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ANIMA ETERNA – IMMERSEEL – CHRISTOPH & JULIAN PRÉGARDIEN
(Jos van Immerseel, Christoph und Julian Prégardien)
Besuch am
1. Juni 2017
(Uraufführung)
Zum 40. Mal finden die Dresdner Musikfestspiele statt. Intendant Jan Vogler hat für dieses Jahr das Motto Licht ausgegeben. „Licht ist das Lebenselixier der Menschheit, es ist aber auch ein Symbol für Aufklärung, Freiheit, Transparenz und Energie“, sagt er in seinem Grußwort. Und „Lichtgestalten“ der klassischen Musik sollen es auch sein, die dem Dresdner Publikum und seinen Gästen ein zeitloses Angebot an Orchesteraufführungen, Kammermusiken, Solo-Auftritten und ungewöhnlichen Formaten in der Zeit vom 10. Mai bis zum 10. Juni präsentieren. Das 1978 per Regierungsdekret ins Leben beförderte Festival überstand nicht nur die Wiedervereinigung, sondern scheint heute besser aufgestellt denn je. Und das ist gut so. Denn Vogler hat seine Ziele hochgesteckt, jedenfalls weit über das musikalische Ereignis hinaus. Er will „Dresdens Attraktivität als weltoffene, vielfältige und lebendige Kulturmetropole nachhaltig stärken und zur wichtigsten Kraft Deutschlands in der internationalen Festival-Landschaft machen“. Solche Menschen kann Dresden derzeit gut gebrauchen.
Um das Festival in der Stadt zu implementieren, ist es auf sage und schreibe 22 Spielstätten verteilt. Eine davon ist die Frauenkirche. Hier kommen an diesem Abend zusammen: das Orchester Anima Eterna Brügge unter Leitung von Jos van Immerseel, die Tenöre Christoph und Julian Prégardien sowie die Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland. Vater und Sohn Prégardien haben gemeinsam mit van Immerseel ein Programm erarbeitet, von dem sie zu Beginn des Abends wohl selbst nur eine Ahnung haben, dass es in dem Kirchenbau funktionieren könnte. Ein ähnliches Programm hatte es bereits zuvor in Salzburg gegeben, eine Mischung aus Monteverdi-Musik und Schubert-Liedern. Das war erfolgreich. Jetzt kaprizieren sie sich auf Monteverdi und werden damit schlüssiger. Monteverdi hat nicht, wie immer wieder zu lesen ist, die Oper erfunden. Sein Verdienst war durchaus größer. Der Komponist hat den Rollen Charaktere oder psychologische Tiefe verliehen. Und damit der Oper zum Durchbruch zu einem Massenpublikum verholfen. Was also liegt näher, als das dem Publikum von heute zu vermitteln? Prégardien und van Immerseel legen genau darauf sehr viel Wert und haben deshalb kein reines Arienprogramm zusammengestellt, sondern eine Mischung geschaffen aus Arien und Madrigalen.
Ein Glücksfall ist dabei die Wahl des Aufführungsortes. Die Frauenkirche gilt als Sinnbild des protestantischen Kirchenbaus. „Hier findet das evangelische Glaubens- und Gottesdienstverständnis eine architektonische Umsetzung“. Sieben Eingänge führen in den Kirchraum. Damit verbreitete Architekt George Bähr die Botschaft: „Alle Menschen sind gleichermaßen willkommen“. Gibt es bei Predigten Schwierigkeiten mit der Akustik, die mit Hilfe der Mikrofontechnik ausgeglichen werden können, scheint es, als sei die Kirche nur für die Musik von Monteverdi erbaut.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Mit einem Text aus dem 16. Jahrhundert von Torquato Tasso startet die gefühlvolle Reise in die Vergangenheit: Il Combattimento di Tancredi e Clorinda aus Madrigali guerrieri et amorosi gibt den drei Sängern erste Gelegenheit sich vorzustellen. Mit einem wunderbar sanften, allmählich verwehenden S’apre il ciel: io vado in pace – Der Himmel tut sich auf, ich geh in Frieden – zeigt Kielland schon einmal, was in dieser Akustik möglich ist. Das Stimmen der Lyra ist Julian Prégardien ein eigenes, harmloses Liedchen aus dem siebten Madrigalbuch Monteverdis wert, weil es einfach schön klingt. Mit der Wehklage der Titelfigur aus der Oper L’Arianna begeistert Kielland nicht nur das Publikum, sondern verdeutlicht auch die Absicht und Leistung des Reformers Monteverdi. Der war es leid, dass seinen Kollegen die Texte lediglich dem schönen Klang dienten, und versuchte, die Bedeutung von Musik und Text gleichzustellen. Das konnte dann auch schon mal zu einer gewissen Monotonie führen. Kielland versteht es, die Spannung im Lamento zu halten.
Die Akustik der Frauenkirche zeichnet sich nicht nur in der Feinheit des Klangs aus, sondern funktioniert auch in der anderen Richtung. Bei der Arie Dormo ancora a son desto? aus Il ritorno d’Ulisse in patria stellt Christoph Prégardien sein eindrucksvolles Stimmvolumen unter Beweis. Ein Brausen erfüllt die Kirche. Fabelhaft. Da braucht es keines Bühnenbildes mehr, um die Emotionen zu unterstreichen. Steigern lässt sich das nur noch im Duett. Bei O padre sospirato – o figlio desiato spürt man die Freude von Vater und Sohn, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Unterstrichen wird der hervorragende Gesamteindruck des Abends von der Textverständlichkeit der drei Ausnahme-Sänger.
Das elfköpfige Orchester Anima Eterna unterstützt die gesanglichen Leistungen perfekt. Sein musikalischer Leiter, Jos van Immerseel, konzentriert sich auf sein Spiel am sizilianischen Cembalo und der Orgel, kann sich ganz auf die Leistung jedes einzelnen im Team verlassen. Für das überzeugende Ergebnis ausgiebiger Probenarbeit stehen unter anderem Wim Maeseele an der Theorbe und Marjan de Haer an der Harfe.
Das Publikum ist entzückt und applaudiert nachhaltig. Es hat an diesem Abend ein Monteverdi-Fest erlebt. Und die Feier des 450. Geburtstags des Barockkomponisten geht weiter. Das Konzert ist Ende kommenden Monats noch einmal auf Herrenchiemsee zu erleben.
Michael S. Zerban