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Foto © Thilo Beu

Feinstaub über Italien

ATTILA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
29. Januar 2017
(Premiere)

 

Theater Bonn

Avrai tu l’universo, resti l’Italia me! 14 Mal taucht die Losung Das Universum gehöre Dir, nur Italien bleibe mein! im pracht­vollen Duett des römischen Feldherrn Ezio mit dem Hunnen­herr­scher Attila auf. Kein Wunder, dass die 1846 am Teatro La Fenice urauf­ge­führte Oper des 32-jährigen Giuseppe Verdi von den Venezianern begeistert aufge­nommen wird. Patrio­tismus ist in unter den Menschen, die unter der Fremd­herr­schaft der Habsburger leiden und sich in der Phase des Risor­gi­mento nach natio­naler Einheit sehnen. Verdi, Eroberer des Fenice bereits zwei Jahre zuvor mit Ernani, ist mit seinen auf Heimat geeichten Kompo­si­tionen der Exponent dieses Traums der Menschen. Nach Giovanna d’Arco und Jérusalem erreicht mit Attila der vom Dirigenten Will Humburg am Bonner Haus angestoßene Zyklus mit Frühwerken Verdis eine weitere Stufe auf der nach oben offenen Spirale dieser bemer­kens­werten Entde­cker­mission. Zwar keine Offen­barung, jedoch ein lohnender Fund, bei dem sich wunderbar schaudern lässt und erst recht Verdi-Cabaletten vom Feinsten genießen lassen.

Der auf einem Roman des Schrift­stellers Friedrich Ludwig Zacharias Werner aus der Hochzeit der deutschen Romantik beruhende Stoff ist dem Kompo­nisten doppelt willkommen. Die Geschichte vom Einfall des zur Zeit der Völker­wan­derung bedeu­tendsten heidni­schen Eroberers im christ­lichen Italien und seine Ermordung durch Odabella, Tochter des von Attila entmach­teten Regenten, bietet eine Fülle von Anlässen, die politische Botschaft des republi­ka­ni­schen Italiens zu verkünden. So sind in wechselnden Einsätzen mit Temis­tocle Solera und Francesco Maria Piave gleich zwei Autoren am Libretto beteiligt, mit denen er bereits produktiv zusam­men­ge­ar­beitet hat. Zudem eignet sich das Drama mit seinen blutrüns­tigen Eskapaden und den ausge­dehnten seeli­schen Wechsel­bädern der Besatzer wie der Opfer, Verdis spezi­ellen Musikstil am Ende der Ära des Belcanto und im Aufdämmern der Grand opéra weiter zu entwi­ckeln. Verdi kann verstärkt auf Rhythmen, Melodien, Stimmungen, gewaltige Chorsätze und intensive Cabaletta-Sequenzen setzen, in denen das furiose stets dem moderaten Tempo folgt. Eine Win-Win-Situation, würde vielleicht ein Controller sagen.

Schau­plätze des Dramma lirico sind das Zentrum des udine­si­schen Aquileia, eines Vorläufers Venedigs, und diverse Lager der umher­zie­henden Hunnen wie der bedrängten Römer. Diese entfernt an Bellinis Norma erinnernde, vergangene Welt ist freilich Dietrich W. Hilsdorfs Sache nicht. Der Regisseur, der einmal mehr mit seinem Team, dem Bühnen­bildner Dieter Richter und Kostüm­spe­zia­listin Renate Schmitzer, zusam­men­ar­beitet, verlegt das Ganze in eine Moderne, die sich auch als unsere Gegenwart entschlüsseln ließe. Friede ist wie zurzeit in Nahost nirgends. Richter hat einen in der Höhe imposanten Raum geschaffen, der vergangene Schlachten und die Gegenwart von Folter und Ermordung geradezu atmet. Das ist durchaus auch wörtlich gemeint. Über der Szene, in der es von Soldaten mit Gewehren nur so wimmelt, liegt ständig ein Gemisch aus Ruß und Rauch, deren Summe Fachleute wohl als Feinstaub definierten. Ein Umstand, den ein Teil des Publikums mit manchem Husten­anfall quittiert. Was nicht der Qualm des Krieges geschwärzt hat, ist bunt und grell gehalten. Ein ambulantes Bistro mit Pasta- und Vino- Service sowie TV-Geflimmer verrät ebenso wie ein Pulk von Marke­ten­de­rinnen eine Infra­struktur an Betreuung der Soldaten. Unter­haltung muss sein, während auf einer als Lager­statt ausge­klei­deten Extra-Bühne die Folter­opfer darben und Leichen herum­liegen, weil mutmaßlich der Abtransport nicht organi­siert ist.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Hilsdorf, der „seinen“ Verdi abgesehen von Hans Neuenfels kennt wie kaum ein zweiter in der deutschen Regie­szene, verspürt gewiss keine Scheu, das Grauen des Kriegs und das Gemetzel unter den Macht­hung­rigen zu zeigen. Was da martia­lisch auf dem Spiele steht, wird schon zum Vorspiel des Prologs recht drastisch insze­niert. Judith setzt ein Schwert an den Hals von Holofernes, löscht sein Leben aus. Die Reprise der bibli­schen Szene nimmt das Finale und das Sterben Attilas vorweg. Der Tyrann ist vernichtet, Italien erstarkt. Wie die Insze­nierung rasch enthüllt, misstraut Hilsdorf dem heroisch-bombas­ti­schen Überbau des Stücks und seiner martia­li­schen Figuren. Aller­dings verachtet er sie auch nicht. Der listige Ausweg: Hilsdorf ironi­siert das Geschehen und das Bühnen­per­sonal, treibt mit den Größen dieses frühen clash of culture seine Scherze und bedient sich dabei allerlei Einfälle, als ob im Bühnen­hin­ter­grund ein Spezi­al­ver­sandhaus mit einem breiten Sortiment an Requi­siten existierte.

Foto © Thilo Beu

In der Adrial­agune sammeln sich Gruppen von Aquileianern, ganze Familien, die vor dem Usurpator und seinen Militärs geflohen sind. Kinder greifen sich das vom Anführer Foresto als Zeichen des Wider­stands in den Sandstrand gerammte kleine Kruzifix und beziehen es in ihr Spiel mit Förmchen und Sandburgen ein. Als sich in Attilas Lager die Truppen zum Aufbruch rüsten, stellt sich ihnen eine Prozession entgegen. An deren Spitze Leo I., Bischof von Rom, umgeben von einer Eskorte von Nonnen und Engeln, die mit dem Palmwedel fuchteln. Ein Bühnen­ar­beiter, eher desin­ter­es­siert die Zeitung lesend, kutschiert seine Heiligkeit in einem Elektro-Buggy über die Bühne. Aufschrift: Commune di Roma. Allerlei Putzper­sonal wienert um die Helden des Geschehens herum, während diese in macht­vollen, vokalen Auftritten ihre Bezie­hungen und Schlacht­pläne sortieren. Lakonisch werden zudem vom Service­per­sonal Getränke gereicht. Solche Ingre­di­enzien wirken bisweilen witzig. Bisweilen muten sie aber auch schlicht als Humbug an. Immerhin langweilig wird es mit Hilsdorf nie. So statisch wie bei einer der seltenen Auffüh­rungen des Attila 1980 in Wien geht es in Bonn jeden­falls nicht zu.

Naheliegend verlangt das Regie­konzept den Sängern schau­spie­le­risch ein beson­deres Engagement ab, was in der Bonner Aufführung auch durchweg eingelöst wird. Fast eine Ironie des Abends – dem Bassba­riton Franz Hawlata als König der Hunnen gelingt das am besten, obwohl er im Quartett der tragenden Rollen die vokale Strahl­kraft ein Stück vermissen lässt. Angetan mit einer Brille, wie sie Intel­lek­tuelle bevor­zugen, baut er eine kuriose Distanz zu seinem Part auf, der zwischen Melan­cholie und Ironie pendelt. Da scheint die Erfahrung mit dem Ochs aus dem Rosen­ka­valier, einer seiner Lieblings­rollen, auf. Auch ihm ist das Ringen um Standing mindestens so wichtig ist wie das Eigent­liche, des Edelmanns oder des Herrschers. Sein Antipode und Partner im großen Duett, Ivan Krutikov als Ezio, überzeugt mit seinem jugend­lichen  Bariton dagegen voll und ganz. Er produ­ziert die heroische Wucht der Figur ebenso wie die emotionale Wärme des Liebenden, der den totalen Absturz fürchten muss, mit Bravour.

Die Frau zwischen allen (Königs-)Stühlen, Yannick-Muriel Noah, ist als Kriegerin und Rächerin  Odabella ein Ereignis. Irritierend und auf die Dauer störend ist einzig das gewaltige Schwert, das sie ständig mit sich führt. Das Publikum ist ja durch die Szene im Prolog bereits darauf einge­stimmt, dass dieser Quasi-Zwilling von Nothung zum Einsatz kommen wird. Die Partie, die die Beherr­schung von drei Oktaven verlangt, bewältigt sie mit ihrem pointiert drama­tisch geführten Sopran muster­gültig. Etwas zwiespältig fällt die Leistung aus, die George Oniani als Foresto liefert. Er nimmt mit seinem Tenor zwar mühelos, was die Partitur hergibt. Die Stimme ermangelt indes über weite Strecken der Nuancierung. Schließlich bestä­tigen den guten Gesamt­ein­druck in den weiteren Rollen Jonghoon You als Uldino und Leonard Bernad, der mit prägnantem Bass dem Bischof von Rom seine Stimme leiht. Marco Medved hat den Chor und Extrachor des Hauses einmal mehr in Form gebracht.

Für das Beethoven-Orchester Bonn unter Humburgs Leitung gilt das erst recht. Sie glühen in der übrigens pausenlos gespielten Aufführung geradezu in Verdi-Manier. Humburg, dem Verdi-Versteher, der sich am Pult bis zur Erschöpfung ausgibt, schlägt nach dem Schluss­vorhang der prasselnde Beifall des Publikums entgegen, durch­setzt mit Zuneigung. Eine Stimmung, die sich dann auch über alle anderen Mitwir­kenden ausbreitet. Wären da nicht die verein­zelten heftigen Buhs, die sich das Regieteam einfängt. Doch wer mag schon über Petitessen diskutieren.

Ralf Siepmann

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