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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)
Besuch am
8. September 2017
(Premiere)
Nach den nicht nur ein kleines Haus wie das Detmolder Landestheater bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten strapazierenden Wagnerschen Riesenwerken vom Ring auf Rädern, der die Tetralogie in die west- und nordwestdeutsche Fläche trug, über Parsifal, Tristan und die Meistersinger eröffnet Hausherr Kay Metzger seine letzte Spielzeit am Landestheater mit dem frühesten der kanonischen Werke des Musikdramatikers. Der Fliegende Holländer fordert selbst Häuser, die sonst selten Wagner riskieren, in noch erträglichem Maß. Die in den Rängen nicht ausverkaufte Premiere am Detmolder Landestheater weckt gemischte Empfindungen.
Metzgers Regiekonzept bedient sich des aus Woody Allens cineastischem Meisterwerk The Purple Rose of Cairo bekannten Kunstgriffs. Die Titelfigur scheint geradewegs von der Leinwand zu einer fantasiebegabten, doch äußerlich grauen Maus namens Senta herabgestiegen, deren Lebensersatz das Kino ist. Nicht anders schwingt sich Daland, der zunächst wie ein braver Binnenschiffer daherkommt, in seiner Einbildung zum Hochseekapitän auf. So weit, so gut und nachvollziehbar. Vielleicht auch noch, dass sich der Barkeeper der zum Kino gehörigen Gastronomie in den Steuermann hinein fantasiert. Erik aber führt im cineastisch angehauchten Zwischenreich von Imagination und Realität kein glaubhaftes Leben.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Die Chöre erst recht nicht. Die Frauen werden zu Kellnerinnen, die Seeleute zu permanent Trinkgläser abwischenden Berufskollegen. Konsequent, aber sinnfrei wächst sich die Konfrontation von lebendigen und untoten Matrosen zum zwangsgestörten Gläserputzwettbewerb aus. Trotz solchen Unfugs gelingen Metzger immer wieder berückende Szenen. Wenn Holländer und Senta im vermeintlichen Liebesduett des zweiten Akts versonnen miteinander tanzen, steigt für einige wenige Takte eine Ahnung davon auf, wie viel mehr sie einander sein könnten als bloßes Mittel zum Zweck wechselseitiger Erlösung. Wird final die zum Opfertod Bereite ausgeblendet, während sie sich die Pistole gegen die Schläfe presst und nimmt an ihrer Stelle zum nachkomponierten Erlösungsschluss eine ergraute Cineastin als ihre Doppelgängerin an einem der Tische Platz, so stellt sich unweigerlich tiefes Mitgefühl ein.
Für die auf der rechten Bühnenseite von einem elegant geschwungenen Bartresen dominierte Kinogastronomie mischt Petra Mollérus Art déco mit zeitgenössischen Lounge-Elementen in unentschiedenen Brauntönen. Im Hintergrund führt eine Treppe in den Kinosaal, über deren Absatz der Holländer auf einem Plakat den aktuell dort gezeigten Film über den Schrecken aller Zonen bewirbt.
Auch die Kostüme verantwortet Mollérus. Die Titelfigur im langen Ledermantel, Seemannspullover und mit enormer Reisetasche bedient sämtliche Rollenklischees. Dalands Äußerem nach scheint der in Detmold zum Binnenschiffer abgesunkene maritime Großkaufmann bereits etliche Leerfahrten hinter sich zu haben. Senta im biederen Twinset arbeitet offenbar als Schreibkraft im Großraumbüro um die Ecke. Der Chor steckt in Unisex-Kellner-Dienstkleidung.

Einstudiert von Marbod Kaiser, gerieren sich Chor und Extrachor des Landestheaters als vokale Schlagetots, deren undifferenziertes Fortissimo gegen die Wände des Auditoriums knallt.
Das Symphonische Orchester des Landestheaters unter Lutz Rademacher nimmt die Ouvertüre zwar ein wenig vorsichtig, aber mit samtenem Streicherklang. Später verlieren sich dynamische Abstufungen und der Sinn für die Architektur der Komposition. Immerhin sind satte Klänge in den tiefen Streichern und einige schöne Passagen der Holzbläser zu vernehmen.
Derrick Ballard als erfahrener und versierter Holländer weiß intelligent zu phrasieren und Spannungsbögen zu gestalten. Oft ist Ballards Sprachbehandlung vorbildlich. Susanne Serflings Senta fokussiert sich auf die exponierten Töne, die im Lauf des Abends an Leuchtkraft gewinnen. Der Daland von Christoph Stephinger wechselt klug zwischen seriöser und Buffo-Attitüde. Ewandro Stenzowskis Erik setzt sich durchschlagkräftig in Szene, seine Phrasierung kann noch gewinnen. Stephen Chambers Steuermann tönt viril über das Liedhafte seiner Partie hinweg. Lotte Kortenhaus lässt als Mary mit unangestrengter stimmlicher Dramatik aufhorchen.
Der frenetische Beifall, in den alle Beteiligten eingeschlossen werden, nimmt sich im Verhältnis zu den eher soliden Leistungen des Abends befremdlich aus.
Michael Kaminski