O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Anima Eterna

Alte Musik von 1930

GERSHWIN’S GREATEST HITS
(Jos van Immerseel)

Besuch am
3. März 2017
(Premiere)

 

Anima Eterna,
Concert­gebouw Brugge

Seine Eltern, Morris und Rose Gershovitz, wanderten um 1891 von Russland in die USA aus. Dort mussten sie ihren Namen in Gershvine ändern. Geboren wurde er als zweites von vier Kindern am 26. September 1898 in Brooklyn. Mit 12 Jahren begann er, Klavier zu spielen, der George Gershvine, der mit 17 Jahren seinen Namen in Gershwin ändern ließ. Ein guter Schüler war er nie – Schule machte ihm keinen Spaß – aber von Musik verstand er etwas. Er schrieb Werke, die bis heute unver­gessen sind. Seine Oper Porgy and Bess gilt heute als erste Oper Amerikas und ist so populär wie nach ihrer zweiten Auffüh­rungs­serie ab 1942. Nach Gershwins Verfügung darf sie szenisch nur von schwarzen Darstellern aufge­führt werden. Heute zählt er zu den berühm­testen Kompo­nisten Amerikas, wenn nicht der Welt. Lieder wie I got Rhythm oder The Man I love sind heute noch jedem Kind bekannt. Die Schat­ten­seite des Ruhms: Die Musiken wurden so oft neu und anders arran­giert, dass von der Origi­nal­musik Gershwins eigentlich nur noch die Grund­ideen übrig sind. Das wunder­schöne Wiegenlied Summertime wurde von unzäh­ligen Sängern beiderlei Geschlechts bis zur Unkennt­lichkeit interpretiert.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Publikum  
Chat-Faktor  

Jos van Immerseel gilt als einer der wichtigsten Kenner der Alten Musik. Er ist nicht nur Anhänger der histo­risch infor­mierten Auffüh­rungs­praxis, sondern arbeitet ständig daran, den Origi­nal­klang klassi­scher Musik heraus­zu­finden. Das bedeutet nicht nur die akribische Ausein­an­der­setzung mit einem Werk, sondern vor allem auch, die Begleit­um­stände der Musik zu recher­chieren. Um seiner Leiden­schaft zu frönen, gründete van Immerseel eigens ein Orchester, dem er in einem latei­ni­schen Wortspiel seinen Namen gab: Anima Eterna. Bei der Entwicklung neuer Konzert­pro­gramme geht der Pianist und Dirigent weit über die übliche Vorbe­reitung hinaus. Ein gutes Beispiel liefert er mit seiner neuesten Produktion ab, die jetzt in Brügge zur Urauf­führung kommt. Intensiv haben er und sein Team sich mit dem Wirken George Gershwins ausein­an­der­ge­setzt, denn nicht etwa das eher unbekannte klassische Werk soll auf dem Programm stehen, sondern van Immerseel will sich an Gershwins bekann­testen Stücken messen lassen.

Das geht so weit, dass die Cellistin Hilary Metzger sich damit beschäf­tigte, mit welchen Saiten die Streich­in­stru­mente zu Beginn des 20. Jahrhun­derts in Amerika bespannt waren. Mit einem Überra­schungs­erfolg. Tatsächlich war es die Übergangszeit von Darm- auf Metall­saiten. Und da wurden nicht etwa gleich alle Saiten ausge­wechselt, sondern man begann damit, erst mal eine Saite zu tauschen, um unmit­telbar vergleichen zu können. Nicht die einzige Beson­derheit, die ameri­ka­nische Instru­mente um 1920 angeht. Ameri­ka­nische Saxofone stammten längst nicht mehr aus Belgien und waren inzwi­schen an die Bedürf­nisse der Jazz-Musiker angepasst. Also reisen die Saxofo­nisten mit gleich acht verschie­denen Instru­menten an, um der Musik Gershwins gerecht zu werden. Besonders wichtig ist van Immerseel und seinem Pianisten Bart van Caenegem die Auswahl des Flügels. Schließlich geht es um nichts Gerin­geres als die Rhapsody in Blue. In der Sammlung von Chris Maene fanden sie das ideale Instrument, einen Steinway & Sons von 1906, prägten diese Klaviere doch den typisch trans­pa­renten Klang ameri­ka­ni­scher Erzeug­nisse jener Zeit.


Lange noch könnte man über solche Details plaudern, was die instru­mentale Besetzung angeht. Schon jetzt dürfte mancher Dirigent eines Dienst-Orchesters vor Neid erblassen. Aber van Immerseel kümmert sich auch um Grund­sätz­li­cheres. Und so ist man in der Vorbe­rei­tungs­phase schon bald in einem inten­siven Diskurs mit gleich drei ameri­ka­ni­schen Insti­tuten, die eine Neuausgabe von Gershwins Werk vorbe­reiten. Die Neuausgabe wird zur Grundlage des Konzert­pro­gramms Gershwin’s Greatest Hits. Und nach der Urauf­führung in Antwerpen gilt es in Brügge, dem Wohnort van Immer­seels und Sitz des Orchesters, das im Concert­gebouw residiert, Farbe zu bekennen, ob sich solch ein immenser Aufwand wirklich in musika­li­scher Quali­täts­än­derung, womöglich ‑steigerung auszahlt.

Um es vorweg­zu­nehmen: Wenn das, was an diesem Abend im Concert­gebouw Brugge zu hören ist, das „Original“ ist, haben wir viel verloren. Und müssen vor Anima Eterna nieder­knien, um uns zu bedanken. Im nahezu vollbe­setzten Saal knistert die Spannung. Vielleicht weil die Filmauf­nahmen für eine Übertragung des Senders Mezzo und die Aufnahme der CD angekündigt werden. Vielleicht weil sich das Orchester für europäische Verhält­nisse eher ungewöhnlich aufge­stellt hat. Catfish Row, die bekannte Suite aus Porgy and Bess, macht den Anfang. Staunen macht sich breit über diesen Klang, den man üblicher­weise von den Orchestern, die so etwas für den Mainstream spielen, nicht hört. Plötzlich wird alles klarer, verständ­licher. Ungeheuer facet­ten­reich die Instru­men­tierung. Ungewöhnlich, vielschichtig. Das ändert sich auch bei An American in Paris nicht. Entgegen der Vorankün­digung werden die Lieder vorgezogen.

Foto © Anima Eterna

Damit tritt die Sopra­nistin Claron McFadden auf den Plan. Sie eröffnet den Reigen mit The Man I Love. Und so schön ihre Stimme ist, so klein ist das Volumen. Das ändert sich auch bei I Got Rhythm nicht, so dass sie häufiger im Orches­ter­klang untergeht, der eigentlich keine übertrie­benen Anfor­de­rungen an eine Stimme stellt. Ob van Immerseel so etwas erahnte oder es zu den Gepflo­gen­heiten im Concert­gebouw gehört, ist nicht bekannt. Aber sämtliche Lieder werden mit flämi­schen Texten übertitelt. In diesem Fall sicher kein überflüs­siger Luxus. Und das ändert sich auch bei My Man’s Gone Now oder By Strauss nicht – gerade da wäre mehr Stimm­umfang sicher erfreulich gewesen. Dass Summertime bei MacFadden in den besten Händen ist, das sie als Zugabe singt, versteht sich. Da werden die Piani zum Massageöl, das angewärmt auf dem Rücken verteilt wird. Das Orchester indes verhindert, dass daraus der „übliche“ Schmelz wird.

Für Rhapsody in Blue wird der Bühnen­aufbau komplett verändert. Die zahlreichen Podeste werden nach hinten verschoben, im Mittel­punkt steht, wie es sich gehört, der Steinway-Flügel, schon optisch eine Pracht. Daran nimmt Bart van Caenegam Platz – um eine der schönsten, je gehörten Versionen von An Experiment in Modern Music, wie das Stück bei seinen ersten Auffüh­rungen hieß, zu spielen.

Jos van Immerseel hat in seiner Heimat­stadt ein Programm vorge­stellt, von dem tatsächlich keiner weiß, wie nahe es am Original oder am Gemeinten des Kompo­nisten ist. Was aber das Publikum mit überwäl­ti­gendem Applaus feiert, ist eine Gershwin-Inter­pre­tation, die so frisch und unver­braucht daher­kommt, wie man es bis heute bei all den Bigband- oder Sänger-Inter­pre­ta­tionen nicht mehr für möglich gehalten hätte. Das Verdienst von Anima Eterna liegt schon heute darin, den Symphonic Jazz von Gershwin wieder­belebt zu haben. Ende August wird das Konzert in der Elbphil­har­monie zu hören sein. Bei all den musika­li­schen Experi­menten, die dort zurzeit statt­finden, darf man für Anima Eterna die Daumen drücken, dass der für ein normales Konzert­ge­bäude sorgsam ausge­wogene Klang dort auch wirkt. Wichtiger aber ist, dass im September auch das Album erscheinen soll. Und das sollten sich nicht nur Gershwin-Fans sichern.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: