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CAVALLERIA RUSTICANA/A SANTA LUCIA
(Pietro Mascagni, Pierantonio Tasca)
Besuch am
22. April 2017
(Premiere)
Zu Pietro Mascagnis Cavalleria Rusticana gehört Ruggero Leoncavallos I Pagliacci. So jedenfalls wird es meistens an den Opernbühnen praktiziert. Aber es geht auch anders. Eine dramaturgisch besonders reizvolle Kombination ist derzeit in Dessau zu besichtigen. Nach Mascagnis sizilianischer Bauerntragödie wird Pierantonio Tascas neapolitanisches Volksdrama A Santa Lucia gezeigt – eine Entdeckung und Herzensangelegenheit des Operndirektors und Chefdramaturgen Felix Losert, der das Werk schon 2002 in Auszügen konzertant in Erfurt vorgestellt hatte.
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Pierantonio Tasca wurde 1858 im sizilianischen Noto geboren und starb 1934 ebendort. Von seinen Opern hatte nur A Santa Lucia Erfolg. Zu verdanken war das nicht unwesentlich Gemma Bellincioni, eine der prägenden Verismo-Diven. Sie hatte schon in der Uraufführung der Cavalleria mitgewirkt und suchte nach neuen Rollen. Die Partie der Rosella war maßgeschneidert für ihre expressive Darstellungskunst – eine mittellose Frau, die heimlich mit dem Sohn eines Austernhändlers liiert ist, ein Kind mit ihm hat und Selbstmord begeht, nachdem sie von einer Rivalin ihrem Geliebten gegenüber der Untreue bezichtigt wird. Die Premiere von A Santa Lucia fand 1892 auf Bestreben der Bellincioni an der Berliner Krolloper statt, an die sich europaweite Gastspiele anschlossen. Aufgrund des Erfolges erhielt Tasca vier Jahre später eine Anstellung am neu gegründeten Theater des Westens, doch konnte er nicht nachhaltig Fuß fassen. Keine seiner weiteren Werke behaupteten sich und auch A Santa Lucia geriet nach dem Rückzug der Bellincioni in Vergessenheit.

Umso verdienstvoller ist das Bemühen des Dessauer Hauses, Tascas Oper mit Mascagnis Repertoireknüller zu koppeln. Die Parallelen sind evident. Beide gehören stilistisch zum Verismo, beide verbinden prägnante Alltags- und Milieuschilderungen mit einem tragischen Frauenschicksal und beide lassen trotz ihrer Kürze einen ganzen musikalischen Kosmos entstehen, der vom großen Choraufzug, einem breit ausgepinselten Orchesterfundament mit jeweils einem Intermezzo und glutvollen Soli und Duetten eine beachtliche Formenvielfalt aufweist. Doch während Cavalleria rusticana wuchtig und emotionsgeladen auftrumpft, klingt A Santa Lucia feingliedriger, weniger kantig und bietet dazu mit Mandolinenmusik, Tarantella und Fischergesängen einiges an neapolitanischem Lokalkolorit.
Pittoreskes Volkstreiben sucht man in Holger Potockis Inszenierung vergebens. Der Regisseur will mehr und verknüpft beide Werke zu einer gedankenschweren Einheit: die schwangere Santuzza wird von Alpträumen geplagt, in denen sich Realität und Illusion vermischen. Die von der Gesellschaft Ausgestoßene fantasiert sich in die vermeintlich heile Welt der Rosella. Verbindendes Element ist ein Bett im Vordergrund, in dem nicht nur Santuzza, sondern auch mal Rosella und Maria, ihre Nebenbuhlerin, liegen. Potocki jongliert mit wechselnden Identitäten, zeigt Liebes- und Todessymbole und verwebt die beiden Geschichten mit zahlreichen Querverbindungen und Verweisen, die in ihrer Vielschichtigkeit das Verständnis erschweren. Am Ende von A Santa Lucia schließt sich der Kreis: man hört eine männliche Stimme „Santuzza“ schreien. Passend zu diesem Ansatz hat Lena Brexendorff in der Cavalleria strenge Häuserfassaden entworfen, die Kostüme Katja Schröpfers sind entsprechend schwarz gehalten. Beim Szenenwechsel verschwindet die Kulisse. Zu sehen ist nun ein Himmel voller Wölkchen und ein rosenumrankter Zaun, hinter dem sich die pastellfarben gekleidete Volksmenge vergnügt – eine trügerische Idylle.
Dessau kann alle Rollen aus dem Ensemble besetzen. Vor allem Iordanka Derilova beeindruckt als stimmlich überlegene, ausdrucksstarke Tragödin. Neben ihr behauptet sich Rita Kapfhammer in der Doppelfunktion als Mutter Lucia im Rollstuhl und dominante Rivalin. Ray M. Wade, Jr. singt die Liebhaber-Figuren blendend, belässt es aber szenisch beim ungelenken Herumstehen. Ulf Paulsen ist ein eher grobschlächtiger Alfio, überzeugt dafür als neapolitanischer Austernhändler mit differenzierterem Gesang.
Der Dirigent Wolfgang Kluge hält die Musik schön im Fluss, kann aber wacklige Choreinsätze und Unsauberkeiten im Orchester nicht verhindern.
Starker und anhaltender Applaus für eine bemerkenswerte Opernentdeckung nach einer nur mäßig besuchten Nachmittagsaufführung.
Karin Coper