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THE GOSPEL ACCORDING TO THE OTHER MARY
(John Adams)
Besuch am
26. Monat 2017
(Premiere)
Osterzeit ist – was wäre näherliegend – Passionszeit. So gibt es in Bonn innerhalb von acht Tagen die Johannespassion von Bach in der Stiftskirche, seine Matthäuspassion in der Kreuzkirche. Noch nicht genug. Die Oper der Bundesstadt verblüfft in Kooperation mit der English National Opera London mit einer sehr heutigen und sehr speziellen Passion, deren szenische Uraufführung erst zweieinhalb Jahre zurückliegt. The Gospel according to the other Mary, das Opern-Oratorium in zwei Akten für Orchester, Chor und Solisten des Gespanns John Adams und Peter Sellars, zeichnet die Leidensgeschichte Jesu aus einer weiblichen Perspektive nach. Aus der Maria Magdalenas, eben jener other Mary, und ihrer Schwester Martha. Und fügt ihr – anders als in den Passionen Bachs – den Aspekt der Auferstehung Christi hinzu. Die Produktion wird in der Osterzeit und darüber hinaus noch fünfmal in Bonn zu sehen sein. Es sind unter dem Premiereneindruck der ersten szenischen Einrichtung in Deutschland fordernde wie verwöhnende Gelegenheiten, nicht unbedingt den religiösen, sondern den spirituellen, überzeitlichen Gehalt dieser ethischen Botschaft zu erkunden. Eines Standpunkts wider Unterdrückung und Unmenschlichkeit .
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Schon ein flüchtiger Blick auf die Quellen des ebenfalls von Sellars besorgten Librettos macht deutlich: Diese Passions-Oper sprengt den Rahmen der klassischen Vorlage gleich mehrfach. Erzählt wird die Martyriumsgeschichte Jesu nicht nur aus einer strikt anderen Sicht, die insbesondere weibliches Mitleid kennt. Vielmehr rekurriert Sellars zeit- und religionsübergreifend auf das Spannungsverhältnis von Armut und Reichtum, von Moral und Barbarei. Bibelpassagen aus dem Alten und dem Neuen Testament sind von ihm mit säkularen Texten, insbesondere feministisch orientierter Schriftstellerinnen aus Amerika, der Hildegard von Bingen sowie des Holocaust-Überlebenden Primo Levi kompiliert worden. Das so einfache wie eindrucksvolle Bühnenbild, von George Tsypin konzipiert und von James F. Ingalls beeindruckend ausgeleuchtet, liefert dazu in den Wüstenfarben Ocker und Rost einen passenden Rahmen. Es gibt einen mit Tüchern drapierten Raum, der zu beiden Seiten durch Stacheldrahtzäune begrenzt wird. Aus diesem Quasi-Zelt im Beduinenstil ragen Masten heraus, die mit Beleuchtungs- und Beschallungstechnik ausgerüstet sind. So entstehen automatisch Assoziationen zu den Kriegen aktuell im Irak und Syrien. Mal ist der Raum Schauplatz der biblischen Geschehnisse in Bethanien und über Golgatha, die Grausen oder Frieden verströmen. Dann, am Anfang, neuzeitlicher Schreckensort, wenn eine Frau im Drogenentzug ihren Kopf gegen den Zaun schlägt. Die Nähe zur Gegenwart wird auch durch die Kostüme markiert. Gabriel Berry hat die Familie der other Mary in Alltagskleidung gehüllt, die Chorsänger in mancherlei Buntes, was auch zum ZDF-Fernsehgarten passen könnte.
„Natürlich“, hat der Denker Sellars in einem Interview zur Bonner Adaption der Londoner Produktion gesagt, „wurden Religionen benutzt, um Massaker zu rechtfertigen.“ Er selbst, so seine Ergänzung, spreche lieber von „Spiritualität“. Der Regisseur Sellars, seit seiner eigenwilligen Inszenierung von Mozarts Don Giovanni aus den 1980-er Jahren im Milieu von Heroinabhängigen in Spanish Harlem, in der Opernszene ein Begriff, kanalisiert seine Passion von der Passion Jesu nicht dogmatisch auf den Kern, die Auferstehung, mithin die Hoffnung hin. Die Action-Tableaus, in Sonderheit die großartigen Tanzszenen, erlauben auch die Vorstellung, dass und wie plötzlich religiöse Ekstase umschlagen kann in den Terror unserer Tage, den großen und kleinen Dschihad.

Sind die Perspektiven also deutlich anders navigiert, können die Akzentverschiebungen bei den Charakteren nicht mehr groß verwundern. An Marias Seite gewinnt Martha Statur und – wie sich zeigen wird – an Stimme. Lazarus, ihrer beiden jüngerer Brüder, avanciert zu einer der Hauptfiguren der Geschichte. Hingegen existiert ein körperlicher Jesus nicht. Sellars und Adams berufen sich in dieser Ansicht wie in der musikalischen Orientierung auch auf Bachs Matthäuspassion, in der Jesus mehr als Stimme denn körperlich präsent sei. Mysteriös in einer Art Stellvertreterrolle Christi und irritierend erscheinen die drei Jünglinge in einem Nato-Oliv-Outfit, mit denen sich bei etwas Fantasie die Figuration der Dreifaltigkeit verbinden lässt. Irritierend auch deswegen, weil Countertenöre als die Sängerdarsteller agieren. William Towers, Benjamin Williamson und Erik Constantin machen ihre Sache dann aber hervorragend, sowohl individuell als auch im Ensemble harmonierend.
Das Beethoven-Orchester Bonn unter der musikalischen Leitung von Natalie Murray Beale meistert die minimalistisch grundierte Musik des „Postminimalisten“ – Adams über Adams – cum grano salis mit Engagement und Einfühlung. Die Komposition des Schöpfers der bekannten Oper Nixon in China entwickelt ihre expressiven Höhepunkte in ausladenden Streicherpassagen mit sonorem Celloklang und in trickreichen Schlag- und Klangkaskaden, die den Szenen von Aufruhr, Unruhe und Umbruch unterlegt sind. Das insoweit flackernde und bebende Stimmungsklima korrespondiert hervorragend mit der treibenden Energie, die der von Marco Medved einstudierte Chor des Theaters Bonn auszudrücken versteht.
Ein Teil der Inszenierungen, mit denen Sellars Furore gemacht hat, beruht auf der Integration von Elementen des Balletts und der Choreografie. Seinen Ruf stellt der Regisseur auch in Bonn unter Beweis. Ein Ereignis im Ereignis sind die beiden Tänzerinnen und die beiden Tänzer, die einzelne Szenen – etwa die Kreuzigung Jesu – so intensiv ausagieren, dass die Grenze des noch Erträglichen zumindest gestreift wird. Der Kunst von Iamnia Montalvo Hernandez, Carmen Canas, Keisuke Mihara und Erik Constantin zollt denn auch das Publikum am Ende tosenden Beifall.
Die drei Solisten, die an Statur und Stimme Affinitäten zur Gospel-Kultur aufweisen, liefern eine formidable Performance. In Sonderheit Christin-Marie Hill als Maria und Ceri Williams als Martha mit ihrem jeweils ausdrucksstarken und farbenreichen Mezzo. Ronald Samm hat in der dritten Hauptpartie mit seinem bestens situierten Tenor keinerlei Mühe, das Schicksal des Lazarus sinnfällig zu machen. Doch bewegt sich das Volumen dieser Interpretation häufig in Regionen, die eher einem Musicaltheater oder einer Freilichtbühne angestanden hätten.
Das Publikum dankt allen Akteuren und speziell dem charismatisch erscheinenden Sellars mit anhaltendem Beifall und vielerlei Bravo-Rufen. Die große Akzeptanz der Passions-Oper bestätigt indirekt auch die Sinnhaftigkeit der Kooperation, die Bonn mit London eingegangen ist und sich etwa in einer höchst bemerkenswerten Lucia di Lammermoor manifestiert hat. Der absehbare „Brexit“ könnte die Kooperation früher oder später zum Erliegen bringen. Möge er schonend ausfallen, wenigstens auf Theaterebene.
Ralf Siepmann