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Warten auf das Ende der Welt

LE GRAND MACABRE
(György Ligeti)

Besuch am
23. Februar 2017
(Premiere)

 

Konzerthaus Dortmund

Über das luxuriöse Projekt der Berliner Philhar­mo­niker, mit einer halbsze­ni­schen Darstellung von György Ligetis einziger Oper, Le Grand Macabre, auf Reisen zu gehen, wurde an dieser Stelle anlässlich der Premiere in der Berliner Philhar­monie bereits berichtet.

Dass die aufwändige, musika­lisch auf Hochglanz polierte und szenisch fragwürdige Produktion auch zu den Highlights des Aufent­halts der Berliner Philhar­mo­niker im Ruhrgebiet zählen darf, ist zweifach bemer­kenswert. Da fällt einer­seits die Aufge­schlos­senheit des Publikums ins Auge, das beide Auffüh­rungen im Dortmunder Konzerthaus und in der Essener Philhar­monie mit vollen Häusern goutierte und anderer­seits die Bereit­schaft der beiden Konzert­in­ten­danzen, auf höchstem Niveau zusam­men­zu­ar­beiten, um das Spitzen­or­chester mit attrak­tiven Programmen, zu denen auch die Vierte und Sechste Symphonie Gustav Mahlers gehören, an die Ruhr zu locken.

Angesichts des Renommees der Berliner Philhar­mo­niker ist der Begriff „RuhrRe­sidenz“ in diesem Fall nicht zu hochge­griffen. Regio­nal­po­li­tisch verbirgt sich dahinter der Versuch, mit gemein­samen Projekten ein wenig den Gemein­schafts­geist der Ruhrge­biets­städte zu stärken. Denn um den ist es trotz Initia­tiv­kreise und großer städte­über­grei­fender Festivals wie der Ruhrtri­ennale und dem Klavier­fes­tival Ruhr immer noch nicht gut bestellt. Das Kirch­tums­denken vieler Stadt­väter in der mit über fünf Millionen Einwohnern reich bestückten Region ist noch längst nicht überwunden.

Keine Gerin­geren als die Berliner Philhar­mo­niker unter ihrem Chefdi­ri­genten Simon Rattle bringen also derzeit Glanz in die benach­barten Konzert­häuser. Nach der Premiere in der Berliner Philhar­monie konnte man sich jetzt auch im Dortmunder Konzerthaus von den Quali­täten des bizarren Stücks überzeugen, bevor es in der Essener Philhar­monie wiederholt wird. Für das Essener Publikum ist das 1978 urauf­ge­führte Werk kein Neuland. Vor zwei Jahren stand es im Aalto-Theater auf dem Programm. Und zwar in einer kompletten Insze­nierung von Mariame Clémont, der Peter Sellars mit seiner halbsze­ni­schen Lösung nicht allzu viel entge­gen­setzen kann.

POINTS OF HONOR

Musik    
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Wenn dennoch von einer Stern­stunde gesprochen werden kann, dann ist es dem erstklas­sigen Gesangs­en­semble, den Berliner Philhar­mo­nikern und natürlich Simon Rattle zu verdanken, der jede Schat­tierung der brillanten Partitur zum Leuchten und die stilis­ti­schen Wechsel­bäder mit entwaff­nender Souve­rä­nität und äußerster Sensi­bi­lität zum Klingen zu bringen vermag. Ob die überwäl­ti­gende Steigerung der Passa­caglia, ob die weltent­rückte Final-Fuge, ob die ätheri­schen Klänge des liebes- und todes­süch­tigen Liebes­paars oder die bedroh­liche Aggres­si­vität der Mescalina. Die orches­trale Umsetzung ist ebenso sensa­tionell wie das Niveau des ausnahmslos erstklas­sigen Ensembles.

Le Grand Macabre ist ein grotesker Totentanz „aus dem Breughelland“, basierend auf Michel Ghelderodes Schau­spiel La Balade de Grand Macabre, entstanden im Sog des so genannten Dritten Reiches. Der Höllen­fürst Nekrotzar entsteigt der Unterwelt, um den Menschen den Untergang der Welt anzukün­digen. Er trifft auf eine illustre Gesell­schaft, in der Macht, Alkohol, Aberglauben, Sexua­lität und Liebe kuriose Blüten treiben. Es entstehen Unter­gangs­sze­narien, aber die Welt kommt noch einmal davon. Der Untergang fällt zwar aus. Doch, so heißt es in der Schluss-Fuge: „Irgendwann kommt er, doch nicht heut. Und wenn er kommt, dann ist’s soweit. Lebet wohl so lang in Heiterkeit.“

Foto © Monika Rittershaus

Die Ambivalenz zwischen bedroh­licher Hinter­grün­digkeit und slapstick­hafter Bizarrie prägt die Atmosphäre der Vertonung. Peter Sellars hängt die Bedrohung der Welt an der Umwelt­ver­schmutzung auf und lässt im Hinter­grund Bilder und Videos diverser Umwelt­ka­ta­strophen über die Leinwand flimmern. Das Orchester ist von Giftfässern umstellt. Als Spiel­fläche steht nur ein schmaler Pfad an der Vorder­bühne zur Verfügung. Die Welt befindet sich bei Sellars im Ausnah­me­zu­stand. Schutz­anzüge und ein Klinikbett beherr­schen die Optik. Dabei verliert Sellars freilich die grotesken Züge aus den Augen. Wenn die Geheim­dienst­chefin ihre dunklen Visionen im Krankenbett mit expres­sivem Nachdruck dekla­miert, bekommt die Produktion eine pathe­tische Schlag­seite, als beklage Amfortas seine Leiden. Dass das im Rahmen der atomaren Hochrüstung entstandene Werk als klingende Vertiefung der These Dürren­matts zu verstehen ist, angesichts der selbst­zer­stö­re­ri­schen Umstände käme uns „nur noch die Komödie“ bei, wird vernach­lässigt. Im Kontext mit der Bilderflut auf den Leinwänden erhält das Stück einen geradezu dokumen­ta­ri­schen und damit alles andere als werkdien­lichen Anstrich.

Dem gesang­lichen Niveau tut das alles keinen Abstrich. Grandios Pavlo Hunka als großprot­ziger Nekrotzar, sehr kulti­viert Peter Hoare als Piet vom Fass, virtuos der Counter­tenor Anthony Roth Costanzo als hasen­fü­ßiger Fürst Gogo, belcan­tis­tisch schön singend das Liebespaar mit Anna Prohaska und Ronnita Miller, eindringlich Audrey Luna als Geheim­dienst­chefin und auf gleichem Niveau alle anderen Sänger, nicht zuletzt der Berliner Rundfunkchor. Weitere Details sind der Bespre­chung der Berliner Produktion zu entnehmen.

Das Publikum im nahezu ausver­kauften Dortmunder Konzerthaus folgt der zweiein­halb­stün­digen Aufführung mit gebannter Konzen­tration. Nur wenige suchen in der Pause das Weite.

Pedro Obiera

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