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Foto © Bülent Kirschbaum

Gedoppelter Enthusiasmus

LE COMTE ORY
(Gioachino Rossini)

Besuch am
28. Mai 2017
(Premiere)

 

Klang­vokal Musik­fes­tival Dortmund,
Konzerthaus

Über Rossinis Faible für Sport, etwa Ballspiele, womöglich Fußball, ist praktisch nichts bekannt. Seine Leiden­schaft gilt insbe­sondere in seinen Pariser Zeit ab 1824 den Genüssen des Lebens, seien sie gastro­no­misch, seien sie erotisch. Le Havre Athlétic Club, der erste franzö­sische Fußball­verein, wird 1872 gegründet. Da liegt der „Schwan von Pesaro“ bereits seit vier Jahren auf dem Friedhof Père-Lachaise. Was niemand ahnen kann: Zu einer Art virtu­ellem Rendezvous zwischen Rossini und dem Fußball soll es doch einmal kommen. Am Tag nach dem Pokal­triumph von Borussia Dortmund über Eintracht Frankfurt ist die Westfalen-Metropole praktisch in Schwarz-Gelb getaucht. Zehntau­sende Fans ziehen ungeachtet der Hitze dieses Tages durch die Straßen der City, auch das Geviert um das Konzerthaus Dortmund, belagern das Herz des BVB, den Borsig­platz. Über der siegreichen Mannschaft schlägt grenzenlose Begeis­terung zusammen. Stunden später, nach der konzer­tanten Aufführung der vorletzten Oper Rossinis für Paris, der Buffa Le Comte Ory, umtost ein vergleich­barer Jubel die Künstler im Konzerthaus an der Brück­straße, wenn auch in unter­schied­lichen Dimen­sionen. Populäre Hochkultur und die hierzu­lande populärste Sportart scheinen für spekta­kuläre Momente eine barrie­re­freie Allianz einge­gangen zu sein. Ein schönerer Start in das von der Stadt Dortmund veran­stalte Musik­fes­tival Klang­vokal ist kaum denkbar.

Die Presse­stelle des Festivals hat im Vorfeld des Doppel­spek­takels vor möglichen Verkehrs­be­hin­de­rungen rund um das Konzerthaus in Folge des Autokorsos der Mannschaft gewarnt und Ausweich­tipps gegeben. Keine Selbst­ver­ständ­lichkeit übrigens in vergleich­baren Fällen. Die waltende Vorsicht erfährt indes zum Glück keinerlei Bestä­tigung. Der Zugang zum Veran­stal­tungsort ist ungehindert. Vereinzelt wird ein Polizeiauto gesichtet. Im wohl klima­ti­sierten Konzerthaus mag sich der Irrwitz dieser köstlichen Farce im Milieu von mittel­al­ter­lichen Kreuz­fahrern und Trouba­douren mit einer perlenden Musik in perma­nenter Champa­gner­laune unbehelligt ereignen. Was er dann auch trefflich tut, mit exzel­lenten Solisten, mit gut aufge­legten Musikern und Sängern in Orchester und Chor. Klang­vokal und Belcanto gleichsam unisono, verschmolzen zu einem program­ma­ti­schen höheren Eins.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Publikum  
Chat-Faktor  

Vermutlich wird nur den Connaisseur der rund 40 Opern­kom­po­si­tionen Rossinis en détail inter­es­sieren, was es mit den Wechsel­be­zie­hungen zwischen der 1828 in Paris urauf­ge­führten Buffa um einen so dreisten wie charmanten Verführer und seine amourösen Abenteuer einer­seits und dem drei Jahre zuvor im Théatre Italien umjubelten Einakter Il viaggio a Reims auf sich hat. Rossini ist daran gelegen, die griffigsten und sprit­zigsten Nummern aus dem zur Krönung Karls. X. entstan­denen Auftrags­werks im italie­ni­schen Stil in eine franzö­sisch inspi­rierte Oper zu adaptieren, die quasi zeitlos sei. Das gelingt ihm durch Einbettung von rund einem halben Dutzend Arien und orches­tralen Nummern in das von Augustin Eugène Scribe und Charles-Gaspard Delestre-Poirson verfasste Libretto ohne Brüche. Le Comte Ory ist ein eigen­stän­diges, in sich schlüs­siges Werk, das Rossinis Meister­schaft in der Phase ihrer Vollendung dokumen­tiert. Exempla­risch hierfür das neu für Comte, Comtesse und den Pagen Isolier geschriebene Terzett A la faveur de cette nuit obscure im zweiten Akt. Es erschafft wie aus dem Nichts – eine Parallele zur Sprache des Fußballs – eine eigene Atmosphäre, erzeugt im Publikum mit subtilen Mitteln, etwa einem versetzten Walzertakt, eine betörende Stimmung. „Selten, wenn überhaupt je,“ stellt der Rossini-Biograph Richard Osborne, diese zehn Minuten umfas­sende Sequenz auf ein Podest, „schrieb er schmel­zender für Bläser und Streicher mit Dämpfern; die Klang­welten von Mozart und Berlioz werden hier verherr­licht oder vorweg­ge­nommen in einer Musik, die doch Rossini bleibt.“

Wer annimmt, „ureigenster Rossini“ lasse sich einzig durch ein Orchester mit der Kernkom­petenz Oper erzeugen, wird durch das WDR-Funkhaus­or­chester Köln schlicht widerlegt. Seit 2009 hat das vormals als WDR-Rundfunk­or­chester Köln firmie­rende Ensemble beim Dortmunder Musik­fes­tivals sechs konzer­tante Opern­pro­duk­tionen orchestral bestritten, in erster Linie Belcan­to­stücke von Donizetti und Verdi. Den leicht­fü­ßigen Stil, die Virtuo­sität, die Maschi­nentakt- und Accele­rando-Kunst­stücke dieser furiosen Partitur treffen die Rundfunk­sin­fo­niker vorzüglich. Giacomo Sagri­panti, ihr Dirigent, gerade erst mit Belcanto-Auffüh­rungen am Essener Aalto hervor­ge­treten, ist bei ihnen – anders als der BVB-Trainer Thomas Tuchel bei seinen Schütz­lingen – unumstritten. Er gehört mit energi­schem, aber immer kontrol­lierten Körper­einsatz zu den Garanten, die die Produktion in den Rang eines Erleb­nisses heben. Dazu trägt nicht minder auch der WDR-Rundfunkchor Köln bei. Ihn zu hören macht sichtlich Spaß, so etwa bei der Tutti-Aufstellung im Trink-Gesang des zweiten Aktes, auch in den nach Frauen und Männern geteilten Einsätzen.

Lawrence Brownlee – Foto © Derek Blanks

Das Ondit unter Kennern, die Produktion warte mit einer Besetzung auf, für die der Begriff Champions League aus dem Fußball geeignet sei, erfüllt sich über alle Maßen. Die Kunst des Rossini-Spezia­listen Lawrence Brownlee in der Titel­rolle verdient schlicht das Prädikat brillant. Seine Inter­pre­tation des Grafen Ory vereint die vokale Noblesse des franzö­si­schen tenore di grazia Michel Sénechal gerade in dieser Rolle in den 1950-er Jahren und den spiele­ri­schen Witz eines Luciano Pavarotti als Tonio in La fille du Régiment. Brownlees artifi­zielle, gespielte Manier des Gipfel­an­stiegs hinauf zum hohen C, wie poliert zu einem Musikfest, und die ironi­sierte Attitüde, die Stimme bei einer Oktave oder Sexte abrupt hochzu­ziehen, reprä­sen­tieren eine Belcanto-Kompetenz der Extra­klasse. Ähnliches Jessica Pratt in der Rolle der Adèle de Formou­tiers nachsagen zu wollen hieße, den Fans draußen in Schwarz-Gelb etwas über passives Abseits erzählen zu wollen. Joan Sutherland, die Ausnah­me­so­pra­nistin, ist in Fachkreisen mit dem Attribut La Stupenda dekoriert worden. Pratt hat längst einen vergleich­baren Weg einge­schlagen. Die erste große Arie der Gräfin En proie à la tristesse meistert sie mit Bravour. Höhen scheinen für diesen Sopran mühelos, die Kolora­turen perlen. Der Rest ist Staunen.

Erfüllen schon die beiden Belcanto-Stars alle Erwar­tungen, avanciert darüber hinaus noch die Mezzo­so­pra­nistin Jana Kurucová, Mitglied des Ensembles der Deutschen Oper Berlin, in der Hosen­rolle des Pagen Isolier zu einem weiteren Opern­glücks­moment. Ihr Mezzo klingt mal samtig-seidig, mal robust – eben so, wie es das Tempe­rament der Rolle und die Partitur verlangen. Auf ihre Elisa­betta 2018 in Maria Stuarda in der Deutschen Oper Berlin darf man schon jetzt gespannt sein. Sänge­risch wie spiele­risch machen in den weiteren Rollen auch Stella Grigorian als Ragonde und Monika Rydz als Alice eine gute Figur. Weiterhin hinter­lässt Roberto de Candia als Orys Freund Raimbaud mit sonorem Bass und physi­scher Präsenz einen vorzüg­lichen Eindruck. Oleg Tsybulko singt die Partie des Gouver­neurs mit Elan und Inten­sität, hinter­lässt jedoch einen merkwürdig zwiespäl­tigen Eindruck. Sein Bass klingt kehlig-verkopft – wie ein Tribut an das Franzö­sische, das der aus Moldawien stammende Sänger für diesen Part einstu­diert hat. Schluss­endlich beweist der Tenor Gheorghe Vlad in seinem knappen Auftritt als Coryphée, dass er im Rossini-Fach gut behei­matet ist.

Eine Erfahrung dieses Sonntags im Zeichen des Doppel­ver­gnügens sei immerhin skizziert: Wäre nicht die Stadt Dortmund gut beraten, das Konzerthaus in ihre touris­tische Werbe­stra­tegie stärker einzu­be­ziehen? Allein die hervor­ra­gende Akustik lohnt die kultu­relle Pilger­reise. Die BVB-Fans werden über die Fußball­arena in ihrer Stadt übrigens nichts anderes behaupten. Die aller­dings ist nun einmal bekannt,  mindestens bundesweit.

Ralf Siepmann

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