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Das Bielefelder Publikum ist ja eigentlich hartgesotten und weiß, dass es in der Intendanz von Michael Heicks nicht unbedingt klassisches Operntheater geboten bekommt. Der kämpft seit der Saison 2005/2006 mit den Einsparungen der Stadt und liefert unterhaltsame bis spannende Ergebnisse. Das Publikum bleibt dem Konzept treu, doch mit dem neuen Otello hat sich das Theater Bielefeld nicht nur Freunde gemacht.
Heicks hat ein großes Team dafür engagiert: Paul-Georg Dittrich inszeniert, Lena Schmid und Monika Annabel Zimmer entwerfen das Konzept für die Bühne. Anna Rudolph steuert die Kostüme bei, Vincent Stefan die Videos. Die Dramaturgie liegt in den Händen von Anne Christine Oppermann. Zu viele Köche verderben den Brei? Vielleicht. Auf jeden Fall ist es einfach zu viel, was auf der Bühne geboten wird. Dabei ist der Grundgedanke der Inszenierung sehr spannend und wird dem Werk auch gerecht. Es geht um Manipulation und nicht nur um die, die Jago mit dem eifersüchtigen Otello anstellt. Von dem Moment an, wo das Publikum den Zuschauerraum betritt, ist es ein Teil des Systemtheaters, das Jago hier abzieht. Ein diktatorischer Anarchist zieht an allem und jedem die Fäden. Frei ist niemand in diesem Spiel. Wenn Personen wie Montano, Cassio und Roderigo nicht gebraucht werden, führen sie Standardgesten ihrer Funktion in Endlosschleife aus. Wer kennt es nicht, wenn man nur so funktioniert, wie man im derzeitigen System gerade abgestempelt ist.
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Äußerst detailliert ist auch die Beziehung zwischen Jago und Emilia dargestellt. Letztere ist anfangs noch eine emotional abhängige Frau, die ihrem Mann als böse Dienerin in seinem Spiel beisteht, doch von ihm nur ausgenutzt wird. Der Moment, in dem Jago seiner Frau das Taschentuch für seine Intrige gewaltsam abnimmt, wird zum Wendepunkt. Viele derartige „Kleinigkeiten“ zeigen, wie akribisch und genau die ersten beiden Akte inszeniert sind und sich trotz größerer Zusammenhänge am eigentlichen Werk entlangbewegen. Otello ist auf seinem Podest in Kreuzform von Anfang an isoliert, die Beziehung zu Desdemona ist von Neugierde und Distanz geprägt. Auf der offenen Drehbühne unter dem Scheinwerferkranz sind alle den Augen zweier Kameras ausgeliefert. Anleihen an gängige Fernsehformate sind gewollt. Während der Sturm durch das Orchester tobt, prangen reißerische Worte auf der Leinwand: Wähle deinen Freund, wähle deinen Feind. Von der Loge schaut der engelsgleich entstellte Kinderchor dem Geschehen zu und darf ab und an sogar eingreifen, auch ein paar von Jagos Worten übernehmen.
Schon in der Pause, wo die ersten Emotionen unter den Zuschauern hochkochen, installiert Dittrich ausgerechnet die Figur des venezianischen Gesandten Lodovico als Gegenspieler zum System Jagos. Begleitet von den Fanfarenklängen, die später im dritten Akt aufkommen werden, schreitet er mit zugenähtem Mund durch das Foyer und verteilt Flyer über die bekanntlich unantastbare Menschenwürde. Was die Stimme vom Band sagt, kann man in dem ganzen Trubel kaum verstehen. Einen großen Schritt zu weit geht Dittrich, wenn er den Text im dritten Akt umschreiben lässt, um zu zeigen, wie Jagos Intrigenspiel durch die Gestalt des Lodovico gestört wird. Eine Figur wie ein Deus ex machina, die Moon Soo Park mit großem Effekt singt.
Ja, es gibt natürlich noch die Musik Verdis. Während die Verse irgendwie immer, manchmal auch nur sehr bemüht zum Bühnengeschehen passen, geht die Untermalung aus dem Orchestergraben in dem ganzen Trubel größtenteils unter. Wobei man Alexander Kalajdzic gar nicht vorwerfen kann, die Oper langweilig zu interpretieren. Interessanterweise hat aber das Orchester seine besten Momente, wenn es sich ganz leise und unheilvoll die Aufmerksamkeit holt, die dieser Musik eigentlich zusteht. Das Forte aber mischt sich lediglich mit der Bühne zu einem Einheitsbrei, ist zudem nicht immer sauber gespielt. Die Kommunikation mit der Bühne läuft überraschenderweise sehr gut, was in dem Gewusel keine Selbstverständlichkeit ist. Was für Akzente unter anderen Umständen hätten hörbar werden können, demonstrieren beispielsweise Chor und Extrachor. Ihre Phrasen wurden von Hagen Enke sorgfältig einstudiert, so dass die Stimmen viel Dynamik einbringen, was durch den szenischen Einsatz nur noch unterstrichen wird. Allerdings schleichen sich in die Höhen der Frauen deutliche Schärfen ein. Fernab des Kinderbonus hinterlässt der ebenfalls sehr stark eingebundene Kinderchor JunOs einen nachhaltigen Eindruck. Kompliment an die Chorleiterin Karin Peters.

Diese schwer zu spielende Inszenierung stellt eine Herausforderung dar, die nur noch durch den vokalen Anspruch der Parteien getoppt wird. Schade, dass dem einzigen Gast ein bisschen die Möglichkeit des Glanzes geraubt wird. Denn an sich macht Mikhail Agafonov in der Titelpartie einen guten Job. Seine Stimme läuft bis in die Höhen hinein und hat auch genügend Stahlkraft vorzuweisen. Allerdings fehlt ihr ein bisschen das Individuelle, und da die Figur auch szenisch eher emotionslos bleibt, hat man das Finale der Oper selten so fade erlebt. Den Rest der Besetzung stellt das Theater eindrucksvoll aus den eigenen Reihen und greift nicht daneben. Alle bringen sich mit Präsenz ein und alle holen aus ihren Rollen heraus, was möglich ist. Lianghua Gong als Roderigo und Yoshiaki Kimura als Montano haben da nicht so viele Möglichkeiten. Daniel Pataky darf als Cassio den vokalen Strahlemann herauskehren, die Partie liegt ihm sehr gut. Enorm aufgewertet ist die Emilia, und Hasti Molavian nutzt ihre Chance, um sich in jeder Hinsicht in die erste Reihe der Solisten zu befördern.
Da es keine Möglichkeit für eine Ansage gibt, wird die Information der Indisposition von Sarah Kuffner und Evgueniy Alexiev auf Zetteln verteilt. Bei Kuffner hört man sie sehr deutlich, und man kann sich für ihr Engagement, die Desdemona zu singen, nur bedanken. Um den Abend durchzuhalten, schont Alexiev seinen starken Bariton in den Höhen. Ansonsten aber kennt sein Non-Stop-Einsatz keine Grenzen. Schon das Kostüm drückt das Vielseitige seiner Person aus: Ein bisschen militärisch, ein bisschen diabolisch, leger in Shorts, ein Mann von Welt mit dem Golfschläger. Ebenso vielseitig drückt sich Alexiev in Körper und Stimme aus. Elegant tänzelnd hier, brutal fordernd dort. Ein bisschen drucksend schmeichelnd, verschlagend planend, oder eben einfach nur wild aussingend – Alexiev nutzt alle Facetten seiner Rolle. Selbst wenn er mit der Nase an der Kamera klebt, auf der Leinwand nur seine extreme Nahaufnahme zu sehen ist, ist die Dämonie greifbar.
Das Publikum goutiert vor allem seine, aber eben auch alle musikalischen Leistungen, doch klingt es so matt wie selten nach einer Premiere. Standing ovations gibt es an diesem Abend nur unfreiwillige – weil das Publikum schon aufgestanden ist, als sich der Vorhang überraschenderweise nochmal hebt. Schon zur Pause merkt man die Verunsicherung angesichts der Ideen, aber auch der Überfrachtung. Einige ältere Damen sind den Tränen nahe, weil sie die erwartete Oper nicht wiedererkennen. Die ersten gehen nach Hause. Das starke Gegenlicht von Ralf Scholz im dritten und vierten Akt führt dazu, dass man Teile nur mit abgewendetem Blick und erhobener Hand vor den Augen verfolgen kann. Das Publikum wird immer unruhiger, genervter, die Gespräche immer unverschämter. So bekommt das Regieteam schließlich eine Klatsche beim Schlussapplaus. Das klingt schon nicht mehr nach Buh, sondern nach Bäh. Die wenigen Bravo-Rufer können sich kaum durchsetzen. Das Regieteam reagiert mit Gegenapplaus. Ob es die Art Diskussion bekommt, die es im Sinn hat, ist fraglich. Denn ohne Zweifel hat es in der Oper einen mehr als aktuellen Gedanken gefunden, über die Fragen nach Menschenwürde, Manipulation und Diskriminierung. Vielleicht wäre das mit weniger Mitteln, die fokussierter eingesetzt werden, deutlicher geworden. Das Wichtigste aber: In Bielefeld bleibt Oper etwas Lebendiges, etwas an dem man sich aufreiben kann. Oper, als Bestandteil unserer Kultur, die hinterfragt, aber auch hinterfragt werden kann.
Christoph Broermann