O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Bach versteht es, den tiefenpsychologischen Gehalt der Bibeltexte nicht nur zu erfassen, sondern eindringlich hörbar und emotional erlebbar zu machen“, sagt Karin Freist-Wissing, Kirchenmusikdirektorin an der Kreuzkirche Bonn, und will den Beweis dafür gleich persönlich antreten. Sie leitet musikalisch die szenische Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in der sehr gut besuchten Kreuzkirche.
Es ist in diesen Tagen unbedingt empfehlenswert, sich einmal abseits vom Kriegsgeschehen auf der Welt mit seinen Folgen, vom beruflichen Stress, Dauermeldungen über Hasskommentare und Falschmeldungen im Internet auf die dreistündige Interpretation Bachs von der Leidensgeschichte Jesu Christi einzulassen. Weil sie mit ihren Fragen nach Vergebung und Liebe ganz unvermittelt Saiten in uns anklingen lässt, die wir schon gar nicht mehr vermuteten, ganz unabhängig vom eigenen Glauben oder Nicht-Glauben. Die Kreuzkirche in Bonn belässt es nicht bei einer konzertanten Aufführung, sondern hat – dank großzügiger Förderer – die Passion in Szene setzen lassen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Beauftragt wurden gleich zwei Regisseure. Was wohl nur funktioniert, wenn es sich dabei um ein Gespann wie Gregor Horres und Stephanie Koch handelt, die sich seit vielen Jahren kennen. Horres hat bereits in der Düsseldorfer Johanneskirche bewiesen, dass er mit den Besonderheiten eines Kirchenraums zurechtkommt. Im Fall der Kreuzkirche entscheiden die beiden sich, keine Bühne in der Kirche zu bauen, sondern den gesamten Raum zu bespielen. Das ist vor allem wegen der akustischen Unwägbarkeiten mutig, zahlt sich aber durch besonders gelungene Raum-Klang-Effekte aus. Bemisst man die Qualität eines Regisseurs oder seiner Arbeit daran, ob er in der Lage ist, Chöre zu bewegen, zeigen Horres und Koch an diesem Abend, dass sie Meister ihres Fachs sind. Was die Chöre an diesem Abend leisten müssen, ist atemberaubend. Das funktioniert nur in einer ausgeklügelten Personenführung. Und das gilt selbstverständlich auch für die Solisten. Die Grundidee, nahezu jeder naturalistischen Darstellung zu entsagen, bedingt, will man denn noch so etwas wie eine Handlung aufbauen, häufige Ortswechsel.
Dabei beginnt alles ganz harmlos mit einem offenen Einstieg. Im Mittelschiff sind etliche Bänke abgebaut. So entsteht eine Spielfläche, in deren Mitte ein paar Tische und Stühle so etwas wie eine Abendmahl-Situation herstellen. Vor dem Altar ist eine Tribüne aufgebaut, rechts davon ist das Orchester auf Stufen aufgebaut. Darunter auch der Orgeltisch. Auf der rechten Empore findet der Rheinische Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Markus Karas einen Platz für seinen kurzen Einsatz. Die ganze Szene wird zunächst etwas zögerlich, dann aber stetig effektvoller von David Floss ausgeleuchtet. Wenn Jesus oben auf der Tribüne vor dem Altarkreuz steht, hat Floss gar den Mut, das Licht gegen Null zu dimmen und erweist sich letztlich als Könner. Die sparsamen Mittel in der Bühnenausstattung setzen sich derweil in den Kostümen fort. Die Chöre treten in schwarzer Garderobe auf. Die Solisten erscheinen in heutiger Alltagskleidung, allenfalls kleine Veränderungen weisen auf Besonderheiten hin, wie etwa Jesus das weiße Hemd der Unschuld gegen ein schwarzes zur Anklage tauscht. Das ist alles stimmig und folgt dem Grundsatz: Der beste Regisseur ist der, dessen Ideen nicht auffallen. Einmal hakt es aber doch, und das ist besonders schade, weil es eigentlich so eine gute Idee ist. Als das Volk über Petrus herfällt, ziehen sich die Chormitglieder rote Handschuhe an, um das Blut an ihren Händen zu versinnbildlichen. Floss leuchtet ausgerechnet diese Szene in Rot aus und kannibalisiert damit den eigentlich großartigen Effekt. Wunderbar auch der Einfall, den Schlaf durch das Umlegen weißer Augenbinden zu symbolisieren. So können sich die Choristen weiter bewegen. Und dieses Mal gibt der Lichtdesigner ihnen auch genügend Licht. Aber damit genug der Mäkelei.

Es ist immer wieder eindrucksvoll, welche Solisten in den Kirchen auftreten. Sorgten am vergangenen Sonntag Sänger wie Corby Welch und Rolf A. Scheider für Aufsehen in der Düsseldorfer Matthäikirche mit Rossinis Stabat Mater, tritt in Bonn gleich eine ganze Riege außerordentlicher Sänger an. Allen voran Theresa Nelles, die sich allmählich irdischen Maßstäben entzieht, in der Rolle der Sopranistin. Sie weiß ihre silberne Stimme gezielt in der Kirche abzustufen, setzt mit jedem ihrer Auftritte einen Glanzpunkt. Mit Aus Liebe will mein Heiland sterben sorgt sie von der Empore aus für Gänsehaut. Mezzosopran Charlotte Quadt bleibt zunächst etwas im Hintergrund, weiß aber etwa mit ihrer Arie Können Tränen meiner Wangen nahezu ebenso zu begeistern wie Nelles. Deutliche Unterschiede zwischen den beiden gibt es in der Darstellung. Während Nelles die so unglückliche wie herausfordernde Rolle der Suchenden, Fragenden, Verzweifelten zugewiesen bekommt, die sie bravourös löst, trotzdem für den Zuschauer nicht immer nachvollziehbar ist, beschränkt sich Quadt auf Auftritte. Da ist wenig Darstellerisches gefordert. Ähnlich wie bei dem Evangelisten. Als Erzähler steht man meist ein bisschen blöd im Raum. Egal, wie oft man die Positionen wechselt. So ergeht es auch dem Tenor Thomas Klose, der zudem aus einem unerfindlichen Grund nur selten übertitelt wird. Der häufige Positionswechsel sorgt aber mitunter dafür, dass er eben nicht so verständlich wie gewünscht ist. Obwohl er sängerisch gerade zum Ende hin über sich selbst hinauswächst. Bass Georgios Iatrou eilt auf den Opernbühnen von Erfolg zu Erfolg. Warum das so ist, zeigt er in dieser Passion. Warm angezogen mit Hemd und Pullover, wirkt er geradezu privat. Und schwelgt geradezu in den Stimmlagen, genießt seine Phrasen und bleibt dabei absolut souverän in der Darstellung. Steigern kann das nur noch Erik Sohn. Der Bass ist in der Kirche zuhause, hat die dankbare Rolle eines erdentrückten Jesu und fasziniert das Publikum zusätzlich dank einer überaus wohlwollenden Regie. Henning Jendritza in der Tenor-Rolle bleibt allerdings genau so dicht dran wie Andreas Petermeier als Pilatus.
Darstellerisch kommen die Solisten bei aller Meisterschaft, man muss es so sagen, aber nicht an die Chöre heran. Was der Kammerchor der Kreuzkirche, der sich den Namen Vox bona gegeben hat, in drei Stunden leistet, entbehrt nahezu jeder Vorstellungskraft. Da wird der Gesang beinahe zur Nebensache, weil die Choristen von Freist-Wissing hervorragend einstudiert sind. Permanent in Bewegung, jeder Schritt perfekt eingeübt, jede Aufstellung beinahe wie im Schlaf, begeistern die Choristen in Detailfreudigkeit und Exaktheit. So etwas bekommt man auf der Bühne eines Opernhauses selten geboten.
Untermalt wird die Szene kongenial von Karin Freist-Wissing und dem Orchester der Kreuzkirche Bonn. Obwohl die Dirigentin über große Strecken weit ausladend dirigiert, dabei Sänger wie Orchester gleichzeitig im Blick hat, hält sie die Balance perfekt. Ein solches Erlebnis hat man auch nicht so oft.
Und so gratuliert das Publikum gleich im Stehen und langanhaltend für eine Aufführung, wie man sie nicht so oft zu sehen und zu hören bekommt. Mit einer Veranstaltung solcher Größenordnung geht auch eine Kreuzkirche ein Risiko ein. Und sie hat gewonnen. Für die Folgeveranstaltungen gibt es Tipps. Warme Kleidung ist hier kein Fehler. Wenn man in der Kirche drei Stunden lang sitzt, macht warme Unterwäsche Sinn. Leider gibt es „freie Platzwahl“ bei zahlreich reservierten Plätzen. Dementsprechend sind um halb sieben bereits alle akzeptablen Plätze besetzt. Übrig bleiben Plätze mit eingeschränkter Sicht und Akustik. Ehe die Veranstalter eine solch unglückliche Praxis überdenken, ist es sicherer, ein paar Minuten eher da zu sein.
Michael S. Zerban