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Leidenschaftliche Kunst

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
3. Oktober 2017
(Premiere am 30. September 2017)

 

Landes­theater Coburg

Nach dem Erfolg seiner Bohème äußert sich Giacomo Puccini über seine so ganz anders geartete, 1900 in Rom nur mit mäßigem Erfolg aufge­führte Tosca: „Die Stimmung in der Tosca ist nicht roman­tisch und lyrisch, sondern leiden­schaftlich, qualvoll, düster. Mit La Bohème wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollen wir das Gerech­tig­keits­gefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapa­zieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“ Die erste Oper des Kompo­nisten im Stil des Verismo gibt in extrem realis­ti­scher Weise die Wirklichkeit im Italien um 1800 wieder; leiden­schaftlich agierende Protago­nisten stehen im Mittel­punkt, die Tonsprache ist empha­tisch, zielt ab auf kontras­tie­rende, plakative Effekte; realis­tische Geräusche wie Schüsse, Schreie, Glocken­geläut oder das in äußerster Erregung gespro­chene Wort mischen sich unter die Musik, die aber auch in weiten Melodie-Bögen schwelgt und sehr geschickt orches­triert ist.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Damit aber die beabsich­tigte Wirkung der Oper nicht in platte Banalität abgleitet, bedient sich Regisseur Hans Walter Richter einer gewissen Distan­zierung. Denn gleich zu Anfang seiner Insze­nierung am Landes­theater Coburg weiß der Zuschauer: Die Sache geht schlimm aus. Blutbe­fleckt ist das weiße Kleid der Tosca, und über der schrägen Bühnen­fläche schreit sie ein entsetztes „Nein! Nein!“. Dann erst beginnt die Musik der Oper. Diese Floria Tosca ist ja eine Opern­sän­gerin, und sie durchlebt die grausame Katastrophe quasi doppelt, auf dem Theater in den Szenen und real in ihrem Inneren. Wohl deshalb wird auch immer per etwas unscharfem Video-Hinter­grund von Anna Dischkow ein Blick ins Theater und in den Zuschau­erraum geworfen, ab und zu wird auch der rote Vorhang zugezogen. Das nimmt der Handlung nichts an Dramatik. Die Basis des Geschehens bleibt immer die schräge, sich drehende runde Bühnen­fläche mit dem darauf gemalten Kopf der Maria Magdalena mit ihrem süßlich himmel­wärts gerich­teten Blick. Anfangs im ersten Akt markieren Säulen­bögen und Kerzen die Kirche Sant’ Andrea della Valle mit einer Marien­ka­pelle im Vorder­grund; unter dem schiefen Rund ist das Versteck für den flüch­tigen Angelotti. Während die Schau­plätze durch Bernhard Niechotz nur angedeutet sind, kommen die Figuren der Oper in realis­ti­scher Ausstattung um 1800 daher. Tosca trägt über ihrem weißen, besudelten Kleid den Mantel mal mit der roten, mal mit der blauen Seite nach außen, entspre­chend der Marien-Ikono­graphie, und das gesamte Kirchen­per­sonal, also der Mesner, die Bischöfe, Nonnen, Mönche, Minis­tranten, die Soldaten und die Schweizer Garde erscheinen zum feier­lichen Tedeum in den passenden Gewändern. Auch Scarpia ist im Palazzo Farnese im zweiten Akt entspre­chend seiner Würde als Vertreter der konser­va­tiven Monarchie dunkel, schwarz, streng gekleidet; nur sein graues, langes Haar erinnert ein wenig an einen Hexen­meister, und die karge Ausstattung des kahlen Raums mit Tisch, klobigen Stühlen und einem Hausaltar lässt frösteln. Im dritten Akt werden zu den Glocken in der Musik diese auch real gezeigt, ebenso im Video der allmählich verblas­sende Himmel zur Morgen­däm­merung. Aus der Bühnen­fläche, auf der zuerst ein weiß geklei­deter Hirte wie ein Todes­engel weiße Rosen verstreut, steigen dann wie aus der Unterwelt die Schergen der Macht empor, später die Soldaten. Das böse Ende ist also vorge­zeichnet. Dass Floria Tosca sich nicht „echt“, wie im Libretto von Giacossa und Illica vorge­sehen, von der Engelsburg hinab in den Tod stürzt, als sie die Täuschung entdeckt und Cavara­dossi entgegen der Zusagen des dämoni­schen Scarpia erschossen wird, sondern, einge­kreist unter einem schwarzen Ring, stirbt, macht deutlich: Der freiheitlich fühlende Mensch hat gegenüber den repres­siven politi­schen Umständen keine Chance. Aber auch die allzu leiden­schaft­lichen Reaktionen der Tosca führen zum Untergang; selbst die Religion spielt hier eine unrühm­liche Rolle, denn sie lässt sich von der Macht instru­men­ta­li­sieren. Dass Tosca ausge­rechnet in der Kirche Mario Cavara­dossi beim Malen eines Andachts­bildes kennen­lernt, ist kein Zufall. Denn Tosca glaubt an eine höhere Macht, und das Vissi d’arte gerät ihr unver­sehens zum Gebet, zu einem Bekenntnis für die Kunst und für das Leben. Nach dem Tod des geliebten Künstlers Mario aber ist dieses Leben sinnlos geworden. Die Konzen­tration auf die inneren Beweg­gründe aber steigert in der Insze­nierung die drama­tische Spannung. Auch eine geschickte Perso­nen­führung, bei der ständig alles in Bewegung ist, und die hervor­ra­gende Besetzung der Rollen tragen dazu bei.

Foto © Sebastian Buff

Roland Kluttig leitet das Philhar­mo­nische Orchester Landes­theater Coburg sehr umsichtig, betont poetische Details, Illus­tra­tives und Lyrisches, eilt nirgends, trägt nie zu dick auf. So erhält die Oper eine fesselnde musika­lische Basis. Auch die Chöre und der Kinderchor präsen­tieren sich bestens; lediglich der Fernchor vom oberen Foyer herunter klingt fast etwas zu laut. Alles aber lebt von der überra­genden Gestalt der Tosca. Celeste Siciliano gibt sie äußerst überzeugend in leiden­schaft­licher Unruhe, getrieben zwischen sich wider­stre­benden Gefühlen von Liebe, Eifer­sucht, Abscheu und Verzweiflung. Dazu kommt ihr hochdra­ma­ti­scher, nie überan­strengt oder forciert wirkender, großer Sopran, den sie eindringlich einsetzen kann in weiten Linien, auch in sanfteren Farben sowie natürlich in strah­lenden Höhen. So gelingt ihr das berühmte Vissi d’arte als inten­sives, ausdrucks­starkes, inniges Gebet an die Schönheit des Lebens, verwirk­licht in der Kunst. Ihr Geliebter, der Maler Mario Cavara­dossi, wird sehr glaubhaft verkörpert durch Milen Boshkow; sein elanvoller, hell timbrierter Tenor lässt zwar manchmal etwas Anspannung hören, doch die sehnsüchtig innige Huldigung an Tosca in E lucevan le stelle gelingt ihm als sehnsüchtig lyrisches Juwel mit feinen Steige­rungen. Dem Bösewicht Scarpia von Michael Lion fehlen trotz seines sicheren, nicht zu dunklen Baritons nie die unheimlich diabo­li­schen Züge. Ihm gönnt man, dass ihm Tosca das Messer in die Brust rammt; seine Aufbahrung mit Kerzen und Kreuz auf der Brust erscheint da fast wie ein Hohn. Sein Adlatus Spoletta, Dirk Mestmacher, ergänzt ihn vorzüglich mit seinem etwas engen, scharfen Tenor. Dagegen ist der flüchtige Angelotti, der sich in der Kapelle versteckt, ein bedau­erns­wertes politi­sches Opfer; Beniamin Pop verleiht ihm mit profundem Bass viel Profil. Die eher heitere Seite der Oper vertritt der Mesner; mit seinem fülligen Bariton kann er auch Witziges akzen­tu­ieren. Als düstere Handlanger Scarpias fungieren auch Sciarrone, Marcello Meija-Meija, und der Schließer, Christian Huber. Die unschuldig helle Stimme von Katharina Trapp passt bestens zum Hirten als Sendboten des Himmels.

Nach dem erschüt­ternden Ende entladen sich die aufge­löste Spannung und die Begeis­terung des Publikums über das Gehörte im nicht einmal halbvollen Haus bei der zweiten Vorstellung in lauten Bravo­rufen, rhyth­mi­schem Klatschen und Trampeln sowie stehenden Ovationen. Für die weiteren Vorstel­lungen ist unbedingt ein besserer Besuch zu wünschen.

Renate Freyeisen

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