O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Richard Wagners letztes Werk, das Bühnenweihfestspiel Parsifal, stellt für manche eine Art Ersatzreligion dar, bei dem sich am Schluss sogar früher der Beifall verbot. In der Tat: Hier geht es auch um Religiöses, um christliche Traditionen, um den Karfreitag und die Fußwaschung, um christliche Glaubenssätze wie das Leiden des Heilands am Kreuz, um christliche Symbole wie den Kelch des Abendmahls, aber keineswegs um pseudoreligiöse christliche Verkündigung mittels einer Oper, vermittelt durch rauschhafte Musik. Eigentlich wollte Wagner im einen spirituellen Weg zur menschlichen Erkenntnis aufzeigen. Er hatte indische und persische Mythen studiert, sich mit der Philosophie Schopenhauers befasst und legt seine Gedanken dar in Bildern und Handlungen, die weit über religiöse Rituale hinausgehen und sich immer an einer Haltung messen lassen, am Mitleid. Indirekt fordert er so Empathie mit anderen Menschen, mit dem Zustand und Erhalt der Natur.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Dass dieser Zustand beschädigt ist, zeigt Regisseur Jakob Peters-Messer zusammen mit seinem Bühnenbildner Guido Petzold. Alles findet drei Aufzüge lang in einem ruinösen Raum statt – er soll an eine ausrangierte, abgewrackte Tiefgarage erinnern – das Dach weist Lücken auf, Dachplatten liegen herum, die Streben sind teilweise verschoben, die nackten Betonwände sind schief. Hier tagt eine verschworene Gemeinschaft sauberer, steril grau, etwas militärisch gekleideter Männer, die Gralsritter, vom Aussehen her gleich, ohne irgendwie individuelle Unterschiede. Gurnemanz in langem, schwarzem Mantel leitet die Versammlung dieser lustfeindlichen Gesellschaft. Sie bereiten sich vor auf ein feierliches, irgendwie aber freudloses Ritual, die Enthüllung des Grals, von dem sie sich Erlösung erhoffen. Als der Gralskelch endlich gezeigt wird, scheinen alle wie in Trance verfallen, wie von Drogen berauscht; dieses Bild erinnert an eine Sekte. Ihre Anführer, Titurel und Amfortas, sind körperlich wie seelisch beschädigt; der eine, ein blinder, uralter Greis, wirkt senil, der andere, ihr König, leidet an einer immer wieder aufbrechenden Wunde und Schmerzen, die ihm zugefügt wurden, als er sich im Kampf um den Heiligen Speer verwundete. Anlass dazu war sein sexuelles Begehren, was für die dem Zölibat verpflichteten Gralsritter verboten ist. Sein Gegenspieler Klingsor hat sich mit dem Speer selbst kastriert, um sich gegen seine sexuellen Gelüste zu wehren, hat aber nun den Speer in seinem Besitz. In der Inszenierung stellen beide quasi die beiden Seiten derselben Person dar und werden konsequenter Weise auch vom selben Sänger verkörpert; beide sind also Opfer einer widernatürlichen Lebensweise. Da hier nur Vorstellungen und Ideen vorgeführt werden, benötigt man kein konkretes Ambiente; alle drei Aufzüge spielen in demselben kaputten Umfeld. Lediglich farbig wechselndes Licht und Projektionen auf die linke Wand sollen eine andere Stimmung und Situation imaginieren. Öfter sind da riesengroß der Kopf Wagners zu sehen, aber auch abstrakte Muster, Schlieren oder unwirklich scheinende Naturphänomene. Leider ist die Stringenz vieler solcher Bilder nicht immer klar. Dass die Blumenmädchen in Klingsors Garten eine Art willenlos kindischer Geschöpfe sind, zeigt sich an ihren schlicht weißen, irgendwie Unschuld signalisierenden durchsichtigen Gewändern und dass sie auch seltsamer Weise rosa Spielhasen mit sich schleppen. Im dritten Aufzug jedoch scheinen sie sich emanzipiert zu haben; sie sammeln beim Karfreitagszauber totes Laub auf und tragen es weihevoll schreitend wie in einer Demonstration für das Leben weg. Die Veränderung Parsifals ist auch äußerlich zu sehen: Ausstatter Sven Bindseil lässt ihn anfangs als Jungen im hellen Kapuzenpulli auftreten, im zweiten Aufzug kommt er in schwarzen Gewändern daher, und im dritten erscheint er zuerst wie ein Gotteskrieger mit schwarz verhülltem Kopf; als er aber diese Maskierung abnimmt, erinnert er in seiner rötlichen Kleidung an einen, der vielleicht in Indien spirituelle Erleuchtung gesucht hat. Kundry verwandelt sich im Lauf der Inszenierung zu einer Frau, die gerne dient, hat längst den Glitzerfummel weggepackt, den sie tragen musste, um Parsifal zu verführen, stirbt aber nach der Taufe nicht, sondern zieht sich zusammen mit Amfortas und dem neuen Gralskönig Parsifal zurück. Zurück bleiben auf der leeren Bühne die Reste der unheilvollen Herrschaft der Gralsritter, der Sarg mit der Leiche Titurels, der Gralskelch, der Speer sowie Krone und Königsmantel.

Die Inszenierung befreit durch solche eher abstrakten Bilder den Parsifal von jeder „religiösen“, mystischen oder sonstigen weltanschaulichen Deutung, zeigt, dass der Erlöser erlöst wird, dass die Welt keinen Erlöser braucht. Außerdem wird bildlich vorgeführt, wie Gral und Speer, laut Regisseur „die Symbole des Weiblichen und Männlichen“ zusammengeführt werden. Peters-Messer begründet das auch musikalisch durch den Erlöser-Chor am Schluss: Männliche und weibliche Stimmen singen hier zum ersten Mal im ganzen Werk zusammen, bis alles fast ätherisch unwirklich verklingt.
Schon vorher erstaunen Disziplin und Qualität der oft räumlich getrennten Chöre, mal erklingen vom oberen Rang herunter die Frauenstimmen wie Engelsverkündigungen, mal singen unten die Zaubermädchen berückend süß, mal sollen die kräftigen Männerstimmen die Macht der Gralsritter verkünden, alle einstudiert und geleitet von Lorenzo da Rio. Hervorragend spielt das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg auf; Dirigent Roland Kluttig lässt sich beim Vorspiel noch viel Zeit, unterstreicht mit Pausen das feierlich Erhabene, betont auch das Schwärmerische, das Andächtige, und im Fortschreiten des Werks ist Geheimnisvolles, Erregtes, Majestätisches zu hören, immer wieder auch ganz fein Durchsichtiges.
Das unterstützt die Sänger sehr. Michael Bachtadze, ein eher metallisch unterlegter, etwas kehliger, kräftiger Bariton, zeichnet den Amfortas leidend, den Klingsor aber eher herrisch auftretend. Felix Rathgeber gibt mit seinem etwas trockenen Bass einen unangenehm starrköpfigen Greis Titurel, kann sich als 2. Gralsritter aber recht stark profilieren. Äußerst gut verständlich, bestimmend im Auftreten und mit stets bestens disponiertem, großen, angenehm dunklen Bass ist der Gurnemanz von Michael Lion eine der überzeugendsten Figuren der Aufführung. Die Wandlung des Parsifal vom reinen Toren zum selbstbestimmten, selbstbewussten Mann gelingt Roman Payer darstellerisch wie stimmlich durch seinen hellen, elanvollen Tenor bestens. Die Kundry der Tünde Szaboky ist eine Schlüsselfigur des Bühnengeschehens: Anfangs eher kantig, widerspenstig, wird sie unter Klingsor zum verführerischen Weib, dann aber, als ihre sexuelle Macht versagt, zu einer Art Ersatzmutter für Parsifal und schließlich zur demütigen Büßerin, und ihr kraftvoll energischer, dramatisch bestimmter, nie harter Mezzosopran unterstreicht auch musikalisch diese Wandlung. Auch die weiteren Rollen von Knappen, Gralsritter und Zaubermädchen sind durchwegs gut besetzt und tragen so zu einem tief befriedigenden musikalischen Erlebnis bei.
Das Premierenpublikum im fast ausverkauften Haus feiert demgemäß mit rhythmischem Klatschen und Bravorufen lange die Musiker und Sänger; als aber das Regieteam zum Applaus antritt, erschallen auch heftige Buh-Rufe.
Renate Freyeisen