O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

LA BOHÈME - OPER VON GIACOMO PUCCINI

Che Guevara im falschen Stück

Zugegeben: Puccinis Bohème ist anfällig für rührselige Entglei­sungen. Eine Gefahr, der man aller­dings mit ein wenig Handwerk und Fantasie mühelos aus dem Weg gehen kann. Zu einer denkbar schlechten Lösung hat sich Jens-Daniel Herzog für seine Neuin­sze­nierung des Publi­kums­renners an der Bonner Oper entschieden. Er rückt die Liebes­ge­schichte zwischen dem armen Poeten Rodolfo und der noch ärmeren Stickerin Mimi an den Rand der Handlung und überzieht sie mit einer pseudo-politi­schen Folie, die das Libretto nicht hergibt, dem spezi­fi­schen Kolorit der Musik wider­spricht und das Stück seiner subtil eroti­schen Atmosphäre beraubt.

Das ist gar nicht so einfach, hat sich doch die Bohème im Laufe ihrer Erfolgs­ge­schichte als eine der strapa­zier­fä­higsten Opern des gängigen Reper­toires erwiesen, die etlichen szeni­schen Firlefanz überstehen kann, wenn es wenigstens um die musika­lische Qualität einiger­maßen gut bestellt ist. Herzog, Intendant der Dortmunder Oper, unter­zieht das Werk geradezu einem Elchtest mit proble­ma­ti­schem Ausgang, der selbst diesem unver­wüst­lichen Reißer zu schaffen macht.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Herzog insze­niert das Stück aus der Perspektive des gealterten Rodolfo, der wie ein grauer Greis über die Bühne schleicht. Der wird Zeuge einer nur beiläufig insze­nierten Romanze mit etlichen logischen Brüchen und wenig Atmosphäre, weil den Regisseur die politi­schen Ambitionen der abgeris­senen Künst­lercrew viel mehr inter­es­sieren. Die jungen Leute lässt Herzog zu 1968-er-Protestlern mutieren, die mit Che-Guevara-Plakaten hantieren, die die billige Pommes-Bude des Café Momus im zweiten Akt besetzen, die Kasse plündern und Musetta wie eine Libertà auf dem Dach posieren lassen, bevor sie von der Gendar­merie zusam­men­ge­knüppelt werden. Vor der toten Mimi am Ende flüchten sie alle kopflos, bis auf den erschüt­terten Greis. Völlig unpas­sende, ablen­kende und in die Irre führende Zutaten. Es wäre sinnvoller, den albernen Studen­tenulk im ersten und letzten Akt origi­neller und hinter­grün­diger zu insze­nieren. Letztlich geht es um ein Stück, bei dem der Tod brutal in eine jugend­liche Welt einbricht, die die Zukunft noch vor sich haben sollte.

Foto © Thilo Beu

Somit lässt Herzog alles ungenutzt, was das drama­tur­gisch genial ausge­feilte Libretto an bühnen­wirk­samen Raffi­nessen zu bieten hat. Die schüch­terne Anbahnung der Liebes­be­ziehung, die bei Herzog schnell, spannungslos und banal im Bett landet, wobei Mimi bereits mit der Absicht bei Rodolfo anklopft, ihn verführen zu wollen. Besonders ärgerlich, wie der erschüt­ternde Stimmungs­wechsel im Final-Akt ins Leere geführt wird, wenn in die übermütige Studen­ten­schar die todkranke Mimi einbricht. Das hat Puccini minutiös auskom­po­niert, verfehlt aber jede Wirkung, wenn das vom Tod gezeichnete Mädchen während des ganzen Akts über die Bühne wandelt. Es ist gerade bei Puccini nicht von Nachteil, wenn man dessen Instinkt für optimale Bühnen­wirk­samkeit ein wenig vertraut. Das Ergebnis muss ja nicht in Montmartre-Kitsch entgleiten.

So trist und letztlich banal präsen­tiert sich auch die Ausstattung von Mathis Neidhart. Ein riesiger, aschgrauer Bühnenraum als Dachkammer, die Wurstbude als Café mit erstaunlich hochnä­sigen Kellnern, die Schänke an der Grenze als billiges Strip-Lokal.

Musika­lisch kann die Bonner Produktion die vielen Mängel nur begrenzt ausgleichen. Am besten noch Sumi Hwang als Mimi, die mit ihrer tragfä­higen, leicht geführten Stimme alles mitbringt, was ein diffe­ren­ziertes und sensibles Rollen­por­trait verlangt, aber szenisch nicht einge­fordert wird. Und Giorgios Kanaris kann die aufge­bachte Eifer­sucht des Marcello mit seinem mächtigen, makellos geführten Bariton überzeugend zum Ausdruck bringen. Marie Heeschen als äußerst attraktive Musetta gestaltet ihre Rolle sehr kapriziös und mit stimm­licher Mühelo­sigkeit. Ordentlich der Rest der Besetzung mit Ivan Krutikov als Schaunard und Martin Tzonev als Colline. Den Schwach­punkt bildet ausge­rechnet der Rodolfo von Felipe Rojas Velozo, der mit seinem engen Tenor die Töne eher heraus­presst als formt.

Und Jacques Lacombe am Pult des Beethoven-Orchesters vermag auch keine Impulse zu setzen, die unter die Haut gehen. Brav, zeitweise langweilig, wenn auch untadelig, ist kaum mehr als eine Routi­ne­leistung zu erleben. Viel zu wenig für eine Gefühls­bombe wie die Bohème.

So mischen sich denn etliche Buh-Rufe in den ansonsten begeis­terten Beifall des Premie­ren­pu­blikums im lückenhaft besetzten Parkett. Leider auch denkbar unhöflich unmit­telbar nach dem zarten Schlussakkord.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: