O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Oper Dortmund, 24. September 2017, Premiere von Arabella. Um 18:02 Uhr tritt Intendant Jens-Daniel Herzog vor den Vorhang. Anders als üblich bei einem solchen Theater-Ritual, wo das Publikum einer wie auch immer bedingten Personaländerung ahnungsvoll entgegen seufzt, kokettiert er augenzwinkernd mit der Konkurrenzveranstaltung Bundestagswahl. „Damit Sie sich ganz auf Arabella konzentrieren können, gebe ich Ihnen die erste Hochrechnung bekannt.“
Nachdem sich kurze emotionale Erregungswellen im Parkett schnell wieder beruhigt haben, überlässt Gabriel Feltz am Pult der Dortmunder Philharmoniker allein Richard Strauss mit einem pointierten Auftakt den Raum. Ohne Ouvertüre setzt die lyrische Komödie Arabella nach einem Libretto von Hugo von Hofmannsthal fulminant ein. Feltz‘ Dirigat sprüht vor konzentrierter Energie. Das Orchester folgt seinen Intentionen von Anfang bis zum geschmäcklerisch konstruierten Happy End des Librettos mit konziser Leichtigkeit.
Geführt von weichem Streicherlegato, wobei die Bratschen mit temperierten Einsätzen besonders glänzen, unterstützt von klangfarbenstarken Holzbläsern und ausdrucksvoll tönendem Blech, entwickelt das Orchester durchgängig einen lyrisch dramatischen Klang. Er trägt die Sängerinnen und Sänger, wie auf einem Klangteppich geborgen, hörbar und sichtbar zu glanzvollem Gesang.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Der Regie von Jens-Daniel Herzog gelingt es eindrucksvoll, das sowohl sängerische wie schauspielerische Potenzial jedes einzelnen Solisten ganz in den Dienst seiner Inszenierung zu stellen und ihnen gleichzeitig einen breiten solistischen Gestaltungsraum einzuräumen. Hofmannsthals Libretto spürt der morbiden Atmosphäre der untergegangenen österreichischen Monarchie nach, der Hans Mayer „die Romantik in einer untergehenden Welt“ bescheinigt. Die Inszenierung hält sich texttreu an Hofmannthals Libretto, ohne nostalgisch zu verbrämen.
Indem sie dabei den Affekten des Regietheaters nicht auf den Leim geht, eröffnet Herzog der Straussschen Musik einen musikalisch narrativen Klangraum. Ein wesentlicher Grund dafür, dass sich Musik und Spiel zu einer angenehm stimmigen, entspannt aufmerkenden Aufführung verbinden, die dezent verhalten, unaufgeregte Brücken ins Heute schlägt.
Wenn Mandryka sich mit seinen Rössern brüstet, fingert er einen Autoschlüssel aus seiner Hosentasche; Arabella probiert ein ferngesteuertes Spielzeugauto aus. Sein Leibhusar Welko ist ein Typ, der geradewegs vom Bikertreff Haus Scheppen am Baldeneysee herübergekommen zu sein scheint. Ein Spielautomat blinkt ständig an der linken Bühnenwand.
Von Sibylle Gädeke in zeitloser Typik kostümiert, füllen die Solisten die von Mathis Neidhardt klar strukturierte Bühne mit praller Lebendigkeit. Von Ralph Jürgens dezent beleuchtet, punktet diese Arabella mit einer distinktiven Bühnenpräsenz.
Das zeigt sich besonders wirkungsvoll in den Szenen, wo die Protagonisten nicht im Mittelpunkt stehen. Morgan Moody verfügt über einen akzentuierten Bass-Bariton, der dem Graf Theodor Waldner in seinen Irrungen und Wirrungen zwischen Spielsucht und Familienspiel eine elaborierte Gesangsstimme gibt. Vielleicht noch überzeugender sein stummes Spiel. Adäquat zu seinem exquisiten Gesang zeigt sich Moody als kompletter Sänger-Schauspieler.
Ebenso omnipräsent singt und spielt Almerija Delic Waldners Ehefrau Adelaide. Mit ihrem warm schillernden Mezzosopran zeichnet sie eine desorientierte, bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach dem Naheliegenden zugreifende Adelaide. Häufig nur beobachtende Randfigur markiert sie szenische Interventionen, wenn sie die selbst beim beiläufigen Rauchen durch einen nur unmerklich vorstreckten Kopf vorbereitet.
Es wird überhaupt viel in Herzogs Arabella geraucht. Jedoch nicht erotisch nonchalant wie es im Film Noir ikonografisch zelebriert wird, sondern mehr ein hilflos zerstreutes Paffen. Eine Melange von lasziver Gleichmut und unbedingter Geldbeschaffungssuche, die in der dramaturgischen Einrichtung von Hans-Peter Frings und Georg Holzer metaphorisch in den Wind geblasen wird.

Das uneingeschränkte Kraftzentrum der Inszenierung bildet das Solisten-Triumvirat Eleonore Marguerre, Ashley Thouret und Sangmin Lee. Mandryka, ein naturhafter Waldschrat, dem die bürgerlichen Salon-Rituale völlig fremd und irgendwie auch egal sind, ist für Sangmin Lee wie maßgeschneidert. Mit ihm verbinden sich körperliche Präsenz sowie gestisch-mimische Spielintelligenz mit einer baritonaler Breitband-Brillanz zu einem umwerfenden Hingucker und Hinhörer.
Der Hinterwäldler Mandryka winkt mit seinem Geld und schafft bei der gräflichen, aber armen Titular-Familie Waldner Fakten. Er weiß dabei sehr wohl, wen er mit Waldner vor sich hat. Der in seinem Geldangebot an Waldner „Teschek, bedien‘ Dich“ verwendete Pejorativ Teschek – im österreichischen Kulturraum eine abfällige Bezeichnung für den Verlierer des Spiels – charakterisiert Sangmin Lees Mandryka als bauernschlauen Protagonisten bis zur ariosen Zielsicherung „Brautwerbung kommt“.
Eleonore Marguerre spielt Arabella nicht als bloßes Dummchen, das des Vaters Geldprobleme durch eine entsprechend geldschwere Heirat lösen soll. Sie sehnt sich nach Nähe und Liebe. Die sie umschwärmenden Grafen sind für sie nur Spielfiguren in einem ihr aufoktroyierten Spiel. „Aber der Richtige wenn’s einen gibt“, hofft sie verträumt. Marguerres Sopran hat dafür den lyrischen Schmelz wie auch einen zielsichere Artikulation zwischen Schicksalhaftigkeit und Selbstbewusstsein.
In der Hosenrolle von Arabellas Schwester Zdenka dekliniert der kristallklare Sopran von Ashley Thouret die Waldner-Familienaufstellung durch. In ihrer zugewiesenen Rolle, den Weg für ihre Schwester frei zu machen, verstrickt sie sich in ein intrigantes Abenteuerspiel in bester Familien-Absicht. Letztlich aber knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt, ist sie mit Matteo Teil zwei des Happy Ends.
Thomas Paul braucht als Matteo eine gewisse Anlaufzeit, um seinen Tenor in Form zu bringen. In der dramatischen Schlüsselszene wirkt er in den Höhen allerdings überanstrengt.
Der Chor des Theaters Dortmund muss sich im zweiten Akt mit einem präzis abgestimmten Kurzeinsatz als tolldreiste Karnevalisten begnügen.
Am Ende gibt es kaum enden wollenden Jubel. Der Premiere, die – aufgrund der Konkurrenzveranstaltung? – nicht ausverkauft ist, ist mit den nachfolgenden Aufführungen ein größerer Publikumszuspruch zu wünschen. Die Inszenierung hat es mehr als verdient.
Peter E. Rytz