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Es ist vielleicht kein Zufall, dass das Turandot-Fragment nach dem Tod der Sklavin Liù endet. Der Tod hatte Puccini die Feder aus der Hand genommen. Der Komponist hatte sich mit dem letzten Akt seiner letzten Oper schwer getan. Fünfmal ließ er das Libretto zum dritten Akt verändern. Er wollte das Werk mit einem Happyend beschließen, mit einer Szene, „in der die Liebe explodiert“, wie in der Korrespondenz mit seinem Librettisten nachzulesen ist. Der Dirigent Arturo Toscanini hatte im Oktober 1924 einen von Puccini improvisierten Schluss am Klavier gehört und schlug nach dem Tode des Komponisten Franco Alfano als Vollender der Partitur vor. Alfano, seinerseits ein erfolgreicher und geachteter Opernkomponist, schrieb die Musik zu dem ausstehenden Happyend auf der Grundlage der vorhandenen Skizzen im Sinne Puccinis. Bei der Uraufführung an der Mailänder Scala am 25. April 1926 verzichtete Toscanini allerdings auf dieses Finale und legte den Taktstock nach dem Tod der Liù nieder mit den Worten „Hier endet das Werk des Meisters“.
Viele haben sich in der Folge schwer getan mit dem Schluss der Oper, mit der Musik wie mit dem Szenario. Einige Alternativen von Alfano-Kürzung bis Neukomposition durch Luciano Berio wurden ausprobiert. Jede Neuinszenierung des Fragments steht nun vor der Frage, wie es mit dem Schluss der Oper zu halten sei.
Es fehlt nicht nur die originale Musik, auch dramaturgisch sind Ungereimtheiten unübersehbar. Das größte Problem: Über zwei Akte hindurch breitet Puccini das gewalttätige Herrschaftssystem der Turandot vor dem Zuschauer aus. Am Ende dann sollen Menschlichkeit und Liebe siegen. Inszenatorisch ist das kaum glaubhaft zu realisieren, selbst wenn man im Libretto, wenn man es genau liest, einige Anhaltspunkte für den plötzlichen Wandel der eisumgürteten Prinzessin ausmachen kann.
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Martin Schüler, erfolgreicher Intendant am Staatstheater Cottbus und Regisseur der Neuproduktion – es ist seine 76. Inszenierung am Haus – kam auf die Idee, nicht nur, aber vor allem den Schluss der Oper als „Spiegelung europäischer Ängste und Projektionen“ zu inszenieren: Sein Konzept nimmt Stellung zur historischen Realität der Entstehungszeit, die gekennzeichnet ist durch das Ende des Ersten Weltkriegs, durch den Aufstieg Mussolinis und durch die Konstituierung des Fascismo in Italien, aber auch durch den Zerfall des chinesischen Kaiserreichs. Wenn man weiß, dass Puccinis Textautor Renato Simoni ein Parteigänger des Duce-Freundes Gabriele D´Annunzios war, lesen sich tatsächlich einige Vokabeln des Librettos in neuem Geiste. Den greift Schüler auf. Er zeigt in seiner Inszenierung, wie in die traditionelle chinesische Welt mit ihren Ritualen die Moderne einbricht. Schüler lässt den 27. Heiratskandidaten, der als erster die drei Rätsel Turandots löst, schon ab dem zweiten Akt vom asiatischen Prinzen zum Mussolini-Double mutieren. Zopf und Bart werden ihm abgeschnitten, das traditionelle asiatische Kostüm wird gegen einen hellen Anzug ausgetauscht. Auch die drei Minister tauschen immer wieder traditionelle gegen moderne Kostüme. China wird als ein Spiel steifer Riten, ständiger Maskierungen und Demaskierungen dargestellt, weshalb es durchaus Sinn macht, dass die – nicht vollendet geschneiderten – Kostüme von Nicole Lorenz wie aus dem Chinaladen daherkommen und die Bühne von Walt Schütze Elemente üblichen China-Restaurant-Dekors zitathaft aufgreift.
Schüler erzählt die grausame Geschichte eines staatlichen wie persönlichen Identitätsverlustes als Abrutschen ins Klischee und als Untergang. Calaf-Mussolini erobert Turandot und lässt sie fallen, um die Macht in Peking zu übernehmen. Er hält von der allgegenwärtigen Tribüne aus pantomimisch gestenreiche Reden ans manipulierte Volk. Dem Henker befiehlt er den Tod der Turandot. Doch der braucht seine Arbeit gar nicht mehr zu verrichten. Turandot, die von Calaf aus rein karrierestrategischen Gründen erobert wurde, die für ihn ihr Image der Unnahbarkeit aufgegeben hat und von der femme fatale zur Liebenden wurde, bricht angesichts dieser Erkenntnis zusammen. Sie ist zerstört. Beim Schlusschor schreitet das Volk über Turandot hinweg. Das Schicksal ihrer Ahnin hat auch Turandot ereilt. Ein neues Herrschaftssystem ist installiert. Kein Happy End.

Schüler inszeniert sein Konzept folgerichtig auf schmalem Grat zwischen Klischee und großem Theater, Tradition und Moderne, Banalität und Überwältigung. Auf der Bühne vermischen sich denn auch chinesische Drachen und moderne Kanzleistubenatmosphäre in den Ministerszenen, altchinesische Lampion-Romantik und faschistische Propaganda-Nüchternheit. Zusammengehalten werden diese Kontraste durch eine sinnige moderne Tribüne, die auf der Drehbühne als Scharnier der Kontraste fungiert. Poetische Lichtstimmungen vollenden den faulen Zauber der Inszenierung, die für sich einnimmt, trotz ästhetischer Einwände und scherenschnittartiger Personenführung. Sie entspricht allerdings den Klischees, von denen Schülers Konzept redet.
Das wahre und ungetrübte Glück dieser Neuproduktion kommt aus dem Orchestergraben. GMD Evan Christ und dem brillanten Philharmonischen Orchester des Staatstheaters gelingt es, den nicht eben leicht zu bewältigenden Spagat zwischen belkantischer Spätromantik und schroffer Moderne, exotischen Anklängen und Verismo-Rückgriffen als aggressiv-archaisierende wie einlullende Überrumpelungs-Musik vorzuführen. Eindrucksvoll, wie es Christ gelingt, den Zwiespalt, die Brüchigkeit, ja Widersprüchlichkeit dieser Weltabschiedsmusik Puccinis hörbar zu machen. In einigen Momenten meint man, in ihr die Widersprüche ihrer Entstehungszeit, des Fascismo zu hören.
Aber auch die Besetzung ist ein Glücksfall. Sopranistin Soojin Moon ist physiognomisch wie stimmlich eine imposante Turandot, die mühelos über die geforderten Trompetentöne der Partie verfügt, aber auch über unerwartete veristische Leidenschaft. Durchschlagend im Metall des Stimmklangs, in sicherer Höhe wie in Attacke der Tonbildung ist auch der junge Tenor Martin Shalita. Debra Stanley singt eine bezaubernd zarte Liù. Mit Spiel und Stimme überzeugen auch Heiko Walter als Ping, Hardy Brachmann als Pang und Dirk Kleinke als Pong. Geradezu anrührend ist das dienstälteste Faktotum des Theaters, der ehemalige Spieltenor Max Ruda, der im goldenen Drachenthron vom Bühnenhimmel herabschwebt wie ein Deus ex machina und mit brüchiger Stimme das kommende Menetekel prophezeit. Zum stürmisch gefeierten Publikumserfolg der Aufführung trägt nicht unwesentlich der von Christian Möbius sorgfältig einstudierte, kräftig aufgestockte Opernchor des Hauses bei.
Dieter David Scholz