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Man könnte lange darüber streiten, ob Marc-André Dalbavies Komposition, die er für die Salzburger Festspiele 2014 schuf, mit der Bezeichnung „Oper“ wirklich getroffen ist. Wenn schon das Theater Bielefeld von einer „collagenhaften Partitur“ spricht, den Zuhörer auf ein „Spiel mit … zahlreichen musikalischen Zitaten“ vorbereitet und eine „schlüssige Architektur“ ankündigt, in der dem Zuschauer Erinnerung und Realität gegenübergestellt werden, ist der Besucher auf Überraschungen gefasst, er erwartet sie. Und die junge Regisseurin Mizgin Bilmen, eine Folkwang-Absolventin, enttäuscht sie nicht. Mit ihrer Bielefelder Inszenierung ist ihr ein bemerkenswerter Auftritt gelungen, keine Frage. Von den real existierenden über 1.300 Gouachen, die Charlotte Salomon während ihres Exils in Frankreich schuf, hat sich Mizgin Bilmen zu einer originellen, häufig rätselhaften und bis zuletzt spannenden Inszenierung inspirieren lassen, die Aufmerksamkeit verdient. Ihre Einweisung in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1943 hat die reale Charlotte Salomon leider nicht überlebt.
Die Geschichte der Jüdin Charlotte Salomon in einer ständigen Doppelreflexion zu zeigen, ist schon eine Herausforderung, die Regie, Darstellern und Zuschauern viel Aufmerksamkeit abverlangt. Wenn dann noch eine moderne, wenig rhythmische und mit zahlreichen Klassik-Zitaten spielende Musik hinzukommt, wird deutlich, auf welch schmalen Grat sich Regie, Musik und Darsteller an diesem Abend begeben. Der ständige Wechsel zwischen der realen Hauptfigur Charlotte Salomon und ihrem Reflexbild, dem die Erinnerungen, Reflexionen und Fragen zugemutet werden, der Wechsel zwischen deutscher, französischer und italienischer Bühnensprache zwingen den Zuschauer immer wieder, sich zu vergewissern, auf welcher Ebene der Betrachtung die Figur der Charlotte sich gerade befindet. Nein – kein einfaches, kein unterhaltsames Unterfangen, aber spannend bis zur letzten Szene.
| Musik | ![]() |
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Bilmen und ihr Bühnenbildner Cleo Niemeyer nutzen eine Auswahl der von Charlotte Salomon für ihr biographisches Werk Leben? Oder Theater? ausgewählten Gouachen auch für die Bühnengestaltung. Als dunkler Hintergrund, oft mit rätselhaften Schriftzügen versehene Dokumente, oder als Projektion auf einem Schleiervorhang, tauchen farbige Bildauszüge aus diesen Gouachen auf. Ein Stahlgerüst und eine Stahltreppe auf der Bühne verstärken den Eindruck einer leblosen, harten Welt ohne Emotionen. Mit Ausnahme der zwei Hauptpersonen erscheinen alle übrigen Figuren metallen-verfremdet, oft mit metallfarbiger Gesichtsschminke und hartem, stark gezeichnetem Gesichtsausdruck. Die von Alexander Djurkov Hotter entworfenen, leicht futuristischen Kostüme verstärken den kühl-jenseitigen Eindruck der Figuren. Die Inszenierung begnügt sich mit einigen sehr sparsam eingesetzten Verweisen auf den zeitgenössischen Rahmen des Nationalsozialismus.

Dazu spielt die von Dalbavie komponierte Musik eine überraschend gewichtige Rolle, obwohl sie häufig kaum präsent erscheint. Alexander Kalajdzic hält den Chor und die Bielefelder Philharmoniker im Hintergrund und überlässt den Gesangsstimmen die Fortführung der Handlung. Stimmen, vor allem die der Stiefmutter Franziska von Katja Starke, Hasi Molavian als Charlotte Kann und der etwas vordergründige Tenor des Amadeus Daberlohn von Daniel Pataky präsentieren ein Stimmentableau mit klarer Ausdruckskraft, in wechselnder Sprache und als Sprechtext. Jana Schulz gibt eine Charlotte Salomon, die, gebunden an ihre Malkunst, Frösteln verursacht. Gleichzeitig wirkt ihre sachliche Alltagsstimme oft als Kontrast zu den Gesangsvorträgen von Molavians Charlotte Kann und verbreitet eine eher befreiende Sachlichkeit.
Nach der in Salzburg durchaus zwiespältig aufgenommenen Inszenierung der Charlotte Salomon gelingt Bilmen mit einem jungen Regieteam in Bielefeld eine Aufführung mit vielen originellen Überraschungen. Über die Kunst der Malerei und die großzügige Nutzung der Gouachen findet die Regisseurin einen originellen Weg zu einem Bühnenwerk, der trägt. Regie und Darsteller meistern die durchaus schwierige Aufgabe, ständig zwei Handlungs- und Reflexionsebenen getrennt darzustellen und doch zusammen zu führen. Auf diese Weise nimmt Bilmen Charlottes Idee auf, eine enge Beziehung zwischen Kunst und Leben zu stiften. Und es gelingt ihr, von einigen Längen im Mittelteil abgesehen, bis zum Schluss eine dramatische Spannung aufrecht zu halten, die den Zuschauer mitnimmt.
Ob sich aus der Anlage dieses Stückes, das durchaus multimedial daherkommt, ein neues, ansprechend zeitgemäßes Format ausarbeiten lässt, ist noch offen. Die Frage, ob Oper oder nicht, stellt sich jedenfalls nach der Vorstellung nicht mehr. Mizgin Bilmen hat mit dieser Inszenierung ein Format mit eigenem Gesicht gefunden.
Das empfindet auch die große Mehrzahl der Besucher so. Der lang anhaltende Beifall verklingt erst allmählich, nachdem der Vorhang schon zweimal gefallen ist.
Horst Dichanz