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Wenn ein schöner Tag zerbricht

CHARLOTTE SALOMON
(Marc-André Dalbavie)

Besuch am
14. Januar 2017
(Premiere)

 

Theater Bielefeld

Man könnte lange darüber streiten, ob Marc-André Dalbavies Kompo­sition, die er für die Salzburger Festspiele 2014 schuf, mit der Bezeichnung „Oper“ wirklich getroffen ist. Wenn schon das Theater Bielefeld von einer „colla­gen­haften Partitur“ spricht, den Zuhörer auf ein „Spiel mit … zahlreichen musika­li­schen Zitaten“ vorbe­reitet und eine „schlüssige Archi­tektur“ ankündigt, in der dem Zuschauer Erinnerung und Realität gegen­über­ge­stellt werden, ist der Besucher auf Überra­schungen gefasst, er erwartet sie. Und die junge Regis­seurin Mizgin Bilmen, eine Folkwang-Absol­ventin, enttäuscht sie nicht. Mit ihrer Biele­felder Insze­nierung ist ihr ein bemer­kens­werter Auftritt gelungen, keine Frage. Von den real existie­renden über 1.300 Gouachen, die Charlotte Salomon während ihres Exils in Frank­reich schuf, hat sich Mizgin Bilmen zu einer origi­nellen, häufig rätsel­haften und bis zuletzt spannenden Insze­nierung inspi­rieren lassen, die Aufmerk­samkeit verdient. Ihre Einweisung in das Konzen­tra­ti­ons­lager Auschwitz-Birkenau 1943 hat die reale Charlotte Salomon leider nicht überlebt.

Die Geschichte der Jüdin Charlotte Salomon in einer ständigen Doppel­re­flexion zu zeigen, ist schon eine Heraus­for­derung, die Regie, Darstellern und Zuschauern viel Aufmerk­samkeit abver­langt. Wenn dann noch eine moderne, wenig rhyth­mische und mit zahlreichen Klassik-Zitaten spielende Musik hinzu­kommt, wird deutlich, auf welch schmalen Grat sich Regie, Musik und Darsteller an diesem Abend begeben. Der ständige Wechsel zwischen der realen Haupt­figur Charlotte Salomon und ihrem Reflexbild, dem die Erinne­rungen, Refle­xionen und Fragen zugemutet werden, der Wechsel zwischen deutscher, franzö­si­scher und italie­ni­scher Bühnen­sprache zwingen den Zuschauer immer wieder, sich zu verge­wissern, auf welcher Ebene der Betrachtung die Figur der Charlotte sich gerade befindet. Nein – kein einfaches, kein unter­halt­sames Unter­fangen, aber spannend bis zur letzten Szene.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Bilmen und ihr Bühnen­bildner Cleo Niemeyer nutzen eine Auswahl der von Charlotte Salomon für ihr biogra­phi­sches Werk Leben? Oder Theater? ausge­wählten Gouachen auch für die Bühnen­ge­staltung. Als dunkler Hinter­grund, oft mit rätsel­haften Schrift­zügen versehene Dokumente, oder als Projektion auf einem Schlei­er­vorhang, tauchen farbige Bildauszüge aus diesen Gouachen auf. Ein Stahl­gerüst und eine Stahl­treppe auf der Bühne verstärken den Eindruck einer leblosen, harten Welt ohne Emotionen. Mit Ausnahme der zwei Haupt­per­sonen erscheinen alle übrigen Figuren metallen-verfremdet, oft mit metall­far­biger Gesichts­schminke und hartem, stark gezeich­netem Gesichts­aus­druck. Die von Alexander Djurkov Hotter entwor­fenen, leicht futuris­ti­schen Kostüme verstärken den kühl-jensei­tigen Eindruck der Figuren. Die Insze­nierung begnügt sich mit einigen sehr sparsam einge­setzten Verweisen auf den zeitge­nös­si­schen Rahmen des Nationalsozialismus.

Foto © Bettina Stöß

Dazu spielt die von Dalbavie kompo­nierte Musik eine überra­schend gewichtige Rolle, obwohl sie häufig kaum präsent erscheint. Alexander Kalajdzic hält den Chor und die Biele­felder Philhar­mo­niker im Hinter­grund und überlässt den Gesangs­stimmen die Fortführung der Handlung. Stimmen, vor allem die der Stief­mutter Franziska von Katja Starke, Hasi Molavian als Charlotte Kann und der etwas vorder­gründige Tenor des Amadeus Daberlohn von Daniel Pataky präsen­tieren ein Stimmen­ta­bleau mit klarer Ausdrucks­kraft, in wechselnder Sprache und als Sprechtext. Jana Schulz gibt eine Charlotte Salomon, die, gebunden an ihre Malkunst, Frösteln verur­sacht. Gleich­zeitig wirkt ihre sachliche Alltags­stimme oft als Kontrast zu den Gesangs­vor­trägen von Molavians Charlotte Kann und verbreitet eine eher befreiende Sachlichkeit.

Nach der in Salzburg durchaus zwiespältig aufge­nom­menen Insze­nierung der Charlotte Salomon gelingt Bilmen mit einem jungen Regieteam in Bielefeld eine Aufführung mit vielen origi­nellen Überra­schungen. Über die Kunst der Malerei und die großzügige Nutzung der Gouachen findet die Regis­seurin einen origi­nellen Weg zu einem Bühnenwerk, der trägt. Regie und Darsteller meistern die durchaus schwierige Aufgabe, ständig zwei Handlungs- und Refle­xi­ons­ebenen getrennt darzu­stellen und doch zusammen zu führen. Auf diese Weise nimmt Bilmen Charlottes Idee auf, eine enge Beziehung zwischen Kunst und Leben zu stiften. Und es gelingt ihr, von einigen Längen im Mittelteil abgesehen, bis zum Schluss eine drama­tische Spannung aufrecht zu halten, die den Zuschauer mitnimmt.

Ob sich aus der Anlage dieses Stückes, das durchaus multi­medial daher­kommt, ein neues, anspre­chend zeitge­mäßes Format ausar­beiten lässt, ist noch offen. Die Frage, ob Oper oder nicht, stellt sich jeden­falls nach der Vorstellung nicht mehr. Mizgin Bilmen hat mit dieser Insze­nierung ein Format mit eigenem Gesicht gefunden.

Das empfindet auch die große Mehrzahl der Besucher so. Der lang anhal­tende Beifall verklingt erst allmählich, nachdem der Vorhang schon zweimal gefallen ist.

Horst Dichanz

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