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Foto © Patrick Berger/artpress

Kinderoper für Erwachsene

PINOCCHIO
(Philippe Boesmans)

Besuch am
7. September 2017
(Premiere)

 

La Monnaie de Munt, Brüssel

Große Brocken wie Poulencs Dialogues des Carmé­lites oder Wagners Lohengrin müssen noch ein paar Monate warten. Für den Start des frisch renovierten Brüsseler Opern­hauses beließ man es, quasi als Testphase, bei einer Kammeroper aus der Feder des „Hauskom­po­nisten“ Philippe Boesmans, noch dazu als Übernahme einer erprobten Produktion des Festival d’Aix-en-Provence.

Doch abgesehen von logis­ti­schen Kriterien: Die Zeiten, in denen noch Gérard Mortier die Brüsseler Oper zu einem der besten inter­na­tio­nalen Opern­häuser katapul­tierte und, finan­ziell gut gepolstert, munter experi­men­tieren konnte, sind vorbei. Brüssel genießt zwar in der Musikwelt noch immer einen guten Ruf. Doch die massive Beschneidung der Produk­tionen und eine schwer­fällige und künst­le­risch nicht sonderlich sensible Kultus­bü­ro­kratie rücken das Haus enger an die Zustände der meisten anderen Häuser in nah und fern heran. Das wunder­schöne, in das Jahr 1700 zurück­rei­chende, 1985 gründlich moder­ni­sierte Opernhaus gehört auf jeden Fall zu den Sahne­stücken der belgi­schen Kulturlandschaft.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der Zahn der Zeit verlangte nach einer neuen, diesmal besonders behut­samen Renovierung, die vor allem die Bühnen­technik, die Bestuhlung und das Foyer betrifft. Dass sich die Umbau­ar­beiten über zwei Jahre hinzogen, ist etlichen kultur­po­li­ti­schen Querelen zu verdanken. Im Unter­schied zu Köln mit seinem freilich erheblich umfang­rei­cheren Renovie­rungs­bedarf konnte das schmucke La Monnaie jetzt in Anwesenheit der Königs­fa­milie der Öffent­lichkeit nach einer noch überschau­baren Umbau­phase zurück­ge­geben werden. Außen fällt zunächst die gläserne Einfassung des Eingangs­be­reichs auf. Zugang hat man nur noch durch zwei enge Schleusen an den Seiten, in denen den Besucher­strom recht gründ­liche Sicher­heits­kon­trollen erwarten. Im Inneren hat man großen Wert darauf gelegt, das histo­rische Kolorit möglichst authen­tisch zu bewahren. So wurde die Bestuhlung mit identi­schen Kopien der alten Sessel erneuert. Die anstei­gende Schräge des Bühnen­bodens wurde geebnet und dessen Bespiel­barkeit bis an den äußersten Rand des Guckkastens ausge­weitet. Solcher­maßen gerüstet, kann es also mit Pinocchio losgehen.

Mit der Bezeichnung „Kinderoper“, die durch manche Gazette geistert, tut man Pinocchio Unrecht. Librettist und Regisseur Joël Pommerat sieht in Carlo Collodis Geschichte, wie Umberto Eco und andere vor ihm, eine Art Entwick­lungs­roman, in dem das zunächst grob geschnitzte Holzpüppchen durch viele Verwick­lungen, Konflikte, Enttäu­schungen und eigene Fehler zum mündigen Bürger reift. In jeder Episode sollte sich auch der erwachsene Zuschauer erkennen.

Foto © Patrick Berger/​artpress

Die zweistündige, pausenlos ablau­fende und recht drastisch insze­nierte Oper eignet sich ohnehin nur bedingt für das Kinder­theater. Uns begegnet kein putziges Männlein, sondern ein unter Schmerzen „geborenes“ Wesen mit leichen­blassem Gesicht, einem schwarzen Umhang und rauen Manieren: mehr unheim­licher Kobold als charmanter Sympathieträger.

Auch wenn Boesmans das Werk für kleines Orchester und sechs Solisten, die freilich in mehrere Rollen schlüpfen, im Kammer­format konzi­pierte, insze­niert es Joël Pommerat als große Oper. Mit virtuosen Licht- und Video­ef­fekten schafft er ein eindrucks­volles Illusi­ons­theater mit märchen­haften Effekten, die in ihrer Schönheit einen hinter­grün­digen Kontrast zu der teilweise brutalen Handlung setzen. Szenisch, nicht zuletzt dank des Bühnen­bildners Éric Soyer und der Kostüm­bild­nerin Isabelle Deffin, setzt die Brüsseler Oper damit ihre Erfolgs­ge­schichte fort, an der auch Komponist Boesmans seinen Anteil hat.

Boesmans verfügt über einen ausge­prägten Instinkt für theatra­lische Effekte, beherrscht etliche Stile wie ein guter Filmkom­ponist und liefert eine gefällige, gut gearbeitete Partitur voller Überra­schungen, die zwar keine Sensa­tionen enthält, aber den insgesamt unter­halt­samen Abend hochwertig abrundet. Ob Strawinsky, Weill oder John Williams: Für jeden ist etwas dabei.

Mit dem aus Aix-en-Provence übernom­menen erstklas­sigen Solis­ten­sextett kann ebenfalls nichts schief­gehen. Hier glänzen neben der spitz­bü­bisch agilen Chloé Briot in der Titel­rolle vor allem die engels­gleich schwe­relos singende Marie-Eve Munger als gute Fee und der pointiert artiku­lie­rende Erzähler Stéphane Degout, der gleich noch drei andere Rollen mit seinem sonoren Bariton übernimmt. Vincent le Texier, Yann Beuron und Julie Boulianne agieren und singen auf gleichem Niveau, auch wenn ihre Partien nicht ganz so dankbare Aufgabe bereit­halten wie die ihrer Kollegen. Patrick Davin leitet das Brüsseler Opern­or­chester umsichtig und sicher.

Das Publikum zeigt sich angetan von der Produktion im frischen Gewand des tradi­ti­ons­reichen Opernhauses.

Pedro Obiera

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