O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Es ist mutig von der Dortmunder Oper, ein Werk in eigener Regie völlig neu und eigenständig zu produzieren, das zwar weltweit Aufsehen erregt hat und vielfach auf Bewunderung gestoßen ist, dessen Erfolg aber eng mit der Zusammenarbeit von Philip Glass und Robert Wilson verknüpft ist. Im Alleingang, ohne den Segen Wilsons, bleibt das Unterfangen Einstein on the Beach ein Risiko, zumal die Produktion mit ungeheurem technischem Aufwand verbunden ist. Dass nur fünf Aufführungen vorgesehen sind, spiegelt den Zwiespalt: Wird der Versuch ein Misserfolg, lassen sich fünf Aufführungen verschmerzen, wird er ein Erfolg, ist es schade um die Mühen.
Nimmt man die Reaktionen des Premierenpublikums zum Maßstab, war der lange Abend ein voller Erfolg. Auch ohne Wilsons magische Einwirkung, mit der Glass‘ gigantische Oper Einstein on the Beach 1976 als Sensation gefeiert und durch die halbe Welt gereicht wurde. Kompliment für den Ehrgeiz und Aufwand, mit dem sich die Dortmunder Oper dieser Herausforderung stellt. Das Ergebnis ist trotzdem ernüchternd. Die Patina, die das Stück in den letzten 40 Jahren angesetzt hat, lässt sich offenbar nur mit immensen optischen Spielereien übertünchen, und das auch nur notdürftig.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Was seinerzeit in Amerika als „sensationell“ oder gar als „revolutionär“ gefeiert wurde, war in Europa längst ein alter Hut. Stücke ohne fassbare Handlung fristeten hier scharenweise ihr Dasein als Eintagsfliegen. Dass die Wahl auf Albert Einstein als „Titelhelden“ gefallen ist, entspringt reinem Zufall und soll keine inhaltlichen Bezüge herstellen. In Dortmund geistert Einstein entweder im Rollstuhl oder Geige spielend durch einige Szenen. Das Programmheft warnt ausdrücklich davor, an irgendwelche Interpretationsversuche auch nur zu denken.
Strukturiert ist das Stück recht traditionell in Prolog, drei Akte sowie drei überwiegend instrumentalen Zwischenspielen und einem Epilog. Die insgesamt vierzehn Teile füllt Glass mit minimalistischen Glasperlenspielen, die hohe Anforderungen an die Konzentration der Ausführenden stellen und Glass‘ raffinierten Klangsinn eindrucksvoll demonstrieren. Über die Dauer von dreieinhalb Stunden verlieren die endlosen Wiederholungen schlichter Motivfetzen allerdings rasch an Glanz. Zu hören ist letztlich eine ausgedehnte „Symphonie der Banalität“. Die technischen Anforderungen bewältigen Florian Helgath mit dem ChorWerk Ruhr, dem exzellenten Solisten- und dem adäquaten neunköpfigen Instrumentalensemble, mühelos. Und minimale Ungenauigkeiten stören nicht, sondern geben den seelenlosen Endlosschleifen einen wohltuend menschlichen Anstrich.

Eine szenische Umsetzung dieser Musik macht eigentlich nur Sinn, wenn der unermüdlichen Motorik auf der Bühne ein zeitliches Gegengewicht gesetzt wird. Wenn also Musik und Darstellung in ein zeitliches Spannungsverhältnis gerückt werden. Das ist Wilson in seiner eigenen Inszenierung wenigstens teilweise gelungen. In Dortmund verurteilt Regisseur Kay Voges allerdings die Darsteller zu einer fast bewegungslosen Statuarik. Die Figuren stellt er wie Schachfiguren in Position und lässt sie regungslos singen, zählen und absurde Texte rezitieren. Erst in der Schlussszene darf der Chor, in alberne Urmensch-Kostüme gewandet, über die Bühne und durch die Zuschauerreihen hampeln. Allerdings auch hier ohne Kontext zur zeitlichen Struktur der Musik. Was die Personenführung angeht, bietet Kay Voges nicht mehr als ein konzertantes Oratorium, bei dem er sich ausschließlich auf die Musiker und vor allem die visuellen Künstler verlässt. Und die schöpfen aus dem Vollen. Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert, Kostümbildnerin Mona Ulrich, Licht-Designer Stefan Schmidt und gleich sieben Video-Artisten lassen sich die Chance nicht entgehen und sorgen für beeindruckende Bilder, Effekte, Videoeinspielungen und ein Füllhorn fantasievoller Kostüme, die insgesamt die Regie und die Qualität der Komposition in den Schatten stellen. Dass dabei der Spieltrieb der Bühnenbauer und Techniker bisweilen bizarre Blüten treibt, sei ihnen gegönnt. Auch mit qualitativen Unterschieden kann man leben, wenn Mona Ulrich etwa zwei Tänzerinnen in wunderschön wehende Schleier von überirdischer Schwerelosigkeit kleidet und den Chor am Ende in fragwürdige Monster-Textilien wie aus einem Kinder-Comic.
Für ein Stück Musiktheater, noch dazu von solcher Länge, reichen schöne Bilder allerdings nicht aus. Schade für den Einsatz von Florian Helgath und das fabelhafte ChorWerk Ruhr, das vor allem in den wenigen Sequenzen, in denen sich die Musik aus ihren vorgestanzten Schablonen lösen darf, geradezu ätherische Klangwirkungen erzielt. Glänzend auch das hervorragend zusammengestellte Instrumentalensemble, unter anderem mit Önder Baloglu als virtuos agierendem Geiger im Einstein-Outfit und Kristof Dömötör, der mit seinem Tenorsaxofon-Solo für einen der wenigen emotional anrührenden Ruhepunkte sorgte. Die vielfältigen vokalen Ansprüche an ihre Partien sind bei Sopranistin Hasti Molavian, Altistin Ileana Mateesu und Tenor Hannes Brock bestens aufgehoben. Die Schauspieler Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Andreas Beck und Raafat Daboul als überdimensionales Gehirn schlüpfen souverän in diverse Rollen und etliche fantasievolle Kostüme.
Angesichts des in vierzehn meist deutlich voneinander abgegrenzten Teilen zerstückelten Stücks leuchtet es nicht so recht ein, warum der ohnehin immer wieder unterbrochene Fluss der Musik durch eine Pause zerrissen werden könnte. So haben die Zuschauer zwar Gelegenheit, jederzeit den Raum für individuelle Pausen zu verlassen, was aber angesichts der starren Bestuhlung für einige Unruhe sorgt.
Das Premieren-Publikum zeigt sich von der Bilder- und Klangflut überwältigt und reagiert entsprechend begeistert.
Pedro Obiera