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September 2013. Bernard Helmich tritt sein Amt als Generalintendant des Theaters Bonn an. Sein Opern-Einstand: George Benjamins Written on Skin, uraufgeführt 2012. Helmichs Beweggrund für die Wahl des Stücks: Bonns Bürger erwarteten „von ihrem Theater Außergewöhnliches“. Oktober 2017. Zu seinem Debüt als Bonns neuer Generalmusikdirektor bringt Dirk Kaftan, zuvor in Graz engagiert, Othmar Schoecks Musikdrama Penthesilea nach dem Trauerspiel von Heinrich von Kleist in einer Inszenierung Peter Konwitschnys auf die Bühne. „Es gehört auch zu unserer Arbeit“, lässt er das Publikum wissen, „unbequem zu sein.“ Und: Es sei an der Zeit, „aus dem Trott-Repertoire“ herauszukommen, zumindest beim Debüt.
Wie sehr doch die Ansichten einander ähneln. Ob sich Helmichs Devise erfüllt, wird wohl nicht vor Ende seiner Intendanz erkennbar sein, die auf Grund von Finanz‑, Planungs- und Bauproblemen rund um die Oper Bonn und die Stadt als Kulturstandort keine übliche ist. Gewiss ist mit der in den letzten Jahren realisierten Serie von Frühwerken Verdis eine Schneise der Bestätigung bereits geschlagen. Hingegen ist es Kaftan bereits an seinem ersten Abend am Boeselagerhof gelungen, das Versprechen einzulösen. Mit der Entscheidung expressis verbis für die brachiale Episode aus dem Trojanischen Krieg formuliert Kaftan mehr als ein programmatisches Ausrufungszeichen. Die großen Menschheitsthemen – Krieg und Frieden, Geschlechterkämpfe, die in physischen und seelischen Verwüstungen enden, Liebe, die in Zerstörung und Selbsthass umschlägt – werden auch künftig in der Bonner Oper eine Heimstatt haben, nicht zuletzt in anspruchsvollen, bisweilen Sinne und Toleranz bis an die Grenze fordernden Produktionen.
Othmar Schoeck, Kennern eher als Komponist lyrischer Lieder ein Begriff, greift mit seinem 1927 an der Dresdner Semperoper uraufgeführten Werk nach den Gipfeln. Inspiriert von einer tiefen Zuneigung zur Kunstsprache Kleists, an die er sich unter großen Raffungen in seinem selbstverfassten Libretto weitgehend hält, wagt er sich in einzigartige musikdramatische Höhen. Diese Steigerung ins Expressive verlangt ja geradezu das wort- und bildmalerische Trauerspiel von 1808, in dem der Kampf der Amazonenkönigin mit dem griechischen Helden und – auf der Metaebene – die Außenseiterrolle des Individuums in einer formierten Gesellschaft geschildert werden. Der Kunstobsession opfert Schoeck konsequenterweise den gewohnten Aufbau des Orchesters. Es gibt Blech und Klarinetten satt. Ferner ein treibendes Schlagwerk, das mit trockenen, harten Streichen den Schrecken des Geschehens den Besuchern um die Ohren fetzt. Die jetzt nur vier Violinen sind auf eine Solorolle reduziert, was dem Klang der übrigen Streicher eine besondere Tiefe verleiht. Der Clou der Orchestrierung sind zwei Klaviere, in Bonn: Flügel. Mal konzertieren sie mit den anderen Instrumentalisten, mal setzen sie sich mit einer eigenen, gelegentlich intimen Klangwelt von dem rabiaten Getöse des großen Apparats ab.
So entsteht eine einzigartige Tonsprache mit Klangbildern, die zwischen ekstatischen Höhen und lyrisch-verhaltenen Tälern wandern, dicht an den Irrwegen der Protagonisten durch ihre in Turbulenz geratenen Seelenlandschaften. Klangbilder, die sich zu polytonalen Großgemälden auswachsen und doch immer wieder einmünden in das Format vertrauter Tonalität, gleichsam zur Erholung einladend. Assoziationen zur Elektra von Richard Strauss, 1909 ebenfalls in Dresden herausgekommen, stellen sich dabei fast zwangsläufig ein. Sie schmälern aber den kreativen Wert von Schoecks Unikat am Übergang der Hochromantik zur Moderne keinesfalls.
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Oberflächlich betrachtet, haben sich der ausgewiesene Theaterprofi Konwitschny, inzwischen 72-jährig, und sein Ausstatter Johannes Leiacker bei der Umsetzung des knapp eineinhalbstündigen Einakters für eine Konzeption entschieden, die als semi-konzertant umschrieben werden könnte. Keine Kulissen oder Requisiten, ein schwarzer Hintergrund statt eines Bühnenbildes, auf der vorderen Bühne eine weiße Aktionsfläche, die den Orchestergraben zudeckt, darauf postiert die beiden sattschwarzen Konzertflügel, die auch in wechselnde Positionen gerollt werden können. Schließlich das im Bühnenhintergrund auf einem Podest platzierte Orchester. Der Eindruck prima vista täuscht indes gewaltig. Leitmotiv der Inszenierung ist die Adaption des antiken griechischen Theaters und damit die Abkehr von der Bühne im Stil der Frontalpräsentation. Einige Zuschauer sind links und rechts von der Spielfläche platziert, Teile des Chors und die solistischen Chorsänger in den ersten Parkettreihen, von denen aus sie in das Geschehen eingreifen. So formt sich das Ganze zu einer Arena, in der das Publikum wie beim Wrestling direkt dem Spektakel folgen und Anteil nehmen kann. Alle Sängerdarsteller bewegen sich in Kleidung von heute, was den Eindruck eines Dramas in der Gegenwart hervorruft. Unsere Zeit gilt bekanntlich als schnelllebig. Ständige Bewegungen und ein hohes Tempo in den Aktionen setzen hier an, verstärken das Gefühl einer existentiellen Verunsicherung beim Betrachter, dem wenig Raum gegeben wird, bloß zu konsumieren. Die Handlungsströme kulminieren auf, unter und neben den beiden Flügeln, auf denen die Existenzkämpfe der Geschlechter ausgetragen werden. Sie avancieren symbolisch zu einer Empore der Kunst, in der die Gesellschaft bevorzugt das zum Thema macht, was der politische Diskurs verfehlt oder ausblendet.

Besonders schlüssig ist dem Inszenierungsteam, das in Koproduktion mit dem Theater Linz agiert, das Finale gelungen. Konwitschny weitet den Aktionsradius in die Moderne, wagt einen Ausflug in die heutige Mediengesellschaft. Die Amazonen beschreiben im Stil von Breaking News mit von Hand zu Hand wanderndem Mikrophon den Showdown, in dem Penthesilea und ihre Hunde den Leichnam des Achilles zerfleischen. Das Private, die Intimität und auch die Exklusivität sind aufgehoben. Die Jagd nach Einschaltquoten hat die Führung übernommen, um jeden Preis, auch den der Wahrheit.
Diese und weitere Passagen, in denen rhythmisch deklamiert oder schlicht gesprochen wird, meistern die Sängerinnen und Sänger mit Bravour, so insbesondere die Prothoe der Aile Asszonyi und die Meroe der Kathrin Leidig, nicht zuletzt Ceri Williams, die der Oberpriesterin der Diana markante Schärfe verleiht. In den beiden Hauptpartien ist die Bonner Penthesilea erstklassig besetzt. Die Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser, mit Beginn der Spielzeit Ensemblemitglied des Bonner Theaters und Carmen in der nächstfolgenden Bonner Produktion, ist mit glühenden vokalen und physischen Ausbrüchen eine packende Amazonenkönigin. Sie trifft jede Nuance dieser Frau, „halb Furie, halb Grazie“, wie sie Kleist beschreibt, scheut nicht den strapaziösen, körperlichen Einsatz auf Spielfläche und Klavieren, ist zuletzt im Schlussauftritt, nun im schwarzen Samt in der Rolle der Liedsängerin, mit ihrem samtenem, klangschönem Mezzo eine würdige Erscheinung. Als Achilles ist ihr der Bariton Christian Miedl an Intensität, Kraft und Artikulationsfähigkeit ebenbürtig. Miedl, Gast der Aufführung, wirkt zwar äußerlich wie ein junger Wikinger oder der jugendliche Siegfried aus Wagners Ring des Nibelungen, ist aber stimmlich äußerst präsent und vehement. Das gilt nicht zuletzt für den Chor und den Extrachor des Theaters Bonn, die ihr Leiter Marco Medved in Höchstform gebracht hat.
Das Debüt, das sich Kaftan – einer Mutprobe gleich – mit dem Beethoven-Orchester Bonn vorgenommen hat, gelingt in großartiger Manier. Die Musiker zeigen sich in der unkonventionellen Besetzung stets auf der Höhe des Schoeckschen Klangrausches, durchmessen feinnervig jedes Farbenspiel und jede atonale Komplexität der Partitur. Ein außerordentlicher Erfolg für den neuen GMD, der zudem noch das Handicap zu überwinden hat, überwiegend mit dem Rücken zu den Sängern und den beiden Pianisten zu stehen. Der anhaltende, außerordentliche Jubel des Publikums für alle Beteiligten, auch das Regieteam, ist am Ende die verdiente Anerkennung für eine überdurchschnittliche Theaterleistung. Schon einmal, 1981, hat Kleists Stück in Bonn für Furore gesorgt. Peter Eschberg bringt in seiner Ära als Intendant des damaligen Theaters Bonn Penthesilea auf die Bühne und löst eine öffentliche Auseinandersetzung um Gelder für die Ausstattung und die künstlerische Legitimität seines Regiekonzepts aus. Damals wählt ein Zuschauer sogar den gerichtlichen Weg. Heute quittiert das Publikum selbst die sperrige Kunst mit Anerkennung und Begeisterung. Eine wichtige Botschaft. Und ein furioser Neuanfang im Theater der Bundesstadt.
Ralf Siepmann