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CLEAN CITY
(Anestis Azas, Prodromos Tsinikoris)
Besuch am
21. Juli 2017
(Premiere)
2012 erreichte die „griechische Finanzkrise“ ihren Höhepunkt. In deutschen Medien war viel zu lesen, zu hören und zu sehen über die Äußerungen deutscher Politiker, über Entscheidungen der Europäischen Union oder deren Fehlen, über Panikstimmung in Griechenland und über reiche Griechen, die dem Land den Rücken gekehrt hatten. Irgendwie erschien das alles unecht. Man kann kein Land an den Pranger stellen. Da stimmt irgendetwas nicht. Zur gleichen Zeit zogen Rechtsextreme – unbeachtet von den deutschen Medien – durch Athen und machten Jagd auf Migranten, um „das Land zu säubern“.
Was das Fernsehen nicht erzählte, waren die Geschichten über die Menschen in Griechenland. Die zufällig dort Geborenen oder die Zugewanderten. Während deutschen Fernsehzuschauern schon der Kopf schwirrte vor lauter, ständig wiederholten Millionenzahlungen, wurde nicht einmal ansatzweise deutlich, was das Geschachere für die Bevölkerung bedeutete. Man muss hier nicht den Begriff Lügenpresse bemühen; es reicht völlig festzustellen, dass die Medien längst nicht mehr die vierte Säule des Staatsapparates bilden, die die Standfestigkeit von Exekutive, Judikative und Legislative beständig überprüfen, indem sie darüber berichten. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, also die, die die Bürger gezwungen sind zu finanzieren, haben sich längst zum Verlautbarungsorgan der Regierung gemacht. Und fühlen sich dabei so wohl, dass sie nicht einmal mehr die Kritik an ihnen verstehen.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Wer das immer noch nicht verstehen will und gläubig ohnmächtig die Nachrichtensendungen verfolgt, darf auf einen Besuch von Clean City nicht verzichten. Im vergangenen Jahr in Athen uraufgeführt, reist das Stück inzwischen über die Bühnen Europas – quasi als Gegenentwurf zur medialen Berichterstattung. Und wieder einmal darf man froh sein, dass im Theater Platz ist für die Meinung der anderen.
Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris entstammen der Tradition von Rimini Protokoll und damit dem dokumentarischen Theater. Bei ihnen gerät die im Übrigen liebevoll gestaltete Bühne von Eleni Stroulia vor den Fakten in den Hintergrund. Da gibt es verschiedene Haushalte zu sehen, in denen die Putzaufgaben der Protagonistinnen verdeutlicht werden. Denn hier geht es nicht um Millionen oder Milliarden Euro, die zwischen Staaten verschoben werden, sondern um die Schicksale derer, die von Rechtsextremisten im eigenen Land gejagt werden. Um die Einwanderer und ihre Geschichten. Konkret: Um fünf Putzfrauen, die aus ihrem Leben erzählen.
Die Sängerin, die es aus dem Russischen verschlagen hat, die Architektin von den Philippinen, die Dozentin aus Albanien, die Ehefrau aus Südafrika oder die männerverwöhnende Bulgarin haben ihre Perspektiven aufgegeben, um ein besseres Leben zu finden. Sie haben ihre soziale Stellung gegen einen Lebenstraum eingetauscht. Das ist legitim und mutig. Als ihr Leben in den Herkunftsländern zusammenbrach, haben sie sich auf teils abenteuerlichen Wegen aufgemacht, um in eine bessere Zukunft einzutauchen. Sie sind die Frauen, die tatsächlich für die Sauberkeit in griechischen Wohnungen und damit im Land sorgen.
Abwechselnd berichten sie aus ihren Biografien. Was es bedeutet, ohne gültige Papiere in einem Land zu leben, das ihnen auf keinen Fall Gleichberechtigung einräumen will. Wo sich Arbeitgeber als Herrenmenschen aufführen. Was „Krise“ tatsächlich bedeutet: Die Reichen stoßen sich gesund, für die Masse der Durchschnittsverdiener verschlechtern sich die Umstände, für die Armen gerät sie zur existenziellen Gefahr. Und während die Kraft im täglichen Überlebenskampf schwindet, ziehen die Kinder weiter, um woanders ihr Glück zu suchen.

Lauretta Macauley, Rositsa Pandalieva, Fredalyn Resurrecion, Drita Shehi und Valentina Ursache sprechen nur selten mit Bitterkeit; es reicht, was sie berichten, um zwei Dinge zu erkennen: Dieses Leben findet nicht in Griechenland statt, sondern in irgendeinem Land dieser Welt. Und Aufgeben gilt nicht. Trotzig und mit Freude im Herzen wird weiter zur Musik von Panagiotis Manoulidis gesungen und getanzt, die Putzrequisiten immer an der Frau. Wo immer sie auftreten, geben sie ihre Geschichten in einem griechisch-englischen Gemisch zum Besten, die Übertitel in der jeweiligen Landessprache müssen es richten. Nikos Pastras hat die Projektionen eingerichtet, die Jugendbilder, Bilder der Kinder, aber auch ergänzende Texte zeigen. Stroulia hat gleichsam für die Kostüme gesorgt. So beginnen die Damen in Putzkitteln, aus denen sie sich im Lauf der Handlung befreien. Ihr Selbstbewusstsein ist trotz aller Ungerechtigkeiten gewachsen. Schließlich haben sie nicht nur ihr Leben gemeistert und ihre Kinder bei allen Widrigkeiten großgezogen, sondern auch dafür gesorgt, dass Griechenland sauber bleibt. Und sie haben es letztlich sogar bis auf die Theaterbühne geschafft, wie sie ihren Kindern stolz via Skype berichten können.
Azas und Tsinikoris haben ein Stück geschaffen, das den Finger in die Wunden unserer Zeit legt, aber nicht hoffnungslos macht. Der warmherzige Humor und die Ironie, die die Damen an den Tag legen, sorgen für den nötigen Unterhaltungswert, die Nachdenklichkeit wird später kommen. Das Publikum im überfüllten Probenraum der Bürgerbühne spendet ausgiebigen Applaus, ehe es sich – zumindest in Teilen – auf den Weg zum nächsten Höhepunkt des Abends macht.
Nach dem Hinweis, dass das anschließende Konzert nicht ohne die Gäste aus den Alten Farbwerken beginnen werde, geht es in aller Ruhe hinüber zum Weltkunstzimmer, wo vor der Glashalle bereits etliche Menschen auf Einlass warten. Nachdem der Saal buchstäblich bis auf den letzten Platz gefüllt ist, nehmen Omer Klein am Klavier und Haggai Cohen-Milo am Kontrabass ihre Plätze ein. Aber während die „Grenzgänger des World-Jazz“ hervorragende Improvisationen präsentieren, sind die Gedanken doch noch bei den Schicksalen der griechischen Säuberungskolonne. Besser kann Theater nicht sein.
Eine weitere und letzte Aufführung von Clean City gibt es am Samstag, dem vorletzten Tag des Festivals.
Michael S. Zerban