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Foto © Christina Georgiadou

Das ganz normale Leben

CLEAN CITY
(Anestis Azas, Prodromos Tsinikoris)

Besuch am
21. Juli 2017
(Premiere)

 

Asphalt-Festival Düsseldorf, Alte Farbwerke, Halle 29

2012 erreichte die „griechische Finanz­krise“ ihren Höhepunkt. In deutschen Medien war viel zu lesen, zu hören und zu sehen über die Äußerungen deutscher Politiker, über Entschei­dungen der Europäi­schen Union oder deren Fehlen, über Panik­stimmung in Griechenland und über reiche Griechen, die dem Land den Rücken gekehrt hatten. Irgendwie erschien das alles unecht. Man kann kein Land an den Pranger stellen. Da stimmt irgend­etwas nicht. Zur gleichen Zeit zogen Rechts­extreme – unbeachtet von den deutschen Medien – durch Athen und machten Jagd auf Migranten, um „das Land zu säubern“.

Was das Fernsehen nicht erzählte, waren die Geschichten über die Menschen in Griechenland. Die zufällig dort Geborenen oder die Zugewan­derten. Während deutschen Fernseh­zu­schauern schon der Kopf schwirrte vor lauter, ständig wieder­holten Millio­nen­zah­lungen, wurde nicht einmal ansatz­weise deutlich, was das Gescha­chere für die Bevöl­kerung bedeutete. Man muss hier nicht den Begriff Lügen­presse bemühen; es reicht völlig festzu­stellen, dass die Medien längst nicht mehr die vierte Säule des Staats­ap­pa­rates bilden, die die Stand­fes­tigkeit von Exekutive, Judikative und Legis­lative beständig überprüfen, indem sie darüber berichten. Gerade die öffentlich-recht­lichen Sende­an­stalten, also die, die die Bürger gezwungen sind zu finan­zieren, haben sich längst zum Verlaut­ba­rungs­organ der Regierung gemacht. Und fühlen sich dabei so wohl, dass sie nicht einmal mehr die Kritik an ihnen verstehen.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Wer das immer noch nicht verstehen will und gläubig ohnmächtig die Nachrich­ten­sen­dungen verfolgt, darf auf einen Besuch von Clean City nicht verzichten. Im vergan­genen Jahr in Athen urauf­ge­führt, reist das Stück inzwi­schen über die Bühnen Europas – quasi als Gegen­entwurf zur medialen Bericht­erstattung. Und wieder einmal darf man froh sein, dass im Theater Platz ist für die Meinung der anderen.

Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris entstammen der Tradition von Rimini Protokoll und damit dem dokumen­ta­ri­schen Theater. Bei ihnen gerät die im Übrigen liebevoll gestaltete Bühne von Eleni Stroulia vor den Fakten in den Hinter­grund. Da gibt es verschiedene Haushalte zu sehen, in denen die Putzauf­gaben der Protago­nis­tinnen verdeut­licht werden. Denn hier geht es nicht um Millionen oder Milli­arden Euro, die zwischen Staaten verschoben werden, sondern um die Schicksale derer, die von Rechts­extre­misten im eigenen Land gejagt werden. Um die Einwan­derer und ihre Geschichten. Konkret: Um fünf Putzfrauen, die aus ihrem Leben erzählen.

Die Sängerin, die es aus dem Russi­schen verschlagen hat, die Archi­tektin von den Philip­pinen, die Dozentin aus Albanien, die Ehefrau aus Südafrika oder die männer­ver­wöh­nende Bulgarin haben ihre Perspek­tiven aufge­geben, um ein besseres Leben zu finden. Sie haben ihre soziale Stellung gegen einen Lebens­traum einge­tauscht. Das ist legitim und mutig. Als ihr Leben in den Herkunfts­ländern zusam­men­brach, haben sie sich auf teils abenteu­er­lichen Wegen aufge­macht, um in eine bessere Zukunft einzu­tauchen. Sie sind die Frauen, die tatsächlich für die Sauberkeit in griechi­schen Wohnungen und damit im Land sorgen.

Abwech­selnd berichten sie aus ihren Biografien. Was es bedeutet, ohne gültige Papiere in einem Land zu leben, das ihnen auf keinen Fall Gleich­be­rech­tigung einräumen will. Wo sich Arbeit­geber als Herren­men­schen aufführen. Was „Krise“ tatsächlich bedeutet: Die Reichen stoßen sich gesund, für die Masse der Durch­schnitts­ver­diener verschlechtern sich die Umstände, für die Armen gerät sie zur existen­zi­ellen Gefahr. Und während die Kraft im täglichen Überle­bens­kampf schwindet, ziehen die Kinder weiter, um woanders ihr Glück zu suchen.

Foto © Christina Georgiadou

Lauretta Macauley, Rositsa Panda­lieva, Fredalyn Resur­recion, Drita Shehi und Valentina Ursache sprechen nur selten mit Bitterkeit; es reicht, was sie berichten, um zwei Dinge zu erkennen: Dieses Leben findet nicht in Griechenland statt, sondern in irgend­einem Land dieser Welt. Und Aufgeben gilt nicht. Trotzig und mit Freude im Herzen wird weiter zur Musik von Panagiotis Manoulidis gesungen und getanzt, die Putzre­qui­siten immer an der Frau. Wo immer sie auftreten, geben sie ihre Geschichten in einem griechisch-engli­schen Gemisch zum Besten, die Übertitel in der jewei­ligen Landes­sprache müssen es richten. Nikos Pastras hat die Projek­tionen einge­richtet, die Jugend­bilder, Bilder der Kinder, aber auch ergän­zende Texte zeigen. Stroulia hat gleichsam für die Kostüme gesorgt. So beginnen die Damen in Putzkitteln, aus denen sie sich im Lauf der Handlung befreien. Ihr Selbst­be­wusstsein ist trotz aller Ungerech­tig­keiten gewachsen. Schließlich haben sie nicht nur ihr Leben gemeistert und ihre Kinder bei allen Widrig­keiten großge­zogen, sondern auch dafür gesorgt, dass Griechenland sauber bleibt. Und sie haben es letztlich sogar bis auf die Theater­bühne geschafft, wie sie ihren Kindern stolz via Skype berichten können.

Azas und Tsinikoris haben ein Stück geschaffen, das den Finger in die Wunden unserer Zeit legt, aber nicht hoffnungslos macht. Der warmherzige Humor und die Ironie, die die Damen an den Tag legen, sorgen für den nötigen Unter­hal­tungswert, die Nachdenk­lichkeit wird später kommen. Das Publikum im überfüllten Probenraum der Bürger­bühne spendet ausgie­bigen Applaus, ehe es sich – zumindest in Teilen – auf den Weg zum nächsten Höhepunkt des Abends macht.

Nach dem Hinweis, dass das anschlie­ßende Konzert nicht ohne die Gäste aus den Alten Farbwerken beginnen werde, geht es in aller Ruhe hinüber zum Weltkunst­zimmer, wo vor der Glashalle bereits etliche Menschen auf Einlass warten. Nachdem der Saal buchstäblich bis auf den letzten Platz gefüllt ist, nehmen Omer Klein am Klavier und Haggai Cohen-Milo am Kontrabass ihre Plätze ein. Aber während die „Grenz­gänger des World-Jazz“ hervor­ra­gende Impro­vi­sa­tionen präsen­tieren, sind die Gedanken doch noch bei den Schick­salen der griechi­schen Säube­rungs­ko­lonne. Besser kann Theater nicht sein.

Eine weitere und letzte Aufführung von Clean City gibt es am Samstag, dem vorletzten Tag des Festivals.

Michael S. Zerban

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