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Foto © Karl Forster

Feuchter Tod im Bodensee

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
19. Juli 2017
(Premiere)

 

Bregenzer Festspiele, Seebühne

Die sich auf vielen Parketts zwischen New Yorker Met und aufwän­digen Rock-Events erfolg­reich tummelnde Bühnen­bild­nerin Es Devlin hat schon recht, wenn sie die Seebühne der Bregenzer Festspiele als El Dorado für jeden Bühnen­bauer empfindet. Eine eindrucks­volle chine­sische Mauer wie zur Turandot der letzten beiden Jahre kann da manchen szeni­schen Mager­quark vergessen lassen. Ohnehin sollte man angesichts der gigan­ti­schen Archi­tek­turen nicht mehr schlicht von Bühnenbild sprechen, sondern von Monumental-Skulp­turen, die der Seebühne zwei Jahre lang während und außerhalb der Festspiel­zeiten ein singu­läres Ambiente verleihen, das, wie im Falle der Tosca, sogar in James-Bond-Thrillern eine gute Figur macht.

Selbst, wenn man recht filigran vorgeht wie Devlin in der neuen Carmen-Produktion, kommen beein­dru­ckende Zahlen zustande: Die beiden schlanken Damenarme, in der linken Hand lasziv eine Zigarette haltend, die rechte Hand beringt, die die 30 Meter breite Bühne flankieren, sind bis zu 24 Meter hoch und bis zu 24 Tonnen schwer. Und die Spiel­karten, die in die Luft gewirbelt werden, bringen es ebenfalls auf tonnen­schwere Gewichte, die man ihnen freilich nicht anmerkt. Und sie verlieren auch ihre Wirkung nicht, wenn, wie in der Premiere, das Wetter am Bodensee die ganze Angele­genheit zu einer mehr feuchten als feucht­fröh­lichen Veran­staltung verbiegt. Die dunklen Gewit­ter­wolken, die sich über Bregenz zusam­men­zogen, passten zwar ideal zum schick­sals­schwan­geren Inhalt der Oper, die Wasser­massen jedoch, die das Gewölk dann eine Stunde lang über die 7000 Zuschauer auswarf, wollten sich so gar nicht mit dem andalu­si­schen Kolorit der Liebes­tra­gödie anfreunden. Neben der Bühnen­ku­lisse avancierten schüt­zende und knisternde Plastik-Capes zum Blickfang der Aufführung.

Auch wenn Devlins Tarot-Karten ein filigra­neres Bild vermitteln als viele frühere Bühnen­ar­chi­tek­turen, bleibt für psycho­lo­gische Feinarbeit in einem solchen Umfeld, in dem die Figuren wie geschrumpfte Ameisen anmuten, wenig Platz. Und, ganz ehrlich gesagt, wird das von den meisten Besuchern auch nicht erwartet. Die Seebühnen-Produk­tionen, die sich ganz bewusst auf populäre Höhepunkte des Reper­toires konzen­trieren, leben von ihrer spekta­ku­lären optischen Präsenz, nicht von Feinkost für musika­lische Gourmets.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Ein Dilemma, wenn man es mit einem psycho­lo­gisch hinter­grün­digen Stück wie Bizets Carmen zu tun hat und erst recht, wenn man, wie Regisseur Kasper Holten, seines Zeichens künst­le­ri­scher Leiter der Londoner Covent Garden Opera, in der Oper mehr sieht als einen blutigen Eifer­suchts-Thriller mit flotter Musik. Vor allem das Psycho­gramm der Titel­figur erfasst Holten diffe­ren­ziert. Eine Frau, die als Zigeu­nerin bereits im Kindes­alter in eine Außen­sei­ter­rolle gedrängt wurde und früh gelernt hat, sich durch­zu­setzen. Als erwachsene Frau nutzt sie ihre unwider­steh­liche Anzie­hungs­kraft, um sich an den Männern zu rächen, obwohl sie im Grunde ihres Herzens nach nichts anderem sucht als nach Gebor­genheit und Freiheit. Das Tarot-Orakel, das ihr den nahen Tod prophezeit und die konzep­tio­nelle Basis für das Bühnenbild bildet, lässt die femme fatale, die Männer wie Spielgeld benutzt, selbst zum Opfer eines unaus­weich­lichen Schicksals heran­wachsen. Eine Erkenntnis, die einen Wandel von der koketten Verfüh­rerin und Spielerin zu einer geradezu mythisch überhöhten Figur in langem, rotem Gewande bewirkt.

Es ist schade, dass Holten den Don José erheblich blasser zeichnet, so dass die Ausein­an­der­set­zungen zwischen den scheinbar ungleichen und unpas­senden „Partnern“ zahmer ausfallen als möglich. Don José, ständig gramge­beugt, wirkt schwächer als er sein sollte. Schließlich ist er als knorriger Baske, der nach einer Gewalttat ins verhasste Andalusien straf­ver­setzt wurde, ein ebenso unbezähm­barer Außen­seiter wie die schöne Carmen. Der Kontrast zwischen Carmen und der nordspa­ni­schen Micaëla wird dagegen gut darge­stellt, kommt aber auf der Riesen­bühne kaum zur Geltung.

Foto © Karl Forster

Und das betrifft auch die Beziehung des tragi­schen Liebes­paars. Selbst von der letalen Final­szene ist nicht mehr zu sehen als ein Geplantsche im kniehohen Wasser der See. Dass Don José seine Carmen nicht ersticht, sondern im Bodensee ertränkt, ist originell, aber sinnwidrig. Die geniale Wirkung, die die parallel geführten Todes­stiche des Toreros hinter der Bühne und Don Josés auf der Spiel­fläche erzielen, verpufft angesichts der um ihr Leben stram­pelnden Zigeunerin.

Es ist schade, dass die Möglich­keiten der Spiel­karten nicht stärker ausge­schöpft werden, die schließlich als Projek­ti­ons­flächen für diverse Einblen­dungen von Stier­kampf­szenen bis zu Todes­al­le­gorien dienen. Zu selten wird die Chance genutzt, wenigstens in den intimeren Szenen die Sänger optisch wirksam auf die Leinwände zu „werfen“.

Natürlich gehören auch ein paar hübsche Tanzein­lagen und ein paar dekorative, aber recht überflüssige Stunts, wenn sich mutige Akteure vom haushohen Kartenhaus abseilen, ebenso zu einer zünftigen Seebühnen-Produktion wie schip­pernde Bötchen und ein zünftiges Feuerwerk, wenn Escamillo zum Stier­kampf einzieht.

Da die Bregenzer Opern-Air-Insze­nie­rungen pausenlos gezeigt werden und nicht die Dauer von zwei Stunden übersteigen sollten, muss man einige verschmerzbare Kürzungen in Kauf nehmen. Das betrifft die dezimierte Chorszene zu Beginn des letzten Akts sowie das Duett zwischen Don José und Micaëla im ersten Akt. Die akusti­schen Bedin­gungen sind erstaunlich gut. Das im Festspielhaus spielende Orchester wird klanglich auf die Bühne übertragen, die Gesangs­stim­mungen werden durch zahlreiche, in die Spiel­karten integrierte Lautsprecher ohne nennens­werte Verzer­rungen verstärkt. Paolo Carignani schlägt überwiegend sehr zügige Tempi an, als wollte er den durch­nässten Besuchern den Aufenthalt zusätzlich verkürzen. Die Wiener Sympho­niker liefern eine ebenso zuver­lässige Leistung ab wie der Prager Philhar­mo­nische Chor und der Bregenzer Festspielchor.

Alle Haupt­rollen sind für die fast 30 Auffüh­rungen dreifach besetzt. In der Premiere überzeugt Gaëlle Arquez in der Titel­rolle mit ihrem samten-sinnlichen Mezzo und einer Bühnen­präsenz, wie man sie sich für die Rolle nur wünschen kann. Ihr ebenbürtig Elena Tsallagová als Micaëla mit vorzüg­lichen lyrischen Quali­täten. Achtbar schlägt sich Daniel Johansson als Don José durch die kräfte­zeh­rende Partie. Die schwie­rigen Wechsel zwischen zarten Lyrismen und zupackender Dramatik gelingen zufrie­den­stellend, wobei die feuchten klima­ti­schen Bedin­gungen den Sängern die Arbeit nicht gerade erleichtern. Ohne Fehl und Tadel agieren die Vertreter der kleineren Rollen, etwas schwach wirkt der Escamillo von Scott Hendricks.

Das Publikum harrt dem spannenden Spiel in ungemüt­licher Umgebung mit großer Geduld und bedankt sich mit feuchten Händen freundlich bei allen Mitwirkenden.

Pedro Obiera

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