökonomischen Erfolg bei.
Die Sesamstraßen-Parodie nutzt die aufgeklärt-pädagogischen, von Witz und menschlichem Wohlwollen geprägten Dialoge der Kinderserie, um sie ins genaue Gegenteil zu verkehren oder so zu übertreiben, dass der erzieherische Auftrag des Vorbildes in die blanke, als gekonnte Pointe servierte Zote umschlägt. Wo in der Sesamstraße ein Lied über Toleranz am Platz ist, da ist es im Paralleluniversum der Avenue Q das Lob des alltäglichen Rassismus. Freilich wird niemand empfindlich verletzt. Denn trotz der Vorurteile bleiben alle Figuren einander gewogen. Gegen Schluss wird mit einer – auch beim Publikum – erfolglosen Spendensammelaktion zu Gunsten der Monsterssori-Schule in schönster evangelikaler Manier eine Hymne auf die gute Tat angestimmt. Glücklicherweise rettet der Pornofilm-Grossist das Projekt.
Die Musik mischt den immergleichen Sesamstraßen-Sound mit den seit vielen Jahrzehnten üblichen Broadway-Klängen. Ein wenig Balladenschmelz, eine Prise Hymnik, ein marschmäßiger Motivationsschub, das alles hört sich nach zweitem oder gar drittem Aufguss an. Macht nichts. Es soll so klingen. Gute Laune, Ironie und eine erträgliche Dosis Gefühligkeit sind angesagt.
Das Musical-Format wird von Nick Westbrocks Regie bedient, ohne kommerziell zu dominieren. Mensch und Puppe spielen perfekt zusammen. Die Kopulationsszene zwischen Kate Monster und ihrem Lover im Puppenbett ist eines der skurrilen Glanzstücke der Show. Die Musicaldarsteller lässt Westbrock überdeutlich wie für Kinder agieren, ohne Knallchargen aus ihnen zu machen.

Puppentrainer Eike Schmidt leistet ganze Arbeit. Wie professionell das fürs Musical ausgebildete Ensemble die Handpuppen führt, ist staunenswert, zumal oft ein Partner zugleich Stäbe für Arm- und Handbewegungen bedient.
Das Bühnenbild von Udo Herbster zeigt die Straßenzeile der Avenue Q. Einzelne Zimmer im Mietshaus, das die Puppen tanzen lässt, sind aufklappbar.
Die ebenfalls von Herbster entworfenen Kostüme sind funktional alltagstaugliche Sonderangebote aus dem Textildiscounter. Die Puppenspieler kleidet Herbster in unauffälliges Schwarz.
Engagiert leitet William Ward Murta die sechsköpfige Band, die den Mix aus Sesamstraße und Broadway vital, aber nicht übermäßig lautstark auftischt.
Schauspielerische und stimmliche Leistungen ordnen sich ganz dem Ensemblegeist unter. Stefanie Köhm ist die zunächst lebensfremde, dann die Verwirklichung ihrer Berufung zur Schulgründerin energisch anpackende Kate Monster. Martin Christoph Rönnebeck weiß als stellungsloser Universitätsabsolvent Brian Mitgefühl zu wecken. Benedikt Ivo, der noch weitere drei Rollen spielt, reißt als Trekkie-Monster das Publikum mit seinem Schlachtruf „Porno!“ zu Lachsalven hin. Auch alle anderen Ensemblemitglieder füllen ihre Rollen aus.
Das entzückte und animierte Publikum applaudiert sehr herzlich.
Im Paralleluniversum der Sesamstraße sind die Doppelgänger von Ernie und Bert übrigens homophil. Wann haben die Originale ihr Coming-Out?
Michael Kaminski