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Foto © Mona Kakanj

In Ehrfurcht erstarrt

GOLA
(Reut Shemesh)

Besuch am
15. Juli 2017
(Urauf­führung)

 

Asphalt-Festival, Alte Farbwerke, Halle 29

Die Alten Farbwerke bilden das zweite Zentrum des Asphalt-Festivals dieses Jahres. Im 19. Jahrhundert als Werk und Verwaltung der Verei­nigten Farbwerke erbaut, werden die heute teils denkmal­ge­schützten Gebäude auf dem Fabrik­ge­lände im Stadtteil Flingern als Büros, Lofts, Lager- und Produk­ti­ons­flächen genutzt. Aber auch die Kultur hat hier Einzug gehalten. Mit der Theater­kantine findet sich in Halle 29 einer der attrak­tivsten Veran­stalter Düssel­dorfs. Auf Eintritts­karten muss man inzwi­schen vier Monate warten. Unmit­tel­barer Nachbar der Theater­kantine ist seit dem Frühjahr die Düssel­dorfer Bürger­bühne mit einer Probe­bühne, die sich auch als Auffüh­rungsort eignet.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Hier findet die Urauf­führung mit dem etwas sperrigen Titel Gola – A Ceremony on Behalf of a Missing Affinity statt. Also etwa eine Zeremonie im Auftrag einer fehlenden Geistes­ver­wandt­schaft. Für Gola findet sich keine nähere Erläu­terung. Da es hier wohl kaum um den briti­schen Sport­ar­ti­kel­her­steller geht, wird man den Begriff am ehesten mit dem Babylo­ni­schen Exil der jüdischen Geschichte in Verbindung bringen. Dies mögli­cher­weise auch im Rückgriff auf die Biografie der Choreo­grafin Reut Shemesh, die in Israel geboren und aufge­wachsen ist. Heute lebt sie in Köln und gilt als eine der inter­es­san­testen Nachwuchs­ta­lente im zeitge­nös­si­schen Tanz. Sie selbst sieht ihre Arbeit im Spannungsfeld Visueller Kunst und Poesie.

Schwarze Tinten­flecke auf weißer Fläche schaffen das Corporate Design, also das einheit­liche Erschei­nungsbild, der Choreo­grafie. Davon zeugt schon ein Banner, das über dem Eingang zur Proben­bühne aufge­hängt ist, vor dem die Besucher sich unver­ständ­li­cher­weise und ohne weitere Erläu­te­rungen der Veran­stalter eine Viertel­stunde lang die Beine in den Bauch stehen müssen. Gleicher­maßen sind die Kostüme wie auch die Fahnen von Santiago Alvarez gestaltet. Die Bühne hat Ronni Shendar in schmuck­losem Schwarz ausge­schlagen. Von den Traversen strahlt schlichtes, weißes Licht. Ein Raum im Nichts. Die hier gezeigte Zeremonie kann überall und immer stattfinden.

Mit Fahnen ausge­stattet, bauen sich die vier Tänzer Peter Hastik, Freddy Hounder­kindo, Reut Shemesh und Karoline Strys in einer Reihe auf – und erstarren in Ehrfurcht. Über einen gefühlt sehr langen Zeitraum. Momente des Still­standes gehören zu einer Zeremonie, sei es, um andere Teile der Feier vorbe­reiten zu können, sei es, um zu einer inneren Einkehr zu finden. Für den Zuschauer sind sie anstrengend. Zumal die Szene in der gut einstün­digen Aufführung immer wieder eintritt und auch völlig emoti­onslos gehalten ist. Starre Gesichtszüge verraten nichts über die Einstellung der Teilnehmer, das Fehlen jeder Bewegung ist unerfreulich im Sinne einer Weiter­ent­wicklung. Gern hätte Shemesh das Publikum weiter in die Aufführung einbe­zogen. Aller­dings ist die Bitte an die Besucher, doch gleich­falls ein weißes T‑Shirt zu tragen, auf eine Postkarte gedruckt, die die meisten Anwesenden wohl erst unmit­telbar vor Beginn der Aufführung zum ersten Mal sehen. Und das ist gut so. Eine Zeremonie im Sinne eines öffent­lichen Rituals, das etwa eine politische oder religiöse Haltung verkörpert, ist nicht jeder­manns Sache. Und so geht es schon arg an die Grenze des Erträg­lichen, wenn die Besucher aufge­fordert werden, sich zu einer Schwei­ge­minute zu erheben, und erst recht, wenn ein Mädchen auf der Bühne erscheint und das Publikum erneut bittet aufzu­stehen. Diesmal, um die Natio­nal­hymne mitzusingen.

Gewiss, Zeremonien, Rituale haben ihre Berech­tigung, können ein Ereignis zu einer unver­gess­lichen Angele­genheit machen. Aber das setzt das Wissen um die Bedeutung der Feier­lichkeit und die Freiwil­ligkeit der Teilnahme voraus. Was die Tänzer auf der Bühne mit imagi­nären Aufmär­schen und teils eksta­ti­schem Fahnen­schwenken zeigen, ruft aller­dings eher Misstrauen hervor und steht in krassem Gegensatz zu dem Text, der von Shemesh stammt und kurz vor Ende von Strys – gleich­falls emoti­onslos – vorge­tragen wird. Hier wird erklärt, dass Gola „unsere“ Zeremonie ist, die „unsere“ Geschichte erzählt, nämlich die Geschichte der Wider­ständler, jener Menschen, die hinter­fragen, fühlen und von falschen Weltbildern abrücken, auch wenn sie dafür von einer Gemein­schaft ausge­schlossen werden. Den Wider­spruch löst die Choreo­grafin nicht auf.

Der Applaus zeigt in seiner Inten­sität deutlich die Begeis­terung der Besucher, Zeit zur Reflexion bleibt indes wenig. Dank der Verspätung zu Beginn fürchten etliche Besucher, zu spät zur zweiten Haupt­ver­an­staltung des Abends zu kommen, die im Weltkunst­zimmer statt­findet, und hasten davon. Bislang hat keiner der Festi­val­gäste aufgrund der Organi­sation den Beginn einer Veran­staltung verpasst. Aber das wissen die Besucher ja nicht.

Michael S. Zerban

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