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LA CLEMENZA DI TITO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
9. September 2017
(Einmalige Aufführung)
Parto, ma tu ben mio, meco ritorna in pace … Sestos Soloarie im ersten Akt ist allein schon ein Ereignis. Ein Genuss für sich die Begleitung durch das einschmeichelnde Bassethorn, die um 1770 entwickelte und von Mozarts äußerst geschätzte Altklarinette. Wie die Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac Liebe, Zorn und Rache beschwört, ist im Konzerthaus Dortmund einer der umjubelten Höhepunkte des ersten Akts. Dieser Sesto, Anstifter eines Staatsstreichs gegen den römischen Imperator Tito Vespasiano, seinen früheren Freund, ist ja auch eine Partie der wildesten Gefühle. Bei Mozart im Übrigen die exemplarische Vorahnung einer Ära, die in einigen Jahren zu einem Höhenflug ansetzen wird, die des italienischen Belcanto. Nicht genug. Das Spektakel reicht weiter.
Zu erleben ist mit Teodor Currentzis, dem Dirigenten der konzertanten Aufführung von La clemenza di Tito, ein Sachwalter der Partitur in einer Performance, die wohl weltweit einmalig genannt werden darf. Der Grieche, 1972 in Athen geboren, umgarnt in choreografisch anmutenden Posen beide Solisten. Mit anstachelnder Energie treibt er die Interpretin des Sesto an, alles zu geben. Irrwitzig nah kommt er dem Klarinettisten, als wolle er ihm seine Atemzüge leihen. Currentzis schreitet, der Mann tanzt, er wiegt sich mit leicht kreisenden Bewegungen in den Hüften. Ein Magier hat seine Bühne gefunden, die Kunst der Oper, die wiederum dank ihm wie reanimiert wirkt. Übertrieben, manieriert vielleicht diese ständigen Rhythmus- und Intensitätswechsel. Diese jagenden Tempi, um in nur Sekundenbruchteilen später wie vom Blitz getroffen völlig verinnerlicht und eingeholt zu werden. Eine Fermate lang, mindestens. Und doch eine Erneuerung von Hörerlebnissen wie selten zuvor in der Vermittlung der Wiener Klassik oder auch der Alten Musik.
Der Ruf, der dem exzentrischen Musikdirektor des Opern- und Balletttheaters im russischen Perm und dem von ihm in Nowosibirsk gegründeten Orchester musicAeterna und dem musicAeterna-Chor seit Einspielung des Da-Ponte-Zyklus vorausgeht, bewahrheitet sich in stupender Weise. Ah, qual poter, oh Dei! Donate alla beltà! – Welche Macht, ihr Götter, habt ihr der Schönheit gegeben – Die Botschaft, die der Librettist des Tito, Caterino Mazzolà nach Pietro Metastasio, den durchtriebenen Sesto an die Überirdischen deklamieren lässt, meint nämlich mehr als die Schönheit Vitellias, eben die der Musik. In Gestalt von Mozarts Grandezza wird sie in dieser Aufführung Note um Note, Takt um Takt, Arie für Arie erschlossen, wenn nicht gar erschaffen.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Was der in einer Arte-Dokumentation als „Klassikrebell“ apostrophierte Vollblutmusiker in Dortmund zur Aufführung bringt, ist allerdings nicht Mozarts letzte Opera seria in einer – nun ja – werkgetreuen Version. Die zu erfassen und zu bestimmen wäre eh ein schwieriges Unterfangen. Bekannt ist nun mal, dass der 1791 zeitgleich an Zauberflöte und Requiem arbeitende Mozart seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr die Komposition der Secco-Rezitative überträgt, um seine Auftragsarbeiten pünktlich abschließen zu können. Der Mozart-Forscher Alfred Einstein berichtet von zahlreichen rezeptionsgeschichtlich belegten Eingriffen, die gerade dem Tito jahrzehntelang widerfahren seien. Was offenkundig Methode ist, darf dann offenbar auch 2017 Bühnenwirklichkeit werden. Currentzis präsentiert eine Reprise der in Zusammenarbeit mit dem US-Regisseur Peter Sellars entstandenen Version, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen herausgekommen ist. Konkret: Die Süßmayr-Rezitative sind gestrichen oder zum Verständnis der Handlung an andere Stellen verlagert, was Raum schafft für die Integration von Teilen aus Mozarts Hauptwerken der Musica sacra. Darunter sind die Messe in c‑Moll, Adagio und Fuge c‑Moll sowie die Maurische Trauermusik c‑Moll. Erhabenes im Überfluss. Mit seinen „originellen Implantaten“, alle in c‑Moll, heißt es dazu im Programmheft, erinnere Currentzis daran, dass es in dieser „Moll-scheuen Oper“ auch „berührende Trauermomente“ gebe.
Das zu bestreiten, dürfte freilich fernliegen. Also sollte es für das Konzerthaus-Management auch keinen Grund geben, mit der Entscheidung für die „modifizierte Fassung“ offener umzugehen. Die Verfremdung dem Publikum gegenüber deutlich zu kommunizieren und transparent zu machen. Mehr zu bieten als einen knappen Abschnitt im Programmheft. Wie würden Theaterbesucher denn wohl auf einen Don Carlos reagieren, in den aus vorgeblich dramaturgischen Gründen Teile aus Attila eingefügt wären, um die Männerbeziehung zwischen Carlo und Posa zu akzentuieren? Ob es der sakralen Überhöhung zum Verständnis der Kabale überhaupt bedarf, bleibt obendrein offen, in einer „lediglich“ konzertanten Aufführung zudem abgemildert. Currentzis misstraut jedenfalls nicht so krass dem Werk, wie das Sellars in seiner Salzburger Inszenierung an den Tag gelegt hat. Was die Überdehnung indes fragwürdig macht, ist die willkürliche Vermischung unterschiedlicher Tatsachen. Das Jahr des Entstehens der Oper mit dem finalen Abschied des römischen Kaisers von der Macht dürfte eine Sache sein, Mozarts Tod im selben Jahr eine andere. Auch erscheint es nicht gerade zwingend, das armselige Ende des Freimaurers Wolfgang Amadeus mit christlich-liturgischen Werken zum Zweck der emotionalen Steigerung in Verbindung zu bringen, selbst wenn diese vom Komponisten selbst stammen, allerdings im Auftrag anderer entstanden sind.
Das Publikum lässt keinerlei Anzeichen erkennen, an der wohlmeinenden Willkür Anstoß zu nehmen. Es nimmt augenscheinlich auch nicht die durchaus beträchtliche Ausweitung der Aufführungszeit übel. Im Gegenteil: Es feiert mit großem Jubel und fein dosierten Ovationen ein Ausnahmeensemble, das dank großen Könnens, hoher Musikalität und akribischer Einstudierung Exzellenz-Niveau repräsentiert. Wenn die Experteneinsicht richtig ist, der zufolge eine Mozart-Interpretation mit höchstem Anspruch gerade erstklassige Instrumentalisten benötigt, so wird die vom Ensemble musicAeterna umfassend bestätigt. Werden sie doch nicht nur als Ganzes dem Seria-Geist der Partitur gerecht. Vielmehr ist jeder einzelne von ihnen – vom Paukisten bis zu den glänzenden Blech- und Holzbläsern, den Streichern, den Künstlern an Laute und Hammerklavier, die die Secco-Rezitative gestalten – in der Lage, mit höchster Konzentration und spürbarer Liebe zum Handwerk den Vorgaben und Eingebungen ihres charismatischen Dompteurs zu folgen. Music in motion, wenn man so will. Es ist schon aufregend zu beobachten, in welch ständiger Bewegung, Veränderung von Position, Haltung, Ausrichtung, dieses Orchester agiert, stets am Puls der Kunst. Ihnen ebenbürtig ist – ein Glücksfall der Produktion – der von Vitaly Polonsky glänzend vorbereitete musicAeterna-Chor, der mit unglaublich exakten, homogenen Einsätzen und großer Virtuosität in allen Stimmgruppen dem Souverän des alten Rom seine Stimme gibt: dem Volk. Bemerkenswerterweise ist es dieser Chor, der von den Musica-sacra-Passagen am meisten profitiert. Irgendwie scheint das angemessen, fast gerecht.
Unter den insgesamt großartigen Solisten, die das Dortmunder Mozart-Glück komplettieren, sind mit Jeanine de Bique als Annio und Willard White als Publio zwei aus der Salzburger Produktion dabei. Die Sopranistin de Bique verfügt über eine in allen Lagen technisch ausgereifte Stimme. Ihre kurze Aria Tu fosti tradito im zweiten Akt stilisiert sie zu einem wahren Kleinod. Hier reift eine Karriere, die nur einen Weg kennen dürfte: nach oben. White, in Salzburg noch in eine Militäruniform gewandet, macht mit markigem Bass das Beste aus seinem Part. Er ist allerdings zu klein, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Maximilian Schmitt ist in der Titelpartie eine angenehm hörbare, aber nicht wirklich überzeugende Besetzung. Ihm fehlt der imperiale Glanz, den einst etwa die britische Tenorschule in dieser Partie unter dem Dirigenten Colin Davis ausgezeichnet hat. Karina Gauvin ist als Vitellia sängerisch und spielerisch eine Instanz, machtdurchtrieben in der Intrige und verletzlich in der menschlichen Haltung, zu der sie sich im Finale II durchzuringen versteht. Nicht weniger als imposant – physisch wie in der vokalen Dimension – darf die Erscheinung der Mezzosopranistin d’Oustrac als Sesto beschrieben werden. Ihre Stimme mit weitgreifender Tessitura ist ausdrucksstark, flexibel und geradezu robust, was der Charakterzeichnung ihrer Rolle sehr entgegenkommt. Die Krone der Aufführung dürfte indes an die Sopranistin Anna Lucia Richter gehen, die der Servilia mit lyrischen wie dramatischen Farben Anmut und Charakter verleiht. Problemlos erreicht die Stimme die geforderte Höhe, virtuos durchmisst sie das Girlandengeflecht von Mozarts vollendeten Koloraturen. Kein Zweifel – eine geradezu ideale Partie für eine Sängerin, die ihre in der Barock- und Sakralmusik sowie im Kunstlied erprobte, fundierte Kompetenz in die Waagschale werfen kann.
Dutzendmal gehört und jetzt erst fundamental berührt? Die Geheimnisse um Mozarts letzte Seria scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Wie schön für das begeisterungsfähige Publikum. Und noch schöner für die ewig junge alte Kunst der Oper.
Ralf Siepmann