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Die heute gebuchte Zeitmaschine in die Vergangenheit müsste zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien Halt machen. Ludwig van Beethoven arbeitet dort an seiner ersten Oper unter dem Titel Leonore. Nach dem Misserfolg der von ihm dirigierten Urfassung im Jahre 1805 entwickelt er sie zu Fidelio weiter, dem Schlüsselwerk der Sehnsucht nach Freiheit von Weltgeltung. Noch in Bonn, also vor seiner Übersiedlung in die Donaumetropole, erlebt Beethoven Mozarts Don Giovanni in einer Theateraufführung in deutscher Sprache. Von dem Dramma giocoso um den „bestraften Wüstling“ ist er tief beeindruckt. Das Archiv des Beethovenhauses Bonn verfügt nicht nur über Dokumente, die die intensive Auseinandersetzung mit seinem älteren Wiener Kollegen belegen. Es existiert auch ein Nachweis, dass der Komponist die originale Partitur Mozarts zu seinem Bestand zählt und als Lehrmaterial für seine Oper nutzt. Die ihm vertraute, 1801 bei Breitkopf und Härtel erschienene Übersetzung des Da Ponte-Librettos stammt von Friedrich Rochlitz, hält sich eng an die Komposition Mozarts, geht aber moralgetrieben passagenweise großzügig mit der italienischen Vorlage um.
Für Insider dürften die Spuren einer inspirierenden künstlerischen Verbindung der beiden Giganten der Wiener Klassik von wissenschaftlichem Interesse sein, zumal im Vorfeld des Beethoven-Jubiläums 2020. Jedoch wohl nicht viel mehr. Was indes die Dirigentin Sibylle Wagner, ehemalige Chordirektorin der Bonner Oper, in Kooperation mit dem Landesmuseum Bonn aus dieser exklusiven Fußnote im Gesamtwerk Beethovens macht, ist schlicht spektakulär. Wagners Zielsetzung im Rahmen ihres Initiativprojekts zur Förderung junger Talente in der Oper ist darauf gerichtet, ein „Sprungbrett für junge Studierende zum Musiktheater aufzubauen und zu entwickeln“. Rund ein Jahr nach der Realisierung der Rossini-Farce La scala di seta in der Aula der Bonner Universität hat diese Maxime durch eine bravouröse szenische Einrichtung eine neuerliche Bestätigung gefunden.
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Das Unkonventionelle wird diesmal zum Maß, das in der Oper Selbstverständliche zur puren Ausnahme. Schon der Ansatz ist ja mehr als originell, Mozarts Don Giovanni so auf die Bühne zu bringen und sinnlich erlebbar zu vermitteln, wie Beethoven die Frivolität zu Sevilla erlebt und genossen haben dürfte. Erst recht ist es die praktische Umsetzung mit einem vornehmlich jugendlichen Sänger- und Musikerensemble unter äußerst bescheidenen Rahmenbedingungen. Schauplatz des Projekts ist ja nicht etwa die Werkstatt- oder Studiobühne eines etablierten Theaters. Die räumlichen und technischen Voraussetzungen im großen Saal des Landesmuseums mit seinen rund 250 Plätzen bieten zwar heutige Standards, sind aber doch letztlich begrenzt. So gibt es ein von Christian Wagner dezent gestaltetes Bühnenbild und allerlei Lichtprojektionen, die Kai-Uwe Kriegel und Andreas Unkelbach ersonnen und realisiert haben. Doch kommt die Aufführung schlussendlich nicht über die Anmutung einer Werkstatt hinaus, die allerdings vorzüglich zum archimedischen Punkt des Unterfangens passt.
Natürlich existiert kein Orchestergraben. Vielmehr hat Wagner ihre neun Solistinnen und Solisten, die hier keck als Mozart-„Orchester“ in Erscheinung treten, vorn links dicht an dicht am Bühnenrind platziert. Die Vermutung, nun werde es Mozart en miniature geben, führt allerdings in die Irre. Schon in der temperamentvoll und geradezu robust angegangenen Ouvertüre wird bewusst, welche musikalische Wucht die Gruppe im Stile von Mozarts Harmoniemusik zu entfalten versteht. Wagner selbst ist in multipler Funktion präsent. Sie dirigiert mit großer physischer Präsenz vom Klavier aus, das sie just in time nahezu ohne Unterlass spielt. Über die Secco-Rezitative weit hinausgehend, führt sie den Part einzelner Orchesterstimmen aus, die zwar in der Partitur existent, nicht aber in der Solistengruppe aufgeboten sind. Zudem wächst ihr Klavierspiel nach und nach in eine Art Supervisor-Funktion hinein, die den zumeist noch jugendlichen Musikern Struktur, Duktus und – durchaus – Disziplin vermittelt. Das bisweilen so zupackend, dass es den großen Primadonnen-Arien beispielsweise arg zu schaffen macht, die in Mozarts Original mit betörendem Charisma verhauchen. Gleichwohl – insgesamt eine künstlerisch wie mental herausragende Leistung der Dirigentin und Pianistin Wagner.
Beethoven befindet sich um 1805 als Opernkomponist quasi noch in den Kinderschuhen, greift die Spezifika Mozarts in Melos, Rhythmus, Orchestrierung gern auf. Vor allem haben es ihm die Ensemblesätze aus Don Giovanni angetan. Er „kopiert“ sie in Vorbereitung seiner Leonore-Komposition „als Form der Aneignung“, wie das Christine Siegert vom Beethovenhaus Bonn formuliert. Mit der Aufführung im unteren Geschoss des Glaskubus unweit des Bonner Bahnhofes verwandelt sich auch diese Quellenerkenntnis in musikalische Erlebnisse. Mir ist so wunderbar … – das so beklemmende wie beglückende Quartett aus dem ersten Fidelio-Akt lässt sich nun wie ein musikalischer Verwandter jenes Quartetts im ersten Aufzug von Don Giovanni verstehen, das Anna und Elvira sowie Giovanni und Ottavio zusammenführt. Die großen solistischen Szenen, in denen die von Don Juan geprellten oder verschmähten adligen Damen ihre Seelenqualen ausmalen, wirken auf einmal doppelbödig. Als Vorbilder etwa für Rezitativ und Arie der Leonore Abscheulicher, wo eilst du hin, eine höllische Herausforderung für jeden Sopran in jeder Fidelio-Aufführung. Leporellos Empfindungen könnten in gleicher Weise als für Roccos Ständchen Hat man nicht auch Gold beineben gedient haben. Und wie von Mozart gemacht, lassen sich auch rhythmische Strukturen und die Verwendung einzelner Musikgruppen im Fidelio verstehen, so die damals in Wien populär werdenden Holzbläser.
Wagner und ihre Regisseurin, die italienische Mezzosopranistin Silvia Aurea De Stefano, die mit dem Bonner Projekt ihre erste eigenständige Regiearbeit zeigt, setzen mit ihrem Realisierungskonzept weitgehend auf die von Mozart für Wien modifizierte Don-Giovanni- Fassung. Also die ohne Don Ottavios Arie im zweiten Aufzug, aber mit dem kaum bekannten komödiantischen Duett von Zerlina und Leporello. Die kokette Bäuerin fesselt den Diener Don Giovannis an einen Stuhl und bedroht ihn – oh, Schrecken – mit einem Messer. Leporello gelingt es jedoch, sich gefesselt an diesem Stuhl hüpfend aus seiner misslichen Lage zu befreien. Damals unter dem Gelächter des Wiener, jetzt dem des Bonner Publikums. Hier verwendet Zerlina gar ihre Nylonstrümpfe, was den Spott noch steigert, der sich über Leporello ergießt.

Bei ihrer Sicht auf das Werk hat die Regisseurin freilich nicht nur die giocoso-Momente, die leichten und heiteren Elemente des Don Juan-Mythos thematisiert, die von den Sängerdarstellern mit großer Spielfreude umgesetzt werden. Ihre insoweit reflexive Inszenierung zeigt auch die fatale menschliche Veränderung, die die Begegnung der Protagonisten mit dem Lebemann ohne Moral und Skrupel in ihnen auslöst. Denn am Ende der Oper ist nichts mehr so, wie es noch am Vortage war. Egal, ob Herr oder Knecht – die Beteiligten entdecken sich komplett neu, ihre Grenzen und Optionen. Jeder von ihnen ist in einen existenziellen Aufbruch hineingeworfen. Am augenfälligsten Donna Elvira, die zum zweiten Finale gleich im Reisekostüm erscheint.
Das als Ensemble imponierende Oktett der Sängerinnen und Sänger, einige bereits arriviert, andere Musikstudierende mit Perspektive, macht seine Sache insgesamt schlicht famos. Als besonders virtuos und stimmlich versiert ragen Amelie Müller als Donna Anna, Liudmila Lokaichuk als Zerlina und der Leporello Rainer Meseckes heraus. Jakob Vad zeichnet Don Giovanni mit verführerischen Zügen, die aber vokal prägnanter sein können. Evgeniia Selina strahlt als Donna Elvira die für diese Figur spezifische Ambivalenz aus, wirkt aber noch zu verhalten. Vincent Debus verleiht dem Don Ottavio menschliche Würde und stimmlichen Glanz. Benjamin Hewat-Craw als Masetto zu erleben, ist ein großes Vergnügen. Yonathan Brink imponiert als Komtur mit sonorem Bass. Einen exotischen Touch steuert die aus Syrien nach Deutschland gekommene Heba Almasrany bei, die als Bauernmädchen in Erscheinung tritt. So vermisst niemand den bei klassischen Aufführungen üblichen Chor der Landleute.
Das Publikum folgt der Aufführung mit spürbar intensiver Anteilnahme und feiert alle Beteiligten am Ende mit anhaltendem Beifall. Bonner Visionen nennt Wagner ihre Projektreihe. Wenn Visionen so lebendig, so plastisch, so vergnüglich und zugleich so lehrreich Wirklichkeit werden, sollten weitere folgen und diese durch privates und öffentliches Engagement möglich werden. Gern rund um Beethovens Werk und Biographie. Und gern auch im Vorlauf zum Jubiläum 2020.
Ralf Siepmann