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Wider den Antisemitismus

DER KAUFMANN VON VENEDIG
(Reynaldo Hahn)

Besuch am
21. Mai 2017
(Premiere am 28. April 2017)

 

Theater Bielefeld

In der gegen­wär­tigen Debatte um die nationale kultu­relle Identität hat das Musik­theater ein Wort mitzu­reden. Wenn der Bundes­in­nen­mi­nister mit der Sentenz „Wir sind nicht Burka!“ die deutsche Grammatik massa­kriert, wenn anderer­seits die Staats­mi­nis­terin für Integration im Bundes­kanz­leramt eine spezi­fisch deutsche Kultur für nicht identi­fi­zierbar hält, dann sei der Blick über die Grenze nach Frank­reich empfohlen, etwa auf Leben und Werk des Kompo­nisten Reynaldo Hahn. Die Deutsche Erstauf­führung seines Kaufmanns von Venedig am Theater Bielefeld bietet dazu willkom­menen Anlass.

Hahn wurde 1874 in Caracas geboren. Seine Mutter war Venezo­la­nerin, sein Vater Deutscher. Die Familie zog wenige Jahre später nach Paris, wo sie in den tonan­ge­benden Salons verkehrte. Reynaldo Hahn wurde am Pariser Konser­va­torium zum Schüler Massenets. Seine erste Oper wurde 1898 an der Opéra-comique urauf­ge­führt. Den Kompo­nisten verband eine zunächst leiden­schaft­liche Affäre und später tiefe Freund­schaft mit Marcel Proust. Als Freiwil­liger nahm er auf franzö­si­scher Seite mit Auszeichnung am Ersten Weltkrieg teil, obwohl seine Schwestern in Hamburg lebten. Seiner Abstammung von einem jüdischen Vater wegen musste Hahn nach dem Einmarsch der Deutschen 1940 die Jahre bis zum Kriegsende zunächst im Unter­grund, später in Monte Carlo verbringen. Nach dem Krieg wurde er in die Pariser Akademie der Schönen Künste und zum Direktor der Pariser Oper berufen. Hahn starb 1947. In Frank­reich ist er durch einige seiner Lieder und die Operette Cibou­lette unvergessen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Le marchand de Venise, der in Bielefeld – wenngleich franzö­sisch gesungen – unter deutschem Titel als Kaufmann von Venedig firmiert, wurde am 29. März 1935 im Palais Garnier urauf­ge­führt. Der Komponist hatte das Werk bereits in den Schüt­zen­gräben des Ersten Weltkriegs begonnen. Hahn setzt sich darin mit dem bereits lange vor der Macht­er­greifung der Natio­nal­so­zia­listen in Europa weit verbrei­teten Antise­mi­tismus auseinander.

Die von Miguel Zamacois den Erfor­der­nissen des Musik­theaters angepasste Shake­speare-Komödie kann bei Licht betrachtet dazu kaum dienen. Wenn Shylocks Tochter final Braut eines Christen wird, geht das für die Elisa­be­thaner unter der Voraus­setzung ihrer Konversion völlig in Ordnung.  Der frühneu­zeit­liche Antiju­da­ismus war zwar in nicht zu recht­fer­ti­gender Weise religiös veran­lasst, doch kamen biolo­gische Deter­mi­nanten wie der im Hinblick auf das Menschen­ge­schlecht unhaltbare Rassen­be­griff erst im 19. Jahrhundert auf.  Hahns Rückgriff auf Shake­speare ist wesentlich biogra­phisch begründet. Zunächst durch die Lektüre seiner Dramen bereits im Kindes­alter, dann durch den Vater, der aus Liebe zu seiner Frau, einer streng­gläu­bigen Katho­likin, zum Chris­tentum übertrat, wie es im Kaufmann von Venedig Jessica bevor­steht. Selbst­redend wurde Reynaldo Hahn katho­lisch getauft.

Die Musik zum Kaufmann von Venedig ist vollendet franzö­sisch. Sie fußt auf dem Erbe, das Hahns akade­mi­scher Lehrer Massenet hinter­lassen hatte sowie auf den Operetten Lecoqs und Messagers.  Schon der erste Akt zeigt die Bandbreite kompo­si­to­ri­scher Meister­schaft, über die Hahn gebietet. Während Bassanio mit einer bei aller schmach­tenden Emphase hochele­ganten Romanze ausge­stattet wird, stürzt die große Arie des Shylock den Zuhörer in mensch­liche Abgründe. Das erste Bild des zweiten Akts schließt mit einem Ensemble, das an Charme, Anmut und Schwe­re­lo­sigkeit kaum zu überbieten ist. Die große Gerichts­szene des Schlussakts bezeugt neuerlich Hahns drama­tische Pranke.

Klaus Hemmerles Regie nimmt das Fluidum der Musik auf. Die Figuren bewegen sich elegant, doch völlig unprä­tentiös über die Bühne. In solch wie selbst­ver­ständ­licher Inter­aktion und szeni­scher Geschmei­digkeit steckt eine Genau­igkeit, wie sie sich nur selten besich­tigen lässt. Die Gerichts­szene wird beinahe zur Tragödie vorge­trieben, ohne das Stück durch Überschwere mit Unwucht zu bedrohen.  Hochrangige Salon­ko­mödie und Drama tariert Hemmerle hervor­ragend mitein­ander aus.

Foto © Bettina Stöß

Die Bühne von Andreas Wilkens zeigt ein wandel­bares Stahl­gerüst, das zu venezia­ni­schen Balkonen, zum Podium, von dem aus Portia die Freier abfertigt, wie auch zu den Zuschau­er­rängen des Gerichts­saals dient. Yvonne Forsters Kostüme mischen Elisa­be­tha­ni­sches mit Kleidern aus der Entste­hungszeit der Oper und heutiger Garderobe.

Der von Hagen Enke einstu­dierte Biele­felder Opernchor führt seinen wenig umfang­reichen Part versiert aus.

Pawel Poplawski leitet die Biele­felder Philhar­mo­niker zu solidem Spiel an. Leich­tigkeit, wie sie die hohe Qualität von Hahns Partitur fordert, ist eine schwere Sache. Die Biele­felder Philhar­mo­niker erreichen Annähe­rungs­werte.  Poplawski begleitet die Sänger­dar­steller umsichtig.

Björn Waag in der Titel­rolle gebietet über einen höhen­si­cheren, drama­ti­schen Bariton, der die Partie nuanciert und durch­schlags­kräftig auslotet. Sein lyrischer Stimm­fach­kollege Frank Dolphin Wong verfügt über den für Bassanio erfor­der­lichen Schmelz. Der jugendlich-drama­tische Sopran von Sarah Kuffner verleiht der Portia Noblesse und Autorität. Die weiteren Mitglieder des Riesen­en­sembles kosten die Vorzüge ihrer jewei­ligen Rolle spiel­freudig und mit gutsit­zender Stimme aus.

Hahn, der Franzose mit deutschem Vater, schreibt unver­wech­selbar und überzeugend franzö­sische Musik, die sofort als solche zu identi­fi­zieren ist. Gott sei Dank! Doch nur, wenn solches Idiom – wie bei Hahn – von einer das Werk durch­wal­tenden Humanität beseelt ist.

Der Bundes­in­nen­mi­nister und die Staats­mi­nis­terin für Integration im Bundes­kanz­leramt werden kaum den Weg ins Biele­felder Theater finden. Nach dem Besuch von Hahns Kaufmann von Venedig würde ihre dummdreiste Schwatz­haf­tigkeit vielleicht beson­ne­neren Äußerungen weichen.

Das Publikum ist entzückt.

Michael Kaminski

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