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Foto © Thomas Jauk

Monumental-Symphonie in Endlosschleife

EINSTEIN ON THE BEACH
(Philip Glass)

Besuch am
23. April 2017
(Premiere)

 

Theater Dortmund

Es ist mutig von der Dortmunder Oper, ein Werk in eigener Regie völlig neu und eigen­ständig zu produ­zieren, das zwar weltweit Aufsehen erregt hat und vielfach auf Bewun­derung gestoßen ist, dessen Erfolg aber eng mit der Zusam­men­arbeit von Philip Glass und Robert Wilson verknüpft ist. Im Alleingang, ohne den Segen Wilsons, bleibt das Unter­fangen Einstein on the Beach ein Risiko, zumal die Produktion mit ungeheurem techni­schem Aufwand verbunden ist. Dass nur fünf Auffüh­rungen vorge­sehen sind, spiegelt den Zwiespalt: Wird der Versuch ein Misserfolg, lassen sich fünf Auffüh­rungen verschmerzen, wird er ein Erfolg, ist es schade um die Mühen.

Nimmt man die Reaktionen des Premie­ren­pu­blikums zum Maßstab, war der lange Abend ein voller Erfolg. Auch ohne Wilsons magische Einwirkung, mit der Glass‘ gigan­tische Oper Einstein on the Beach 1976 als Sensation gefeiert und durch die halbe Welt gereicht wurde. Kompliment für den Ehrgeiz und Aufwand, mit dem sich die Dortmunder Oper dieser Heraus­for­derung stellt. Das Ergebnis ist trotzdem ernüch­ternd. Die Patina, die das Stück in den letzten 40 Jahren angesetzt hat, lässt sich offenbar nur mit immensen optischen Spiele­reien übertünchen, und das auch nur notdürftig.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie     
Bühne  
Publikum     
Chat-Faktor  

Was seinerzeit in Amerika als „sensa­tionell“ oder gar als „revolu­tionär“ gefeiert wurde, war in Europa längst ein alter Hut. Stücke ohne fassbare Handlung fristeten hier scharen­weise ihr Dasein als Eintags­fliegen. Dass die Wahl auf Albert Einstein als „Titel­helden“ gefallen ist, entspringt reinem Zufall und soll keine inhalt­lichen Bezüge herstellen. In Dortmund geistert Einstein entweder im Rollstuhl oder Geige spielend durch einige Szenen. Das Programmheft warnt ausdrücklich davor, an irgend­welche Inter­pre­ta­ti­ons­ver­suche auch nur zu denken.

Struk­tu­riert ist das Stück recht tradi­tionell in Prolog, drei Akte sowie drei überwiegend instru­men­talen Zwischen­spielen und einem Epilog. Die insgesamt vierzehn Teile füllt Glass mit minima­lis­ti­schen Glasper­len­spielen, die hohe Anfor­de­rungen an die Konzen­tration der Ausfüh­renden stellen und Glass‘ raffi­nierten Klangsinn eindrucksvoll demons­trieren. Über die Dauer von dreieinhalb Stunden verlieren die endlosen Wieder­ho­lungen schlichter Motiv­fetzen aller­dings rasch an Glanz. Zu hören ist letztlich eine ausge­dehnte „Symphonie der Banalität“. Die techni­schen Anfor­de­rungen bewäl­tigen Florian Helgath mit dem ChorWerk Ruhr, dem exzel­lenten Solisten- und dem adäquaten neunköp­figen Instru­men­tal­ensemble, mühelos. Und minimale Ungenau­ig­keiten stören nicht, sondern geben den seelen­losen Endlos­schleifen einen wohltuend mensch­lichen Anstrich.

Foto © Thomas Jauk

Eine szenische Umsetzung dieser Musik macht eigentlich nur Sinn, wenn der unermüd­lichen Motorik auf der Bühne ein zeitliches Gegen­ge­wicht gesetzt wird. Wenn also Musik und Darstellung in ein zeitliches Spannungs­ver­hältnis gerückt werden. Das ist Wilson in seiner eigenen Insze­nierung wenigstens teilweise gelungen. In Dortmund verur­teilt Regisseur Kay Voges aller­dings die Darsteller zu einer fast bewegungs­losen Statuarik. Die Figuren stellt er wie Schach­fi­guren in Position und lässt sie regungslos singen, zählen und absurde Texte rezitieren. Erst in der Schluss­szene darf der Chor, in alberne Urmensch-Kostüme gewandet, über die Bühne und durch die Zuschau­er­reihen hampeln. Aller­dings auch hier ohne Kontext zur zeitlichen Struktur der Musik. Was die Perso­nen­führung angeht, bietet Kay Voges nicht mehr als ein konzer­tantes Oratorium, bei dem er sich ausschließlich auf die Musiker und vor allem die visuellen Künstler verlässt. Und die schöpfen aus dem Vollen. Bühnen­bild­nerin Pia Maria Mackert, Kostüm­bild­nerin Mona Ulrich, Licht-Designer Stefan Schmidt und gleich sieben Video-Artisten lassen sich die Chance nicht entgehen und sorgen für beein­dru­ckende Bilder, Effekte, Video­ein­spie­lungen und ein Füllhorn fanta­sie­voller Kostüme, die insgesamt die Regie und die Qualität der Kompo­sition in den Schatten stellen. Dass dabei der Spiel­trieb der Bühnen­bauer und Techniker bisweilen bizarre Blüten treibt, sei ihnen gegönnt. Auch mit quali­ta­tiven Unter­schieden kann man leben, wenn Mona Ulrich etwa zwei Tänze­rinnen in wunder­schön wehende Schleier von überir­di­scher Schwe­re­lo­sigkeit kleidet und den Chor am Ende in fragwürdige Monster-Textilien wie aus einem Kinder-Comic.

Für ein Stück Musik­theater, noch dazu von solcher Länge, reichen schöne Bilder aller­dings nicht aus. Schade für den Einsatz von Florian Helgath und das fabel­hafte ChorWerk Ruhr, das vor allem in den wenigen Sequenzen, in denen sich die Musik aus ihren vorge­stanzten Schablonen lösen darf, geradezu ätherische Klang­wir­kungen erzielt. Glänzend auch das hervor­ragend zusam­men­ge­stellte Instru­men­tal­ensemble, unter anderem mit Önder Baloglu als virtuos agierendem Geiger im Einstein-Outfit und Kristof Dömötör, der mit seinem Tenor­sa­xofon-Solo für einen der wenigen emotional anrüh­renden Ruhepunkte sorgte. Die vielfäl­tigen vokalen Ansprüche an ihre Partien sind bei Sopra­nistin Hasti Molavian, Altistin Ileana Mateesu und Tenor Hannes Brock bestens aufge­hoben. Die Schau­spieler Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Andreas Beck und Raafat Daboul als überdi­men­sio­nales Gehirn schlüpfen souverän in diverse Rollen und etliche fanta­sie­volle Kostüme.

Angesichts des in vierzehn meist deutlich vonein­ander abgegrenzten Teilen zerstü­ckelten Stücks leuchtet es nicht so recht ein, warum der ohnehin immer wieder unter­bro­chene Fluss der Musik durch eine Pause zerrissen werden könnte. So haben die Zuschauer zwar Gelegenheit, jederzeit den Raum für indivi­duelle Pausen zu verlassen, was aber angesichts der starren Bestuhlung für einige Unruhe sorgt.

Das Premieren-Publikum zeigt sich von der Bilder- und Klangflut überwältigt und reagiert entspre­chend begeistert.

Pedro Obiera

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