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Foto © Thilo Beu

Wie im Windkanal

IL TABARRO/​GIANNI SCHICCHI
(Giacomo Puccini)

Besuch am
7. Januar 2018
(Premiere am 1. Januar 2018)

 

Theater Bonn

Es wäre gewiss abwegig, Triptych 1976, das von dem briti­schen Maler Francis Bacon geschaffene Triptychon, ohne seinen Mittelteil zu präsen­tieren. Dieser enthält die Abbildung einer mensch­lichen Gestalt ohne Kopf, welche Raubvögel umkreisen. Irgendwie reizt aber der Gedanke, die Vorstellung eines um etwas Wesent­liches reduzierten Torsos auf die jüngste Produktion des Theaters Bonn zu übertragen. Auch hier ist bei der Einrichtung von Puccinis Trittico für die Bühne das Mittel­stück, der Einakter Suor Angelica, ausge­spart worden. Doch verbietet sich das Gedan­ken­ex­pe­riment unter dem Gesamt­ein­druck einer packenden Neudeutung der beiden übrigen Stücke der Trilogie, zu der sich das Theater Bonn mit seinem ersten Projekt zum Jahres­beginn aufschwingt, fast von selbst. Weniger kann mehr sein. Mehr an Konzen­tration auf Puccinis langjährige Ausein­an­der­setzung mit den existen­ti­ellen Fragen der Menschheit, angesiedelt zwischen Inferno und Paradies. Mehr an Verstehen des spezi­fi­schen Kompo­si­ti­ons­stils des Meisters aus Lucca, des Verismo und dessen Weiter­ent­wicklung in Richtung Impres­sio­nismus, auch Filmmusik. Mehr an Empathie im Schmunzeln wie im Mitleiden mit den Protago­nisten. Folgt doch Puccini mit dem Esprit des Italieners Dante Alighieris Epos Die Göttliche Komödie, aus der ja der Stoff für Gianni Schicchi unmit­telbar stammt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Publikum
Chat-Faktor

1910 erobert Puccini die New Yorker Met mit seiner „ameri­ka­ni­schen Oper“ La Fanciulla del West. Acht Jahre später erlebt er dort auch die Urauf­führung seines Trittico. Der Traum des Kompo­nisten, drei Einakter im Geiste Dantes, ein Schau­er­stück, ein Myste­ri­en­spiel und eine Buffa im Stile der Commedia dell’arte, unter einem Dach zusam­men­zu­fassen, ist Wirklichkeit geworden. Mythen der alten Welt entwi­ckeln in der Neuen Welt eine neue künst­le­rische Gestalt und Kraft, ausge­rechnet. Das Trittico ist dabei Voran­gehen und Vollenden in Einem, noch einmal Kreati­vität mit musika­li­schen Stilen, zugleich autobio­gra­fisch geprägte Quint­essenz. So gesehen, dürfte Il Tabarro, das Melodram um die Seine-Schiffer in Paris, das Schlüs­selwerk des Ganzen sein. Ein Stück über das Altern, die Resignation und Erfahrung des Verlusts. Der 60-jährige Puccini erlebt sie gerade doppelt. Die Spätfolgen des Autoun­falls von 1903 machen ihm ähnlich gravierend zu schaffen wie die Krebs­er­krankung, die 1924 zu seinem Tode führt.

Ähnliche Überle­gungen dürften auch das Bonner Theater beschäftigt haben. Wie ernsthaft das Haus am Rhein und der Regisseur Mark Daniel Hirsch, einst Assistent einer Trittico-Insze­nierung an der Mailänder Scala, das Ganze nehmen, illus­triert die atypische Reihen­folge der ausge­wählten Stoffe. Während üblicher­weise Il Tabarro eine Aufführung des Trittico einzu­leiten pflegt und Gianni Schicchi diese beschließt, haben sich die Bonner für die umgekehrte Reihen­folge entschieden. Das Publikum wird so nicht mit dem amüsanten Furioso rund um Betrug und Schind­luder der Donatis zu Florenz nach Hause geschickt, vielmehr mit der Misere eines vorstäd­ti­schen Prole­ta­rier­lebens. Ohne Trost, wenn man so will. Trittico-Irrita­tionen begleiten das Stück ohnehin seit 100 Jahren. Puccini, lautet ein Vorwurf in der Urauf­füh­rungs­kritik der Tribune, habe sich thema­tisch „dem niederen Leben“ zugewandt. Das Stück veran­lasse zu der Frage, „ob wir auch weiterhin auf der Suche nach Opern­ma­terial die Slums durch­for­schen müssen“.

Die Produktion in der Bundes­stadt ist in den Spiel­plan­in­for­ma­tionen mal als semikon­zertant, mal als halbsze­nisch benannt. Wollte man sich seman­tisch zwischen beiden Begriffen entscheiden, dürfte sich die Waage wohl zugunsten des letzteren neigen. Hirsch arran­giert ein so inten­sives Theater­ge­schehen, dass eine regel­rechte Bühnen­aus­stattung nicht wirklich vermisst wird. Vorn eine von Leucht­quellen unter­füt­terte Fläche, die jede Menge Raum für jede Menge Bewegung bietet. Hier versammeln sich die geldgie­rigen Betrüger um das Bett des Buoso Donati, nachdem sie zuvor aus unter­schied­lichen Ecken des Parketts laut parlierend herbei­ge­strömt sind. Im zweiten Stück des Abends agieren hier die Seine-Schiffer. Allerlei Lasten werden bewegt wie auch die Tasche der Frugola, darge­stellt von Ceri Williams, mit dem schönsten Tiger­kater der Welt aus- und einge­packt. Im Hinter­grund zieht sich ein Steg über die Szene. Er ist Schau­platz etlicher Neben­fi­guren, so des bezau­bernden Liebes­paars in Gestalt von Ava Elisabeth Gesell und David Fischer.

Dazwi­schen platziert ist das blendend aufge­legte Beethoven-Orchester Bonn unter der Leitung seines Opern-Chefdi­ri­genten Jacques Lacombe, das sich so bei seinem Tun und Lassen just in time beobachten lässt. Über allem schließlich scheint die Instanz des Ganzen zu thronen, ein um 1918 entstan­denes Porträtfoto des Kompo­nisten. Es wird in unter­schied­lichen Versionen präsen­tiert, zu Beginn grün, später blau koloriert. Eine Chiffre für die alles überwöl­bende Kunst Puccinis und die Extreme seines Triptychons.

Foto © Thilo Beu

Hirsch legt es mit seiner Regie darauf an, den Fokus so konzen­triert wie möglich auf die Protago­nisten, ihr Spiel, ihre Antriebe, Motive, Gefühle zu richten. Fast so, als würde die Oper, von allem Überflüs­sigen entkleidet, dem Stresstest in einem Windkanal ausge­setzt. In der Folge – ein Prä dieser Insze­nierung, die mit sich selbst koket­tiert – werden auch die Bezie­hungs­ge­flechte plasti­scher denn je, in denen die Personen je nach Stoff verstrickt oder verbandelt sind. Wie sich die Entfremdung von Georgetta und Michele, des Schiffs­eigners und seiner Frau, gleichsam milli­me­ter­weise aufbaut und letztlich zemen­tiert, hat nahezu Tatort-Qualität. Wie in Gianni Schicchi innerhalb von Sekunden die Gefühlslage der Donatis von einem Extrem ins andere, etwa von der Trauer in Enttäu­schung, Groll und Wut umschlägt, ist so eindringlich selten zu verfolgen. Manche Doppel­bö­digkeit der Dichtung von Giovac­chino Forzano lässt sich nun auch wie neu vermessen. Werden doch die Anspie­lungen auf die Gesell­schaft zu Florenz heute, im Zeitalter von Migration und Vertreibung, mit größerer Sensi­bi­lität aufge­nommen. Speziell die Passagen, in denen sich die Donatis über die „Conta­dinis“, die Zugereisten aus der Provinz, lustig machen, aber gern – der Gipfel des Oppor­tu­nismus – mit ihnen in Gestalt des Gianni Geschäfte machen, wenn es ihnen in den Kram passt.

Der starke Eindruck dieser Produktion wird durch ein famos agierendes Sänger­ensemble komplet­tiert, an dem es nichts auszu­setzen gibt. Es trifft den Parlando-Ton beider Parti­turen adäquat. Es meistert in den solis­ti­schen Haupt­be­set­zungen die großen Arien und Duette mit Verve, mit denen Puccini noch einmal La Bohème- und Tosca-Glanz­lichter beschwört, die auch konkret zitiert werden. Vokale Wonne wird vor allem in Il Tabarro verströmt. In dem am Ende tödlichen Dreieck der Leiden­schaft imponiert Yannick-Muriel Noah als Georgetta mit berüh­rendem Sopran und charis­ma­ti­schem Ausdruck. Sie gibt der liebenden Frau, die das Gefühl über die Sicherheit stellt, Würde und so etwas wie Größe. Als Michele ist Mark Morouse in jedem Augen­blick präsent, stimmlich wie in der Erscheinung. Das gilt im Prinzip auch für den Luigi des George Oniani, der nur mit der Kraft seiner metal­li­schen Tenor­stimme in den ariosen Ausbrüchen zu stark forciert. In den weiteren Partien überzeugen besonders Martin Tzonev als Il Talpa und Christian Georg als Il Tinca.

Als Rinuccio hat Georg zuvor bereits in Gianni Schicchi mit seinem fein nuancierten Tenor besten Eindruck gemacht. Sumi Hwang gibt die Lauretta mit Charme und kindlicher Anhäng­lichkeit. Und dem Publikum dank des Hits O mio babbino caro berech­tigten Anlass zum stärksten Szenen­ap­plaus des Abends. Last not least weitet Renatus Mészar die Titel­figur des schlauen Fuchses zu einem Glanz­stück unter direkter Anspielung auf die Commedia dell‘ Arte aus. Eine große Leistung, gesanglich wie komödiantisch.

Die Besucher im nicht ganz voll besetzten Haus geizen am Ende nicht mit anhal­tendem Beifall, als wollten sie sich damit von der mediokren Bagage zu Firenze deutlich abheben. Das Bonner Opernjahr 2018 hat verhei­ßungsvoll begonnen. Nur weiter so.

Ralf Siepmann

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