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Foto © Thilo Beu

Geschlechterkrieg auf Konzertflügeln

PENTHESILEA
(Othmar Schoeck)

Besuch am
15. Oktober 2017
(Premiere)

 

Theater Bonn

September 2013. Bernard Helmich tritt sein Amt als General­intendant des Theaters Bonn an. Sein Opern-Einstand: George Benjamins Written on Skin, urauf­ge­führt 2012. Helmichs Beweg­grund für die Wahl des Stücks: Bonns Bürger erwar­teten „von ihrem Theater Außer­ge­wöhn­liches“. Oktober 2017. Zu seinem Debüt als Bonns neuer General­mu­sik­di­rektor bringt Dirk Kaftan, zuvor in Graz engagiert, Othmar Schoecks Musik­drama Penthe­silea nach dem Trauer­spiel von Heinrich von Kleist in einer Insze­nierung Peter Konwit­schnys auf die Bühne. „Es gehört auch zu unserer Arbeit“, lässt er das Publikum wissen, „unbequem zu sein.“ Und: Es sei an der Zeit, „aus dem Trott-Reper­toire“ heraus­zu­kommen, zumindest beim Debüt.

Wie sehr doch die Ansichten einander ähneln. Ob sich Helmichs Devise erfüllt, wird wohl nicht vor Ende seiner Intendanz erkennbar sein, die auf Grund von Finanz‑, Planungs- und Baupro­blemen rund um die Oper Bonn und die Stadt als Kultur­standort keine übliche ist. Gewiss ist mit der in den letzten Jahren reali­sierten Serie von Frühwerken Verdis eine Schneise der Bestä­tigung bereits geschlagen. Hingegen ist es Kaftan bereits an seinem ersten Abend am Boese­la­gerhof gelungen, das Versprechen einzu­lösen. Mit der Entscheidung expressis verbis für die brachiale Episode aus dem Troja­ni­schen Krieg formu­liert Kaftan mehr als ein program­ma­ti­sches Ausru­fungs­zeichen. Die großen Mensch­heits­themen – Krieg und Frieden, Geschlech­ter­kämpfe, die in physi­schen und seeli­schen Verwüs­tungen enden, Liebe, die in Zerstörung und Selbsthass umschlägt – werden auch künftig in der Bonner Oper eine Heimstatt haben, nicht zuletzt in anspruchs­vollen, bisweilen Sinne und Toleranz bis an die Grenze fordernden Produktionen.

Othmar Schoeck, Kennern eher als Komponist lyrischer Lieder ein Begriff, greift mit seinem 1927 an der Dresdner Semperoper urauf­ge­führten Werk nach den Gipfeln. Inspi­riert von einer tiefen Zuneigung zur Kunst­sprache Kleists, an die er sich unter großen Raffungen in seinem selbst­ver­fassten Libretto weitgehend hält, wagt er sich in einzig­artige musik­dra­ma­tische Höhen. Diese Steigerung ins Expressive verlangt ja geradezu das wort- und bildma­le­rische Trauer­spiel von 1808, in dem der Kampf der Amazo­nen­kö­nigin mit dem griechi­schen Helden und – auf der Metaebene – die Außen­sei­ter­rolle des Indivi­duums in einer formierten Gesell­schaft geschildert werden. Der Kunst­ob­session opfert Schoeck konse­quen­ter­weise den gewohnten Aufbau des Orchesters. Es gibt Blech und Klari­netten satt. Ferner ein treibendes Schlagwerk, das mit trockenen, harten Streichen den Schrecken des Geschehens den Besuchern um die Ohren fetzt. Die jetzt nur vier Violinen sind auf eine Solorolle reduziert, was dem Klang der übrigen Streicher eine besondere Tiefe verleiht. Der Clou der Orches­trierung sind zwei Klaviere, in Bonn: Flügel. Mal konzer­tieren sie mit den anderen Instru­men­ta­listen, mal setzen sie sich mit einer eigenen, gelegentlich intimen  Klangwelt von dem rabiaten Getöse des großen Apparats ab.

So entsteht eine einzig­artige Tonsprache mit Klang­bildern, die zwischen eksta­ti­schen Höhen und lyrisch-verhal­tenen Tälern wandern, dicht an den Irrwegen der Protago­nisten durch ihre in Turbulenz geratenen Seelen­land­schaften. Klang­bilder, die sich zu polyto­nalen Großge­mälden auswachsen und doch immer wieder einmünden in das Format vertrauter Tonalität, gleichsam zur Erholung einladend. Assozia­tionen zur Elektra von Richard Strauss, 1909 ebenfalls in Dresden heraus­ge­kommen, stellen sich dabei fast zwangs­läufig ein. Sie schmälern aber den kreativen Wert von Schoecks Unikat am Übergang der Hochro­mantik zur Moderne keinesfalls.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Oberflächlich betrachtet, haben sich der ausge­wiesene Theater­profi Konwit­schny, inzwi­schen 72-jährig, und sein Ausstatter Johannes Leiacker bei der Umsetzung des knapp einein­halb­stün­digen Einakters für eine Konzeption entschieden, die als semi-konzertant umschrieben werden könnte. Keine Kulissen oder Requi­siten, ein schwarzer Hinter­grund statt eines Bühnen­bildes, auf der vorderen Bühne eine weiße Aktions­fläche, die den Orches­ter­graben zudeckt, darauf postiert die beiden sattschwarzen Konzert­flügel, die auch in wechselnde Positionen gerollt werden können. Schließlich das im Bühnen­hin­ter­grund auf einem Podest platzierte Orchester. Der Eindruck prima vista täuscht indes gewaltig. Leitmotiv der Insze­nierung ist die Adaption des antiken griechi­schen Theaters und damit die Abkehr von der Bühne im Stil der Frontal­prä­sen­tation. Einige Zuschauer sind links und rechts von der Spiel­fläche platziert, Teile des Chors und die solis­ti­schen Chorsänger in den ersten Parkett­reihen, von denen aus sie in das Geschehen eingreifen. So formt sich das Ganze zu einer Arena, in der das Publikum wie beim Wrestling direkt dem Spektakel folgen und Anteil nehmen kann. Alle Sänger­dar­steller bewegen sich in Kleidung von heute, was den Eindruck eines Dramas in der Gegenwart hervorruft. Unsere Zeit gilt bekanntlich als schnell­lebig. Ständige Bewegungen und ein hohes Tempo in den Aktionen setzen hier an, verstärken das Gefühl einer existen­ti­ellen Verun­si­cherung beim Betrachter, dem wenig Raum gegeben wird, bloß zu konsu­mieren. Die Handlungs­ströme kulmi­nieren auf, unter und neben den beiden Flügeln, auf denen die Existenz­kämpfe der Geschlechter ausge­tragen werden. Sie avancieren symbo­lisch zu einer Empore der Kunst, in der die Gesell­schaft bevorzugt das zum Thema macht, was der politische Diskurs verfehlt oder ausblendet.

Foto © Thilo Beu

Besonders schlüssig ist dem Insze­nie­rungsteam, das in Kopro­duktion mit dem Theater Linz agiert, das Finale gelungen. Konwit­schny weitet den Aktions­radius in die Moderne, wagt einen Ausflug in die heutige Medien­ge­sell­schaft. Die Amazonen beschreiben im Stil von Breaking News mit von Hand zu Hand wanderndem Mikrophon den Showdown, in dem Penthe­silea und ihre Hunde den Leichnam des Achilles zerflei­schen. Das Private, die Intimität und auch die Exklu­si­vität sind aufge­hoben. Die Jagd nach Einschalt­quoten hat die Führung übernommen, um jeden Preis, auch den der Wahrheit.

Diese und weitere Passagen, in denen rhyth­misch dekla­miert oder schlicht gesprochen wird, meistern die Sänge­rinnen und Sänger mit Bravour, so insbe­sondere die Prothoe der Aile Asszonyi und die Meroe der Kathrin Leidig, nicht zuletzt Ceri Williams, die der Oberpries­terin der Diana markante Schärfe verleiht. In den beiden Haupt­partien ist die Bonner Penthe­silea erstklassig besetzt. Die Mezzo­so­pra­nistin Dshamilja Kaiser, mit Beginn der Spielzeit Ensem­ble­mit­glied des Bonner Theaters und Carmen in der nächst­fol­genden Bonner Produktion, ist mit glühenden vokalen und physi­schen Ausbrüchen eine packende Amazo­nen­kö­nigin. Sie trifft jede Nuance dieser Frau, „halb Furie, halb Grazie“, wie sie Kleist beschreibt, scheut nicht den strapa­ziösen, körper­lichen Einsatz auf Spiel­fläche und Klavieren, ist zuletzt im Schluss­auf­tritt, nun im schwarzen Samt in der Rolle der Liedsän­gerin, mit ihrem samtenem, klang­schönem Mezzo eine würdige Erscheinung. Als Achilles ist ihr der Bariton Christian Miedl an Inten­sität, Kraft und Artiku­la­ti­ons­fä­higkeit ebenbürtig. Miedl, Gast der Aufführung, wirkt zwar äußerlich wie ein junger Wikinger oder der jugend­liche Siegfried aus Wagners Ring des Nibelungen, ist aber stimmlich äußerst präsent und vehement. Das gilt nicht zuletzt für den Chor und den Extrachor des Theaters Bonn, die ihr Leiter Marco Medved in Höchstform gebracht hat.

Das Debüt, das sich Kaftan – einer Mutprobe gleich – mit dem Beethoven-Orchester Bonn vorge­nommen hat, gelingt in großar­tiger Manier. Die Musiker zeigen sich in der unkon­ven­tio­nellen Besetzung stets auf der Höhe des Schoeck­schen Klang­rau­sches, durch­messen feinnervig jedes Farben­spiel und jede atonale Komple­xität der Partitur. Ein außer­or­dent­licher Erfolg für den neuen GMD, der zudem noch das Handicap zu überwinden hat, überwiegend mit dem Rücken zu den Sängern und den beiden Pianisten zu stehen. Der anhal­tende, außer­or­dent­liche Jubel des Publikums für alle Betei­ligten, auch das Regieteam, ist am Ende die verdiente Anerkennung für eine überdurch­schnitt­liche Theater­leistung. Schon einmal, 1981, hat Kleists Stück in Bonn für Furore gesorgt. Peter Eschberg bringt in seiner Ära als Intendant des damaligen Theaters Bonn Penthe­silea auf die Bühne und löst eine öffent­liche Ausein­an­der­setzung um Gelder für die Ausstattung und die künst­le­rische Legiti­mität seines Regie­kon­zepts aus. Damals wählt ein Zuschauer sogar den gericht­lichen Weg. Heute quittiert das Publikum selbst die sperrige Kunst mit Anerkennung und Begeis­terung. Eine wichtige Botschaft. Und ein furioser Neuanfang im Theater der Bundesstadt.

Ralf Siepmann

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