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Foto © Thomas Jauk

Bella figura

ARABELLA
(Richard Strauss)

Besuch am
24. September 2017
(Premiere)

 

Theater Dortmund, Opernhaus

Oper Dortmund, 24. September 2017, Premiere von Arabella. Um 18:02 Uhr tritt Intendant Jens-Daniel Herzog vor den Vorhang. Anders als üblich bei einem solchen Theater-Ritual, wo das Publikum einer wie auch immer bedingten Perso­nal­än­derung ahnungsvoll entgegen seufzt, koket­tiert er augen­zwin­kernd mit der Konkur­renz­ver­an­staltung Bundes­tagswahl. „Damit Sie sich ganz auf Arabella konzen­trieren können, gebe ich Ihnen die erste Hochrechnung bekannt.“

Nachdem sich kurze emotionale Erregungs­wellen im Parkett schnell wieder beruhigt haben, überlässt Gabriel Feltz am Pult der Dortmunder Philhar­mo­niker allein Richard Strauss mit einem pointierten Auftakt den Raum. Ohne Ouvertüre setzt die lyrische Komödie Arabella nach einem Libretto von Hugo von Hofmannsthal fulminant ein. Feltz‘ Dirigat sprüht vor konzen­trierter Energie. Das Orchester folgt seinen Inten­tionen von Anfang bis zum geschmäck­le­risch konstru­ierten Happy End des Librettos mit konziser Leichtigkeit.

Geführt von weichem Strei­cher­legato, wobei die Bratschen mit tempe­rierten Einsätzen besonders glänzen, unter­stützt von klang­far­ben­starken Holzbläsern und ausdrucksvoll tönendem Blech, entwi­ckelt das Orchester durch­gängig einen lyrisch drama­ti­schen Klang. Er trägt die Sänge­rinnen und Sänger, wie auf einem Klang­teppich geborgen, hörbar und sichtbar zu glanz­vollem Gesang.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der Regie von Jens-Daniel Herzog gelingt es eindrucksvoll, das sowohl sänge­rische wie schau­spie­le­rische Potenzial jedes einzelnen Solisten ganz in den Dienst seiner Insze­nierung zu stellen und ihnen gleich­zeitig einen breiten solis­ti­schen Gestal­tungsraum einzu­räumen. Hofmannsthals Libretto spürt der morbiden Atmosphäre der unter­ge­gan­genen öster­rei­chi­schen Monarchie nach, der Hans Mayerdie Romantik in einer unter­ge­henden Welt“ bescheinigt. Die Insze­nierung hält sich texttreu an Hofmannthals Libretto, ohne nostal­gisch zu verbrämen.

Indem sie dabei den Affekten des Regie­theaters nicht auf den Leim geht, eröffnet Herzog der Strauss­schen Musik einen musika­lisch narra­tiven Klangraum. Ein wesent­licher Grund dafür, dass sich Musik und Spiel zu einer angenehm stimmigen, entspannt aufmer­kenden Aufführung verbinden, die dezent verhalten, unauf­ge­regte Brücken ins Heute schlägt.

Wenn Mandryka sich mit seinen Rössern brüstet, fingert er einen Autoschlüssel aus seiner Hosen­tasche; Arabella probiert  ein fernge­steu­ertes Spiel­zeugauto aus. Sein Leibhusar Welko ist ein Typ, der geradewegs vom Biker­treff Haus Scheppen am Balde­neysee herüber­ge­kommen zu sein scheint. Ein Spiel­au­tomat blinkt ständig an der linken Bühnenwand.

Von Sibylle Gädeke in zeitloser Typik kostü­miert, füllen die Solisten die von Mathis Neidhardt klar struk­tu­rierte Bühne mit praller Leben­digkeit. Von Ralph Jürgens dezent beleuchtet, punktet diese Arabella mit einer distink­tiven Bühnenpräsenz.

Das zeigt sich besonders wirkungsvoll in den Szenen, wo die Protago­nisten nicht im Mittel­punkt stehen. Morgan Moody verfügt über einen akzen­tu­ierten Bass-Bariton, der dem Graf Theodor Waldner in seinen Irrungen und Wirrungen zwischen Spiel­sucht und Famili­en­spiel eine elabo­rierte Gesangs­stimme gibt. Vielleicht noch überzeu­gender sein stummes Spiel. Adäquat zu seinem exqui­siten Gesang zeigt sich Moody als kompletter Sänger-Schauspieler.

Ebenso omnipräsent singt und spielt Almerija Delic Waldners Ehefrau Adelaide. Mit ihrem warm schil­lernden Mezzo­sopran zeichnet sie eine desori­en­tierte, bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach dem Nahelie­genden zugrei­fende Adelaide. Häufig nur beobach­tende Randfigur markiert sie szenische Inter­ven­tionen, wenn sie die selbst beim beiläu­figen Rauchen durch einen nur unmerklich vorstreckten Kopf vorbereitet.

Es wird überhaupt viel in Herzogs Arabella geraucht. Jedoch nicht erotisch nonchalant wie es im Film Noir ikono­gra­fisch zelebriert wird, sondern mehr ein hilflos zerstreutes Paffen. Eine Melange von lasziver Gleichmut und unbedingter Geldbe­schaf­fungs­suche, die in der drama­tur­gi­schen Einrichtung von Hans-Peter Frings und Georg Holzer metapho­risch in den Wind geblasen wird.

Foto © Thomas Jauk

Das unein­ge­schränkte Kraft­zentrum der Insze­nierung bildet das Solisten-Trium­virat Eleonore Marguerre, Ashley Thouret und Sangmin Lee. Mandryka, ein natur­hafter Waldschrat, dem die bürger­lichen Salon-Rituale völlig fremd und irgendwie auch egal sind, ist für Sangmin Lee wie maßge­schneidert. Mit ihm verbinden sich körper­liche Präsenz sowie gestisch-mimische Spiel­in­tel­ligenz mit einer barito­naler Breitband-Brillanz zu einem umwer­fenden Hingucker und Hinhörer.

Der Hinter­wäldler Mandryka winkt mit seinem Geld und schafft bei der gräflichen, aber armen Titular-Familie Waldner Fakten. Er weiß dabei sehr wohl, wen er mit Waldner vor sich hat. Der in seinem Geldan­gebot an Waldner „Teschek, bedien‘ Dich“ verwendete Pejorativ Teschek – im öster­rei­chi­schen Kulturraum eine abfällige Bezeichnung für den Verlierer des Spiels – charak­te­ri­siert Sangmin Lees Mandryka als bauern­schlauen Protago­nisten bis zur ariosen Zielsi­cherung „Braut­werbung kommt“.

Eleonore Marguerre spielt Arabella nicht als bloßes Dummchen, das des Vaters Geldpro­bleme durch eine entspre­chend geldschwere Heirat lösen soll. Sie sehnt sich nach Nähe und Liebe. Die sie umschwär­menden Grafen sind für sie nur Spiel­fi­guren in einem ihr aufok­troy­ierten Spiel. „Aber der Richtige wenn’s einen gibt“, hofft sie verträumt. Marguerres Sopran hat dafür den lyrischen Schmelz wie auch einen zielsi­chere Artiku­lation zwischen Schick­sal­haf­tigkeit und Selbstbewusstsein.

In der Hosen­rolle von Arabellas Schwester Zdenka dekli­niert der kristall­klare Sopran von Ashley Thouret die Waldner-Famili­en­auf­stellung durch. In ihrer zugewie­senen Rolle, den Weg für ihre Schwester frei zu machen, verstrickt sie sich in ein intri­gantes Abenteu­er­spiel in bester Familien-Absicht. Letztlich aber knapp an der Katastrophe vorbei­ge­schrammt, ist sie mit Matteo Teil zwei des Happy Ends.

Thomas Paul braucht als Matteo eine gewisse Anlaufzeit, um seinen Tenor in Form zu bringen. In der drama­ti­schen Schlüs­sel­szene wirkt er in den Höhen aller­dings überanstrengt.

Der Chor des Theaters Dortmund muss sich im zweiten Akt mit einem präzis abgestimmten Kurzeinsatz als tolldreiste Karne­va­listen begnügen.

Am Ende gibt es kaum enden wollenden Jubel. Der Premiere, die – aufgrund der Konkur­renz­ver­an­staltung? – nicht ausver­kauft ist, ist mit den nachfol­genden Auffüh­rungen ein größerer Publi­kums­zu­spruch zu wünschen. Die Insze­nierung hat es mehr als verdient.

Peter E. Rytz

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