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GESÄNGE DES SÜDENS UND DES NORDENS
(Ensemble Hirundo Maris)
Besuch am
31. Mai 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Hätten die Bewohner des hohen Nordens in Norwegen, Schweden, Finnland oder Island nicht die Musik, müssten sie sich wirklich oft ihren Traum vom Sommer malen. Da kann ihnen die Musik helfen: Ausgerechnet ein spanisch-norwegisches Quintett mit exzellenten Musikern schickt sich an, seinen Zuhörern mit einer bunten Mischung aus katalanischen, sephardischen und norwegischen Traditionals in raffinierten Arrangements einen Geschmack des nordisch herben Sommers zu präsentieren. Die Aufführung in der St. Marienkirche in Dortmunds Zentrum gibt den ungewohnten Klängen einen zusätzlich fremden, ja manchmal jenseitigen Klang, der durch die hallenähnliche Akustik des romanisch-gotischen Kirchenschiffes verstärkt wird – ein kühl-jenseitiger Musikabend im Herzen der alten Industriestadt.
Nachdem die Dortmunder von ihrem gelungenen Chorauftritt bei dem Event der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 selbst überrascht sind, führen die Überlegungen schnell zu dem Entschluss, dieses Musikfest fortzusetzen. Der rührige und erfahrene Direktor Torsten Mosgraber findet die richtigen Wege zur Stadt Dortmund, die die Grundfinanzierung sichert und örtliche Sponsoren mit ins Boot bringt. Mit seinem Programm 2017 Heimat Europa wendet sich Klangvokal dem Chorgesang in Europa zu und gibt mit Gästen aus über 30 Ländern ein buntes musikalisches Bild Europas, das von Norwegen bis Zypern reicht und Opern und Volksmusik ebenso anbietet wie sephardische Lieder und polnischen Jazz.
Ob die rauen Nordmeer-gewohnten Wikinger sich tatsächlich mit den Capri-Fischern durch das Element Wasser verbunden fühlen, müsste man beide einmal fragen. Überrascht sind viele Zuhörer in der voll besetzten Marienkirche von der Nähe und Ähnlichkeit der aufgeführten Musik. Die Harfenistin Arianna Savall beginnt den Abend mit einer Eigenkomposition zu einem gregorianischen Text und überrascht die Besucher mit ihrem hellen, weit tragenden Sopran, der sich vielfach in den Deckengewölben des Kirchenschiffes bricht. Sie begleitet sich dabei selbst auf der Tripelharfe, einem Instrument aus der walisischen Musiktradition. Kontrabass, eine Fiedel und eine äußerst zurück genommene Perkussion treten hinzu. Mit dem norwegischen Lied Benedikt und Arolilja setzt Petter Udland Johsanson das Programm fort. Sein etwas dunkler gefärbter Tenor und die norwegische Sprache verstärken bei seiner schwebenden, kaum akzentuierten Intonation den fremdartigen Klang dieses Liedes einer Königsgeschichte, die zum Schluss alle Instrumente begleiten. Mit dem katalanischen Lied El Mestre wechselt Savall den Ort und nimmt die Zuhörer in einer lebhaften Liederzählung mit nach Spanien. In leichtfüßiger Begleitung setzen Gitarre und Bass vorsichtige Akzente, bis Tenor, Gitarre und Mandoline hinzutreten und schließlich auch der Perkussion ein kleines Solo gönnen.
| Musik | ![]() |
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Auf eine sephardische Quelle greift Savall in ihrem Lied Die anmutige Jungfrau zurück, in das nach einem recht esoterischen Sologesang gegen Schluss alle Instrumente einstimmen. In einem schottischen und einem norwegischen Lied treten die Instrumente stärker in den Vordergrund, sie vereinen sich im Volkslied Am Abend im lebhaften Rhythmus zu einem fröhlichen, ausdrucksstarken Stück. Wieder erzählt ein bewegendes norwegisches Lied Die lange Schlange von Schiffen, einem König und dem Meer. In weichen Violinklängen, einem eher flächigen Harfensolo, dunklen Tonspielereien breitet sich eine nordisch-melancholische Stimmung aus, die wilden Männer wollen „segeln zum salzigen Meer“. Mit einer überraschend „zahmen“ Tarantella entlässt der erste Teil dieses nordisch-kühlen Abends die Zuhörer in eine sommerlich warme Pause in Dortmunds City.

Liebeslieder scheinen ein besonderes Genré der norwegischen Musik zu sein. Ob es Meine Astrid ist oder ein Pinselstrich voll Licht und Zärtlichkeit“, oder Liebesfantasien, die „verdorben wie der wildeste Troll“ den Träumen der Geliebten entspringen, nur selten wird die Musik leidenschaftlich oder jazzähnlich temporeich wie im Pinselstrich. Einen besonderen Akzent setzen die Musiker gegen Schluss mit einem Gebetstext von San Francesco d´Ássisi, in dem ein lebhafter Bongoklang die melancholisch-innigen Klänge der Musik von Savall vorantreibt. Mit dem bekannten katalanischen Lied Der Matrose kehrt das Programm zum verbindenden Element Wasser zurück, lässt mit der Perkussion Wellen rauschen, Kiesel rollen, Möwen schreien und den heim gekehrten Königssohn nach seiner Maid und dem Königreich suchen …
Das Hirundo Maris Ensemble mit seinen Musikern aus Norwegen und Spanien greift gern auf Alte Musik zurück und präsentiert diese auf „alten“ Instrumenten. Ihre Musik mit Liedern aus der Gregorianik, aus Schottland, Norwegen, Katalonien, Spanien und von Diaspora-Juden bietet den Zuhörern ein Programm, das quer durch das heutige Europa alte Quellen der Kelten, Schotten, Sepharden und Spanier zum Klingen bringt. In den wuchtigen Kirchenmauern von St. Marien verbreiten diese Klänge eine kühle, oft melancholische Stimmung, in der die wärmende Lebensfreude des sonnigen Südens nicht so recht aufscheinen will.
Mit einem gemeinsam mit den Zuhörern geprobten und in Dreier-Version „aufgeführten“ Wiegenlied als Zugabe endet ein musikalisch überraschender und anspruchsvoller, heißer Stadtabend, der für viele Besucher mehr kühle Atmosphäre bringt als erwartet.
Horst Dichanz