Auf den Spuren geistlicher und weltlicher Poesie

KARL IV UND DAS GOLDENE PRAG
(Schola Grego­riana Pragensis)

Besuch am
13. Juni 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Klang­vokal Musik­fes­tival Dortmund, St. Marienkirche

Die Zuhörer, die an diesem warmen Sommer­abend die St. Marien­kirche in Dortmund Mitte fast vollständig füllen, wissen offen­sichtlich, worauf sie sich einge­lassen haben. Geist­liche Lieder wie Volk Gottes, freue dich fromm an diesem Tag oder die Predigt des hl. Augus­tinus stehen neben Liebrei­zendes Engelchen und Ein Bündel Myrrhe auf dem Programm. Die Schola Grego­riana Pragensis tritt in weißen Kapuzen­kutten wie eine Gruppe von Mönchen auf, doch Habit und Gestus führen in die Irre. Die achtköpfige Sänger­gruppe aus Prag, 1987 von ihren Leiter David Eben gegründet, nebst dem einzigen weiblichen Mitglied, der Sängerin Barbora Kabátková, besteht aus profes­sio­nellen Sängern, deren Nähe zum Kloster nicht größer ist als die der zuhörenden Besucher.

Kein feier­liches Gelübde vereint dieses Ensemble, ihre Liebe zu und die Erfahrung mit grego­ria­ni­scher Musik aus Böhmen, Frank­reich und Deutschland und die Initiative von David Eben haben sie zusam­men­ge­führt. Mit Anregungen aus der böhmi­schen Choral­tra­dition und einer „semio­lo­gi­schen“, einer sinnent­spre­chenden Inter­pre­tation des grego­ria­ni­schen Chorals versuchen sie gemeinsam, der damals üblichen, noch recht ungenauen Notation von Musik mit Hilfe der Neumen ein zeitge­mäßes Klang­leben einzu­hauchen. Mit viel Erfolg, wie der Abend zeigt.

In sieben Themen­gruppe, von „Karl und Frank­reich“ über „Karl und die höfische Lyrik“ bis zur abschlie­ßenden „Aufer­stehung“ erklingen Gesänge, die sich den unter­schied­lichsten Situa­tionen aus dem Leben des deutsch-römischen Kaisers Karl IV. zuwenden. Dabei tritt das Ensemble in ständig wechselnder Formation auf, mal solis­tisch oder in unter­schied­lichen Gruppie­rungen, von Duetten und Quartetten bis zum mehrstim­migen Chor. Kabátková unter­stützt den Chor sehr zurück­haltend auf einer gotischen Harfe oder ergänzt ihn mit ihrer wunder­schön tragenden Sopran­stimme. Mal mit sparsamen Andeu­tungen, mal in weit ausho­lenden Dirigier­be­we­gungen führt David Eben den chori­schen Klang, als wolle er die noten­ähn­lichen Neumen nachzeichnen.

Foto © Bülent Kirschbaum

Mehr noch als andere Musik­formen sind Chorkon­zerte auf den Text und sein Verstehen angewiesen. Das gilt umso mehr, wenn wie hier bei Werken aus der Grego­rianik zwischen mehreren Sprachen, also Böhmisch, Franzö­sisch Deutsch und Latei­nisch gewechselt wird. Da ist ein Programm mit Textüber­set­zungen, wie sie Klang­vokal hier anbietet, einfach notwendig. Nur mit Blicken in den Text erfahren die Zuhörer, wie sehr Karl IV. sich zur franzö­si­schen Lebens­weise hinge­zogen fühlt, wenn er vom „Volk Gottes“ spricht, von seiner Marien­ver­ehrung bei „Einzige Jungfrau, himmli­sches Licht, Tempel Gottes…“ oder “reiner Edelstein“. Doch Karl und die Gesell­schaft „bei Hofe“ hatten auch Augen für die sinnlich-weltliche Seite des Hoflebens. Ein herrliches Terzett mit Sopran und zwei Tenören schwärmt in einem mehrstim­migen Satz ganz weltlich-diesseitig vom „so holden Körper“, „dem wahren Saphir“, ja „dem Smaragd der Wonne“, der alle Leiden heilen kann.

Mit der Expres­si­vität  des Gesangs gehen chorische und solis­tische Darbie­tungen eher sparsam um. Selten animiert David Eben seinen Chor zu einem Forte, zu mehr Dynamik – es ist ein nahezu gleich­blei­bender Klang, der das Kirchen­schiff füllt. Lediglich bei de Machauts foy porter treten die Sänger mit einem anderen Klang und eher abgeris­senen Melodie­bögen auf, verwenden später aber auch Rezitativ-ähnliche Passagen. Wenn der Lobgesang auf eine „glorreiche Lanze“ erklingt, treten Chor und Solist in einen fast träume­risch-mysti­schen Wechsel­gesang. In der „höfischen Lyrik“ gesteht Karl ganz offen „Ach Gott, welch Lust steht bei Frauen bereit.“

Als ergrei­fender Abschluss erklingt, von Sopran und Harfe betont, das auch heute noch gesungene Christ ist erstanden … und unter­streicht noch einmal den oft ruhig-medita­tiven Charakter dieses Abends, der vor allem Liebhaber und Kenner berühren dürfte. Erst nach einer lebhaften Zugabe gibt das ernst-konzen­trierte Publikum seine Zurück­haltung auf und lässt sich bei dankbarem Beifall zu einigen bravi hinreißen.

Horst Dichanz

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