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ELEGIE FÜR JUNGE LIEBENDE
(Hans Werner Henze)
Besuch am
5. Mai 2017
(Premiere)
Im Lippischen ist man nicht post bis in extenso, also postmodern, postdramatisch, postseriell et cetera post post, vielmehr lässt man die Nachkriegsmoderne zu ihrem Recht kommen. Und die klingt im Fall des im nicht weit entfernten Gütersloh geborenen Henze noch immer höchst gegenwärtig. Das Detmolder Haus setzt mit seiner jüngsten Produktion szenisch und musikalisch Maßstäbe.
Zwar belässt Kay Metzger dem Großdichter Gregor Mittenhofer Selbstsucht, Anmaßung und Rücksichtslosigkeit. Doch zeigt der Detmolder Hausherr nicht weniger deutlich, wie des Erzpoeten Umfeld nach dessen Huld giert. Mittenhofer ist Projektionsfläche der Sehnsüchte seiner Paladine und Maitressen, selbst dann noch, wenn sie andere Liebesbeziehungen eingehen. Der Dichterfürst segnet die neuen Verhältnisse jovial ab, wenn für ihn künstlerischer Mehrwert herausspringt. Lammfromm und unbedarft machen sich daher die jungen Liebenden ins wetterwendische Hochgebirge auf, um dort das von Mittenhofer als Lösegeld für die Freigabe der Gespielin begehrte Edelweiß zu brechen. Metzger schickt das arglose Paar willig auf die hochalpine Schlachtbank. Einzig der zunächst von Gesichten heimgesuchten Hilda Mack gelingt die Emanzipation aus dem Dunstkreis des Genius. Nachdem die Leiche ihres vor Jahrzehnten beim Bergsteigen verunglückten Gemahls aufgefunden wurde, zeigt sie sich von der Spökenkiekerei spontan geheilt. Für den sich an ihren Visionen bedienenden Poeten ist die Witwe deshalb nicht weiter von Belang. Sie darf ungehindert abreisen. Der Zug ist pünktlich wie des Regisseurs Sinn für Zeitabläufe. Passgenau wägt Metzger die burlesken und sarkastischen Momente der Handlung gegen die ernsthaften ab. Stilistisch disparate Elemente greifen bei ihm als Zahnräder eines Uhrwerks ineinander. Das reicht von der nur scheinbar unwillkürlichen Geste, wenn der Dichtertitan sich beim Frühstück grazil die Finger am weißen Tischtuch abwischt bis zum final stummen Vortrag der Elegie nach einführenden Worten, die auf die Verhältnisse eines einst selbstständigen Kleinstaates wie Lippe zugeschnitten scheinen, so aber wortwörtlich im Libretto stehen. Das Publikum lächelt wissend und mit zur Selbstironie begabtem Patriotismus. Das kann nur bei sorgfältigster Behandlung auch des Sprechtextes gelingen. Metzger hat die Sängerdarsteller zu natürlicher Diktion verpflichtet, was besonders in den Dialogen mit dem Bergführer Josef Mauer, der reinen Sprechrolle des Stücks, angenehm auffällt.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
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Für Bühne und Kostüme zeichnet Michael Heinrich verantwortlich. Das Bild verschachtelt Hotel und Hochgebirgswelt. In die zum Gipfel des mordsgefährlichen, aber edelweißtragenden Hammerhorns fluchtende Alpensilhouette sind die Türen zu Zimmern und Hotelfoyer eingebaut. Entsprechend der vom Libretto vorgegebenen Zeit um 1910, in der die Oper in Detmold belassen wird, ist genau jener Jugendstil angesagt, der mit dem des Zuschauerraums des Landestheaters korrespondiert. Auch die teilweise um älplerische Trachtenelemente ergänzten Kostüme entsprechen dem Geschmack kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Kunsttitan Mittenhofer wird mit zurückgekämmtem, langem Silberschopf, atlasbesetzter samtener Hausjacke und Knickerbockern zu einer Chimäre aus Liszt, Wagner und Gerhart Hauptmann.
Lutz Rademacher am Pult des Symphonischen Landestheater-Orchesters sorgt für klare Strukturen, um zugleich Henzes reiche Klangpalette voll zu entfalten. Keines der Instrumente, die solistisch einer jeden Figur zugeteilt sind, verselbstständigt sich. Das Zusammenspiel ist perfekt. Das symphonische Intermezzo im Schlussakt gerät zum monumental kräftigen, aber deutlich konturierten Tongemälde. Den Sängern ist Rademacher ein umsichtiger Begleiter, der es ihnen ermöglicht, den von Henze intendierten Zwölfton-Belcanto zu realisieren.

Dieser erstreckt sich wie selbstverständlich bis in die vollendet aufeinander abgestimmten großen Ensembles hinein. Andreas Jören kreiert den Erzpoeten Mittenhofer über weite Strecken als unbewegten Beweger, dessen charismatische Schwerkraft die Trabanten magisch anzieht. Sich allzu stimmpotent aufzuführen, würde diesem Rollenbild widersprechen. Jören lässt aber seine Fähigkeit zu vokal autoritativer Kundgabe in jedem Augenblick fühlen und in einigen Schlüsselmomenten trumpft er in der Tat mächtig auf. Katharina von Bülow gibt eine devote Gräfin Kirchstetten. Ihre Mitschuld am Tod des Liebespaares realisierend, bricht sie effektvoll in die heftigste szenisch-musikalisch Verzweiflung aus. Michael Zehe stellt einen allzeit loyalen stimmlich gediegenen Dr. Reischmann dar. Stephen Chambers als sein Sohn Toni verfügt über beträchtlichen tenoralen Schmelz. Eva Bernard gestaltet dessen Braut Elisabeth Zimmer rollendeckend. Der Schauspieler Josef Mauer als Robert Oschmann fügt sich nahtlos ins Ensemble. Holger Tessmann als Sprecher aus dem off amüsiert das Publikum durch lakonische Anmerkungen. Kirsten Labonte ist die in Gesichte abdriftende Witwe Hilda Mack. Labonte jagt ihren Sopran durch eine Partie, in der Henze vokale Moden der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufs Korn nimmt, um sie bis ins Absurde hinein zu treiben. Die Koloraturen sowie zahllosen Septimen- und Nonenintervalle meistert Labonte beinahe als vokalen Spaziergang, zudem mit ausgesprochenem Sinn für das Bizarre und Skurrile ihrer Rolle.
Der Beifall ist überaus herzlich. Die Produktion hat alle Chancen, die Musikdramatik der Nachkriegszeit durch Gastspiele in die Fläche zu tragen.
Michael Kaminski