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GERSHWIN’S GREATEST HITS
(Jos van Immerseel)
Besuch am
3. März 2017
(Premiere)
Seine Eltern, Morris und Rose Gershovitz, wanderten um 1891 von Russland in die USA aus. Dort mussten sie ihren Namen in Gershvine ändern. Geboren wurde er als zweites von vier Kindern am 26. September 1898 in Brooklyn. Mit 12 Jahren begann er, Klavier zu spielen, der George Gershvine, der mit 17 Jahren seinen Namen in Gershwin ändern ließ. Ein guter Schüler war er nie – Schule machte ihm keinen Spaß – aber von Musik verstand er etwas. Er schrieb Werke, die bis heute unvergessen sind. Seine Oper Porgy and Bess gilt heute als erste Oper Amerikas und ist so populär wie nach ihrer zweiten Aufführungsserie ab 1942. Nach Gershwins Verfügung darf sie szenisch nur von schwarzen Darstellern aufgeführt werden. Heute zählt er zu den berühmtesten Komponisten Amerikas, wenn nicht der Welt. Lieder wie I got Rhythm oder The Man I love sind heute noch jedem Kind bekannt. Die Schattenseite des Ruhms: Die Musiken wurden so oft neu und anders arrangiert, dass von der Originalmusik Gershwins eigentlich nur noch die Grundideen übrig sind. Das wunderschöne Wiegenlied Summertime wurde von unzähligen Sängern beiderlei Geschlechts bis zur Unkenntlichkeit interpretiert.
| Musik | ![]() |
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Jos van Immerseel gilt als einer der wichtigsten Kenner der Alten Musik. Er ist nicht nur Anhänger der historisch informierten Aufführungspraxis, sondern arbeitet ständig daran, den Originalklang klassischer Musik herauszufinden. Das bedeutet nicht nur die akribische Auseinandersetzung mit einem Werk, sondern vor allem auch, die Begleitumstände der Musik zu recherchieren. Um seiner Leidenschaft zu frönen, gründete van Immerseel eigens ein Orchester, dem er in einem lateinischen Wortspiel seinen Namen gab: Anima Eterna. Bei der Entwicklung neuer Konzertprogramme geht der Pianist und Dirigent weit über die übliche Vorbereitung hinaus. Ein gutes Beispiel liefert er mit seiner neuesten Produktion ab, die jetzt in Brügge zur Uraufführung kommt. Intensiv haben er und sein Team sich mit dem Wirken George Gershwins auseinandergesetzt, denn nicht etwa das eher unbekannte klassische Werk soll auf dem Programm stehen, sondern van Immerseel will sich an Gershwins bekanntesten Stücken messen lassen.
Das geht so weit, dass die Cellistin Hilary Metzger sich damit beschäftigte, mit welchen Saiten die Streichinstrumente zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika bespannt waren. Mit einem Überraschungserfolg. Tatsächlich war es die Übergangszeit von Darm- auf Metallsaiten. Und da wurden nicht etwa gleich alle Saiten ausgewechselt, sondern man begann damit, erst mal eine Saite zu tauschen, um unmittelbar vergleichen zu können. Nicht die einzige Besonderheit, die amerikanische Instrumente um 1920 angeht. Amerikanische Saxofone stammten längst nicht mehr aus Belgien und waren inzwischen an die Bedürfnisse der Jazz-Musiker angepasst. Also reisen die Saxofonisten mit gleich acht verschiedenen Instrumenten an, um der Musik Gershwins gerecht zu werden. Besonders wichtig ist van Immerseel und seinem Pianisten Bart van Caenegem die Auswahl des Flügels. Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Rhapsody in Blue. In der Sammlung von Chris Maene fanden sie das ideale Instrument, einen Steinway & Sons von 1906, prägten diese Klaviere doch den typisch transparenten Klang amerikanischer Erzeugnisse jener Zeit.
Lange noch könnte man über solche Details plaudern, was die instrumentale Besetzung angeht. Schon jetzt dürfte mancher Dirigent eines Dienst-Orchesters vor Neid erblassen. Aber van Immerseel kümmert sich auch um Grundsätzlicheres. Und so ist man in der Vorbereitungsphase schon bald in einem intensiven Diskurs mit gleich drei amerikanischen Instituten, die eine Neuausgabe von Gershwins Werk vorbereiten. Die Neuausgabe wird zur Grundlage des Konzertprogramms Gershwin’s Greatest Hits. Und nach der Uraufführung in Antwerpen gilt es in Brügge, dem Wohnort van Immerseels und Sitz des Orchesters, das im Concertgebouw residiert, Farbe zu bekennen, ob sich solch ein immenser Aufwand wirklich in musikalischer Qualitätsänderung, womöglich ‑steigerung auszahlt.
Um es vorwegzunehmen: Wenn das, was an diesem Abend im Concertgebouw Brugge zu hören ist, das „Original“ ist, haben wir viel verloren. Und müssen vor Anima Eterna niederknien, um uns zu bedanken. Im nahezu vollbesetzten Saal knistert die Spannung. Vielleicht weil die Filmaufnahmen für eine Übertragung des Senders Mezzo und die Aufnahme der CD angekündigt werden. Vielleicht weil sich das Orchester für europäische Verhältnisse eher ungewöhnlich aufgestellt hat. Catfish Row, die bekannte Suite aus Porgy and Bess, macht den Anfang. Staunen macht sich breit über diesen Klang, den man üblicherweise von den Orchestern, die so etwas für den Mainstream spielen, nicht hört. Plötzlich wird alles klarer, verständlicher. Ungeheuer facettenreich die Instrumentierung. Ungewöhnlich, vielschichtig. Das ändert sich auch bei An American in Paris nicht. Entgegen der Vorankündigung werden die Lieder vorgezogen.

Damit tritt die Sopranistin Claron McFadden auf den Plan. Sie eröffnet den Reigen mit The Man I Love. Und so schön ihre Stimme ist, so klein ist das Volumen. Das ändert sich auch bei I Got Rhythm nicht, so dass sie häufiger im Orchesterklang untergeht, der eigentlich keine übertriebenen Anforderungen an eine Stimme stellt. Ob van Immerseel so etwas erahnte oder es zu den Gepflogenheiten im Concertgebouw gehört, ist nicht bekannt. Aber sämtliche Lieder werden mit flämischen Texten übertitelt. In diesem Fall sicher kein überflüssiger Luxus. Und das ändert sich auch bei My Man’s Gone Now oder By Strauss nicht – gerade da wäre mehr Stimmumfang sicher erfreulich gewesen. Dass Summertime bei MacFadden in den besten Händen ist, das sie als Zugabe singt, versteht sich. Da werden die Piani zum Massageöl, das angewärmt auf dem Rücken verteilt wird. Das Orchester indes verhindert, dass daraus der „übliche“ Schmelz wird.
Für Rhapsody in Blue wird der Bühnenaufbau komplett verändert. Die zahlreichen Podeste werden nach hinten verschoben, im Mittelpunkt steht, wie es sich gehört, der Steinway-Flügel, schon optisch eine Pracht. Daran nimmt Bart van Caenegam Platz – um eine der schönsten, je gehörten Versionen von An Experiment in Modern Music, wie das Stück bei seinen ersten Aufführungen hieß, zu spielen.
Jos van Immerseel hat in seiner Heimatstadt ein Programm vorgestellt, von dem tatsächlich keiner weiß, wie nahe es am Original oder am Gemeinten des Komponisten ist. Was aber das Publikum mit überwältigendem Applaus feiert, ist eine Gershwin-Interpretation, die so frisch und unverbraucht daherkommt, wie man es bis heute bei all den Bigband- oder Sänger-Interpretationen nicht mehr für möglich gehalten hätte. Das Verdienst von Anima Eterna liegt schon heute darin, den Symphonic Jazz von Gershwin wiederbelebt zu haben. Ende August wird das Konzert in der Elbphilharmonie zu hören sein. Bei all den musikalischen Experimenten, die dort zurzeit stattfinden, darf man für Anima Eterna die Daumen drücken, dass der für ein normales Konzertgebäude sorgsam ausgewogene Klang dort auch wirkt. Wichtiger aber ist, dass im September auch das Album erscheinen soll. Und das sollten sich nicht nur Gershwin-Fans sichern.
Michael S. Zerban