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CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
16. Februar 2017
(Premiere am 4. Juli 2014)

 

Ungarische Staatsoper Budapest

Die größte Heraus­for­derung an einer Insze­nierung der Oper Carmen ist der Spagat zwischen Klischee­ver­meidung und dem bewussten Spiel mit den Klischees, die diese Oper so einzig­artig macht. Denn Carmen hat bis heute nichts an Aktua­lität verloren. Es geht um Liebe und Eifer­sucht, um Schuld­zu­wei­sungen und Verletz­barkeit, um Stolz und Ehre – Themen, die im emotio­nalen Alltag immer wieder erscheinen. Und nicht zuletzt geht es auch um Emanzi­pation. Nicht unbedingt nur um die weibliche, sondern um das Erlangen von Eigen­stän­digkeit an sich. Und das ist Pál Oberfranks Idee für sein Regie­konzept, das ihm aller­dings nur ansatz­weise gelingt.

Carmen vereint und überhöht gleich­zeitig die Eigen­schaften, die eine Frau besitzen kann. Sie ist leiden­schaftlich bis zur Selbst­aufgabe, dreht sinnlich-erotisch im roten Bereich und erreicht dadurch eine hohe emotionale und gefähr­liche Fallhöhe. Carmens größtes Ziel ist es dabei, ihre persön­liche Freiheit zu erlangen oder zu bewahren, sich unabhängig von Männern zu machen. Die Dreiecks­be­ziehung zu Don José und Escamillo ist daher nur die logische Konse­quenz aus ihrer Persönlichkeitsstruktur.

Oberfrank tappt aber immer wieder in Gefäl­lig­keits­fallen, die gerade bei einer Carmen-Insze­nierung überall lauern. Er bietet wenig Assozia­ti­ons­flächen für das Publikum an, wird mit seiner Aussage zu verbindlich. Die Übertragung in die heutige Zeit reicht nicht aus, um sich der subtilen Charak­ter­sprache des Werks zu nähern. Seine Perso­nen­regie ist von banaler Schlichtheit und lebt mehr von der emotio­nalen Darstellung der Protago­nisten. Hier die leiden­schaft­liche, sehr weibliche Carmen aus einer sozialen Unter­schicht, die nach Freiheit und Anerkennung giert.

Don José einer­seits, der dieser Frau verfällt und für sie sämtliche Werte, die ihm wichtig waren, über Bord wirft. Escamillo anderer­seits, der maskuline Star, der Carmen das Gefühl vermittelt, endlich ihr Ziel erreicht zu haben. Und dazwi­schen Micaèla, als weiblicher Antipode zur Carmen, die aufgrund ihrer Sozia­li­sation ihre eigenen Grenzen nicht zu überwinden mag und deshalb keine wirkliche Rivalin für Carmen ist. Da mögen die jubelnden Cheer­leader als Staffage zwar optisch ein Blickfang sein, doch dem Werk vermitteln sie keine Sinnhaf­tigkeit. Dass die Kinder mit Schei­ben­rei­nigern die gläsernen Schutz­schilder der Soldaten putzen, wirkt eher lächerlich und banal. Diese äußere, zum Teil billige Effekt­ha­scherei zieht sich durch die ganze Aufführung.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das ist nicht nur auf die szenische Umsetzung bezogen, sondern gilt auch ganz konkret für das Bühnenbild von László Székely. Im Mittel­punkt steht ein halbof­fener Rundbau, bestehend aus fünf schräg aufge­stellten Spiegel­wänden, die die gespie­gelten Bilder teilweise verzerrt wieder­geben. Er ist Außen­fassade und Innenraum der Zigaret­ten­fabrik im ersten Akt und des Vorplatzes zur Stier­kampf­arena im vierten Akt, es ist die Taverne des Lillas Pastia im zweiten Akt und Schmugg­ler­lager im dritten Akt. Ein roter Teppich mit schwarzem Stier, gespiegelt nach oben, soll das spanische Flair einer Stier­kampf­arena wider­spiegeln. Das ist für ein Haus wie die Staatsoper Budapest etwas zu simpel, zu billig gedacht. Dazu passen die Kostüme von Márta Pilinyi, die modern erscheinen. Die Soldaten wirken eher wie eine private Söldner­truppe, zeitlos gefährlich und brutal. Die Arbei­te­rinnen in der Zigaret­ten­fabrik tragen unter ihren grauen Kitteln lasziv verfüh­re­rische Kleider oder Dessous mit ungeheurer eroti­scher Ausstrahlung. Hier zieht das Regieteam ganz gezielt die erotische Karte. Carmen am Anfang in schwarzem Spitzen­kleid, später in engem Leder­mi­nirock, am Schluss in eleganter Abendrobe, da werden alle Facetten bedient. Escamillo wirkt wie ein schmie­riger Bandenboss aus der Drogen­szene, begleitet von vier Bodyguards. Lediglich am Schluss darf er ein Torero-ähnliches Gewand tragen.

Foto © Zsófia Pály

Es sind die Sänger­dar­steller, die an diesem Abend aus einer banalen Insze­nierung doch noch ein sinnliches Ereignis machen. Atala Schöck als Carmen brennt vor allem im ersten und zweiten Akt ein musik­ero­ti­sches Feuerwerk ab, ihre Habanera singt sie lasziv mit verfüh­re­risch warmem und sehr tiefem Mezzo­sopran. Ihr leiden­schaft­liches Spiel kühlt aller­dings zum Schluss etwas ab, ihre Carmen wirkt da in Gestus und sänge­ri­scher Darstellung etwas unbeholfen. Genau das Gegenteil erreicht Attila Kiss B. in der Partie des Don José. Er verleiht seiner Partie einen ganz beson­deren Charak­terzug, es ist Leiden­schaft um jeden Preis. Seine Blume­narie ist von betörender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Verän­derung Don Josés vom einfachen verliebten Soldaten zum psycho­ti­schen Stalker setzt Kiss B. nicht nur darstel­le­risch, sondern auch sänge­risch mit größtem Einsatz um und wird am Schluss vom Publikum für seine Leistung umjubelt. Zita Váradi gefällt als Micàela mit lyrischem, klarem Sopran, strah­lender Höhe, aber etwas zu biederem Spiel.

Ihre große Arie im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Károly Szemerédy überzeugt als glatter Escamillo mit Testo­steron getränktem Bariton. Die Neben­rollen sind an diesem Abend alle durchweg ordentlich besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen guten sänge­ri­schen und darstel­le­ri­schen Eindruck hinterlässt.

Der Chor der Staatsoper Budapest, einstu­diert von Kálmán Strausz, ist stimmlich gut präsent und durch inten­sives Spiel in das Gesamt­ge­schehen integriert.

Das Orchester der Budapester Staatsoper unter der Leitung von István Dénes spielt einen durchaus inten­siven und zugkräf­tigen Bizet. Schon das bekannte Vorspiel ist flott und eingängig im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melan­cho­lisch. Die Tempi wechseln, es flirrt und brodelt atmosphä­risch im Graben. Die Orches­tersoli werden prägnant und gerade hinaus gespielt, aller­dings ist dafür die Begleitung der Sänger teilweise zu laut und zu undifferenziert.

Das inter­na­tionale Publikum, nicht immer wirklich sachkundig und oft während der Vorstellung mit dem Sitznachbarn oder dem Smart­phone beschäftigt, hat an diesem Abend kein beson­deres Gespür für die Leistungen im Orches­ter­graben und auf der Bühne. Der Applaus bricht schon los, bevor die letzten Töne verklungen sind. Einhellig werden Chor und Orchester sowie das Ensemble mit einem großem Applaus bedacht, ohne jedwede Diffe­ren­zierung. Am Schluss bleibt ein fader Nachge­schmack. Es ist eine mehr auf Effekt­ha­scherei denn auf subtile Charak­te­ri­sierung ausge­richtete Insze­nierung, die mehr auf inter­na­tionale Busreisen abzielt denn auf Opern­lieb­haber. Dieses billige Gewand hat die Staatsoper Budapest nicht nötig.

Andreas H. Hölscher

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