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Dieser Bilder werden haften bleiben: Wie José Cura, der Sänger, sich nach der strapaziösen Aufführung geradezu millimeterweise aus der Erstarrung des Darstellers löst und sich dem Publikum zuwendet. Wie Cura, der Regisseur, sichtlich bewegt den frenetischen Jubel des Publikums quasi einatmet. Wie Cura, der Ausstatter, jetzt ganz Teamplayer, die vielen künstlerisch, technisch und handwerklich beteiligten Akteure Anteil zu nehmen lassen versucht an der Emphase, die über allen zusammenschlägt. Mit der Aufführung von Benjamin Brittens Peter Grimes an der Bonner Oper erlebt die dritte Spielzeit in der Ära des Generalintendanten Bernhard Helmich eine fabelhafte Krönung. Freilich sind ungeachtet allen Premierenjubels doch etliche Abstriche zu machen. Einschränkungen, die indes keine Argumente gegen eine weitere Verbreitung des in drei Akte und einen Prolog gegliederten Werks liefern. Curas persönliches Engagement für das mystische Drama und seinen Komponisten dürfte eine Sache sein, eine willkommene sicherlich. Die praktische Lösung, die der argentinische Tenor in der Dreifach-Funktion als Interpret der Titelfigur, als Regisseur sowie als Verantwortlicher für Bühnenbild und Kostüme dem Bonner Haus in Koproduktion mit der Opéra de Monte-Carlo zugedacht hat, entbehrt allerdings an Überzeugungskraft.
Der Stoff zu Peter Grimes, einen Monat nach der Kapitulation von Nazi-Deutschland in London uraufgeführt, beruht auf einer Episode des Dichters George Crabbe aus der Chronik des Fleckens Aldeburgh an der englischen Ostküste. Brittens Librettist Montagu Slater setzt andere Akzente und weitet die um 1830 spielende Vorlage zu einer Passionsgeschichte nach dem Vorbild der griechischen Tragödie. Unter den Bewohnern des borough lebt der Sonderling Grimes, dem seine Mitmenschen zum Verhängnis werden, weil er im Zweifel ihren Argwohn erweckt und nicht ihre Empathie. Der Fischer ist vor dem Dorfgericht angeklagt, schuldhaft den Tod seines Lehrjungen verursacht zu haben. Freigesprochen aus Mangel an Beweisen, bleibt er dem ständigen Misstrauen der Dörfler und ihrem wachsenden Hang zur Lynchjustiz ausgesetzt. Es ist eine Provinzgemeinschaft, die ihre kleinbürgerlichen Normen mit allen Mitteln verteidigt, gnaden- und erbarmungslos.
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Auf der Metaebene betrachtet, handelt die Oper von zwei antagonistischen Spannungsfeldern. Das eine ist die Dichotomie zwischen Mensch und Natur. Kurz gefasst: Die Natur ist, der Mensch soll. „Der Mensch erfand die Moral“, gibt der Apotheker Ned Keene zu bedenken, „aber Gezeiten haben keine.“ Die Existenz des Häufleins der Fischer und ihrer Familien hängt im vorindustriellen Zeitalter permanent von dem ab, was das Meer für sie bereithält, reichen Fang oder Schrecken. Für Britten ist die See die Naturgewalt schlechthin, die er in sechs Orchesterzwischenspiele wie in Gemälden sinfonisch ausgestaltet. Vier davon hat er unter dem Titel Four Sea Interludes in einem eigenen sinfonischen Zyklus zusammengefasst. Das zweite Spannungsfeld ist der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft. Er wird festgemacht an Grimes, dem Eigenbrötler, den die Dorfgemeinschaft in ihrer panischen Abschottung gegen alles andere gnadenlos verfolgt und zum Außenseiter stempelt. „Wenn Du Dich raushältst, wenn Du die Nase zu hoch hältst, dann werden wir Dich vernichten“, verkündet die Gemeinschaft unisono ihr Credo.
30 Jahre nach der Uraufführung im Sadler’s Wells Theatre, die heute als Nukleus eines neuen britischen Musiktheaters gilt, erscheint Außenseiter, das erhellende Buch des Germanisten Hans Mayer. Seine analytischen Schauplätze: Frauen, Homosexuelle, Juden. Überwölbend seine Denkfigur, Geschichte nicht allein als Handeln Einzelner und Vieler begreiflich zu machen, sondern als Prozess aller, denen hinsichtlich dessen, was sie tun, häufig das Bewusstsein fehlt. Auf einer solchen kritischen Folie kann jede Inszenierung von Peter Grimes Tiefe und Aktualität gewinnen. Wo ist Schuld? Wer ist Opfer? Ist es das Individuum, also der isolierte bärbeißige Fischer mit seinen komplexen Beziehungen zu Mitmenschen, insbesondere in einem auch homosexuell geprägten Kontext zu den ihm anvertrauten Lehrjungen aus dem Waisenhaus? Ist es die bigotte Mehrheit, die ihre eigene moralischen Maßstäbe wie die opiumabhängige Mrs. Sedley unterläuft und sich noch in blindem Hass vom Dorfpfarrer gegen „das Böse“ aufhetzen lässt? Oder sind diese Bewusstlosen, die nicht anders können, frei von jeglicher Verantwortung und somit schuldlos schuldig?
Auf diesem ewig aktuellen und zugleich hochpolitischen Hintergrund bleibt Curas Inszenierung seltsam unentschieden. Er spielt und singt den Grimes als Opfer des Boroughs, der instinktgesteuerten Provinzler, dem seine ganze Sympathie zu gehören scheint. Schon im Prolog, als der Fischer sich um seinen toten Lehrjungen müht und gleichzeitig Mr. Swallow, in Personalunion Bürgermeister und Vorsitzender der gerichtlichen Untersuchung, die Anklage gegen ihn verkündet, erscheint Grimes als Introvertierter, dem kaum Untaten zuzutrauen sind. Als eben dieser Weltentrückte später gegen die herrschende Meinung einen neuen Schutzbefohlenen aufnimmt, zeigt und gibt Cura diesen gewandelten Grimes in einer Melange von intimer Zärtlichkeit und roher Brutalität. Die homoerotische Affinität, Grundierung dieser frühen wie vieler späterer Britten-Schöpfungen, ist jetzt sehr konkret. Und der mögliche Missbrauch, Ausgangspunkt der Ablehnung durch die Dörfler, zumindest angedacht. In dieser Logik ist dann die Lehrerin Ellen Orford, seine Freundin, nicht viel mehr als Kandidatin einer Alibiheirat, die Grimes einzugehen gedenkt. Andererseits ist eben diese Ellen im von Cura modifizierten Finale der prototypische Antipode, der zur Humanität und Emanzipation befähigte Mensch. Vielleicht in Brittens und Slaters Verständnis nach dem Terror des Weltkriegs der „neue“ Mensch.

In der Grimes-Inszenierung 2015 im Theater Koblenz hat der inszenierende Hausherr Markus Dietze für den Topos des Mobs in enger Verbindung mit den Erscheinungen der See beeindruckende Bilder gefunden, die auf die Anonymisierung des Einzelnen hinauslaufen. In Bonn scheint Cura mehr Gewicht auf die Zeichnung der individuellen Typen der Dorfgemeinschaft Wert zu legen. Das ist durch akribische Profilierung jedes einzelnen Charakters durch Kostüm und Maske von der prachtvollen Auntie der Ceri Williams bis zu den beiden quirligen Nichten Marie Heeschen und Rosemarie Weissgerber auch sehr gelungen, hebt aber den Ansatz des Stücks weitgehend wieder auf. Will doch Britten die Denaturierung der Menschen zur Masse zeigen, die als Durchgangsstadium auf dem Weg zu einer Menschheit ohne Gewalt erst durchlaufen werden muss.
Curas charismatische Nähe zu den local heroes wird auch durch die von ihm gewählten Bühnenbilder verstärkt. Abgesehen von der Szenerie im Prolog und im Finale dominiert der heimelige Nachbau des realen Watchout Tower zu Aldeburgh, der sich dank Drehbühne für wechselnde Schauplätze eignet, als Aunties Pub, dann als Kirche und zuletzt als Versammlungsort, wo auch Bühnenmusiker zum Tanz aufspielen. Ein Foto des Towers im Programmheft, das Cura als Fotografen ausweist, illustriert die naturalistische Konzeption des Ausstatters Cura augenfällig. Insgesamt stereotype Tableaus, die auch einem Landschaftsmaler hätten einfallen können. Grimes, der Entwurzelte, in einem Milieu, das Heimat suggeriert? Befremdlich.
Fragezeichen löst auch Cura der Sänger aus, der sich mit diesem Rollendebüt einen Traum erfüllt. Die Titelpartie, die an mythische Vorbilder wie Wagners Holländer erinnert, ist aber, erklärlich aus der Biographie des Komponisten und seiner Lebensbeziehung zu dem Tenor Peter Pears, eben nicht für Bass oder Bariton komponiert. Neil Shicoff, Philip Langridge oder einst Jon Vickers waren in der Lage, beide Pole der rezitativischen Tenorpartie auszuloten, den lyrischen wie den rabiaten. Curas Tenor verfügt über dieses weite Spektrum nicht oder nicht mehr. Ein Ereignis gewiss in Spiel und Vortrag die große Wahnsinnsszene, in der Grimes seinen Seelenschmerz artikuliert. Die robuste Schärfe, die von der Tenorstimme zur Untermauerung der großen Distanz des Fischers zu den Dörflern verlangt wird, bleibt dagegen aus. Ein insofern nur bedingt gelungenes Debüt.
Käme es hierauf an, macht allerdings Yannick-Muriel Noah als Ellen Orford die Scharte mehr als wett. Sie begeistert das Haus mit ihrem nuancierten Sopran, als wäre er aus seidenem Geflecht gewebt. Unter den gut getroffenen weiteren Rollen ragen der Balstrode des Mark Morouse und die Mrs. Sedley der Anjara I. Bartz heraus. Vorzüglich erledigen ihren Part, um noch einige aus dem großen Sängeraufgebot zu nennen: Christian Georg als Bob Boles, Leonard Bernad in der Rolle von Swallow, David Fischer als Pastor Adams, Fabio Lesuisse, der Ned Keene und Daniel Pannermayr, der Hobson verkörpert. Exzellent einmal mehr Chor und Extrachor des Theaters Bonn, die Marco Medved insbesondere für die Tutti-Auftritte an der Rampe so prächtig präpariert hat, dass die latente Gewalt, die die Dörfler verströmen, im weiten Rund geradezu erschütternd spürbar wird.
Musikalisch ist Britten in der Erneuerung des seit Purcell stagnierenden britischen Musiktheaters ein Konservativer. Kein kompletter Abschied von der Tonalität und von der klassischen Nummernoper. Überdies ein behutsamer Umgang in der Vertonung des Englischen. Die Grimes-Partitur vereint unterschiedliche Stile vom Hochbarock bis zum italienischen Verismo, die sich zu einer großen Form, letztlich einer eigenen Musiksprache auftürmen. Das Beethoven-Orchester Bonn unter der musikalischen Leitung seines Opernchefdirigenten Jacques Lacombe meistert diese Komplexität souverän, speziell mit erkennbarer Hingabe die lyrische Eigenart und besondere Intimität der Zwischenspiele. Eine große Form angesichts eines großen Formats.
Die Bonner Intendanz dürfte mit der Verpflichtung Curas in seiner Dreifachfunktion auch an PR-Effekte gedacht haben, mindestens bundesweit, wenn nicht noch darüber hinaus. Das Kalkül mag aufgehen oder nicht. Dem Haus und seinem Publikum hat es die Begegnung mit einem Schlüsselwerk des letzten Jahrhunderts geschenkt. Unstreitig.
Ralf Siepmann