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Mahnmal gegen Krieg und Willkür

SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS
(Karl Amadeus Hartmann)

Besuch am
28. Januar 2017
(Premiere)

 

Theater Bremen

Das Theater Bremen bringt zum ersten Male überhaupt das nur knapp 80 Minuten lange Werk Karl Amadeus Hartmanns auf die Bühne. Hartmann hat das Werk in den dreißiger Jahren in innerer Emigration vor dem Natio­nal­so­zia­lismus geschrieben. Es wurde erst 1949 in München urauf­ge­führt; die zweite Fassung mit Anregungen von Rolf Liebermann kam 1957 in Mannheim heraus. Es hat sich nie zu einem Reper­toire­stück entwickelt.

Der Simplicius als in den 1930-er Jahren entstandene Oper ist ein außer­or­dentlich hellsich­tiges, empathi­sches Werk für die Zeit der Entstehung. Es ahnt auf der Folie des mittel­al­ter­lichen Romans von Johann Jacob Chris­toffel von Grimmels­hausen Der abenteu­er­liche Simpli­cis­simus Teutsch aus dem Jahre 1668 die Dimension des Unheils des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unrechts­staates voraus. Die Rezeption eines solchen Werkes wirkte unmit­telbar nach dem Krieg und in den Folge­jahren gerade durch seine Schlichtheit und intro­ver­tierte Haltung wohl selbst­er­klärend und überzeugend. Man wusste in diesen Jahren, wovon die Rede war. Heute mutet die reakti­onslose Haltung der Haupt­figur und nur zurück­haltend reflek­tie­rende Struktur der Musik zum Teil zeitbe­zogen und befremdlich an. Es bleibt die Frage im Raum, ob und was der heutige Betrachter wohl selber in aller Stille reflektiert.

Die in dem kleinen Kammer-Orches­ter­ap­parat mit anspruchs­vollen Holzblä­ser­partien holzschnitt­artig kommen­tie­renden Instru­men­tal­pas­sagen sind feinsinnig gestaltet. Musik wechselt mit Sprach­kom­men­taren und besonders eindringlich sind die Kommentare eines jungen Sprechers am Anfang und Ende des Werkes, in welchem er die Einwoh­nerzahl des Landes vor dem Krieg mit zwölf Millionen Einwohnern, und nach dem Ende des Schlachtens mit vier Millionen Menschen nennt und mit weißer Kreide wie ein Memento Mori auf die Bühnenwand schreibt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das Bühnenbild kerkert gewis­ser­maßen den Betrachter im Raum des Theaters ein, indem der Zuschau­erraum mit der gleichen Holzstruktur zur Bühnen­seite abgerundet und abgeriegelt wird. Sichtbar bleibt eine Art Guckloch, in welchem die Haupt­ak­teure in den wenigen Handlungs­ele­menten agieren und eine schmale Öffnung, in welcher teilweise die Aktionen vom weiter oben instal­lierten Guckloch fortge­setzt werden oder in welchem auch gleichsam bildliche Still­leben parallel zur Handlung gezeigt werden. Das runde Loch steht auch für den ewig sich wieder­ho­lenden Kreislauf von Krieg und Gewalt. Das entspricht und atmet die Verin­ner­li­chung von Geste und Haltung des Werkes ausdrucks­stark und überzeugend. Das Stück ist antipsy­cho­lo­gisch und überlässt die Reaktionen einem wissenden oder ahnenden Publikum.

Obgleich Regis­seurin Tatjana Gürbaca zusammen mit Klaus Grünberg für Licht und Bühne sowie der Kostüm­bild­nerin Silke Willrett ein in sich geschlos­senes, überzeu­gendes Konzept gelungen ist, wirkt das Werk in Stille und Intro­ver­tiertheit der Ausdrucks­mittel wie die Trauer­arbeit der histo­risch Betrof­fenen. Das ist aller hohen Kunst wert, aber ist es auch ein aktuelles Werk mit Appell­cha­rakter, das uns heute noch nachhaltig anspricht oder wachrüttelt?

Foto © Jörg Landsberg

Die musika­lische Umsetzung durch das Bremer Ensemble ist vorzüglich. Allen voran gibt Marysol Schalit eine glänzende Darstellung des Simplicius in wunder­barer Gratwan­derung eines Jungen, und später jungen Mannes, der staunend seinen Kosmos der Heimat­lo­sigkeit, Gewalt auf der Wanderung zwischen Krieg und der Suche nach Heimat durchwandert.

Der Einsiedel des Luis Olivar Sandoval, der Gouverneur von Christian-Andreas Engel­hardt, Birger Radde als Lands­knecht, Patrick Zielke als Hauptmann sowie Bauer und Dame von Loren Lang und Nora Ronge stellen das rundum überzeu­gende Ensemble der Produktion.

Der Sprecher von Max Geburek erschüttert in seinen mit jugend­licher Lakonik vorge­tra­genen Textpas­sagen, insbe­sondere der kalten Bilan­zierung der Dezimierung der Bevöl­kerung von zwölf auf vier Millionen durch Krieg und Verwüstung.

Der Chor unter Alice Meregaglia und die Kammer­or­chester-Besetzung der Bremer Philhar­mo­niker unter der versierten Gesamt­leitung von Clemens Heil nehmen sich des Werkes mit aller Sensi­bi­lität, die dieses für den Reper­toire­be­trieb ungewöhn­liche Opus erfordert, an.

Das Publikum geht auf jeden Fall engagiert mit, applau­diert seinen Bremer Künstlern mit langem Beifall und Bravo­rufen, vor allem für den Simplicius der Marysol Schalit.

Achim Dombrowski

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