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HEROES
(Radhouane El Meddeb)
Besuch am
14. Juli 2017
(Deutsche Erstaufführung)
Oberbürgermeister ist der schönste Beruf der Welt“, verkündet Thomas Geisel bei seiner kurzen und launigen Eröffnungsrede in seiner Funktion als Schirmherr des Asphalt-Festivals. Schließlich komme er gerade vom Fassanstich zur Eröffnung der größten Kirmes am Rhein, sei anschließend noch auf einem Sommerfest gewesen, um jetzt das Sommerfestival der Künste zu eröffnen. Und: Auch dieses Festival trage dazu bei, Düsseldorf zu einer Kultur-Metropole zu entwickeln. Keine hohlen Phrasen. Geisel legt sich immer wieder mächtig ins Zeug, um gleichermaßen sportliche wie kulturelle Aktivitäten in der Stadt zu stärken. Jetzt steht er auf der kleinen, überdachten Tribüne am Kopfende des „Asphalt-Paradieses“.
Das Asphalt-Paradies ist ein Hinterhof im Weltkunstzimmer, einer ehemaligen Backfabrik im Stadtteil Flingern. Heute sind hier zahlreiche Kunstateliers und ‑stätten untergebracht. Der Hinterhof ist ein schmaler Schlauch, von drei Seiten hoch ummauert und atmet postindustriellen Charme aus. Schon während der vergangenen Festivals hatte er sich immer mehr zum kommunikativen Zentrum entwickelt. In diesem Jahr haben ihn die Veranstalter erstmals bewusst so angelegt und dementsprechend erweitert. Richtig gemütlich ist es hier. Zahlreiche Sitzgelegenheiten und einige gastronomische Angebote unterstreichen das Ambiente. Schon am ersten Abend ist das Paradies sehr gut besucht, obwohl der Tag sich mal wieder überwiegend mit Regen und eher mäßigen Temperaturen zeigte. Zum Abend hin taucht sogar noch kurz die Sonne zwischen den Wolken auf. Wenn das kein gutes Zeichen ist.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Ein Signal ist sicher auch, dass der OB nach seiner Ansprache nicht mehr oder minder unauffällig von der Bildfläche verschwindet, sondern sich mit den übrigen Besuchern in die Glashalle begibt, eine der Bühnen im Weltkunstzimmer. Vor den unbequemen Hartschalensitzen der Tribüne liegt eine ebenerdige Bühne, hinter der ein großes Tor den Bereich zum Fabrikhof abschließt. An diesem Abend ist das Tor geöffnet und gibt den Blick auf Kassenbereich und Conciergerie frei. Im Gegenlicht der letzten Sonnenstrahlen bewegen sich Gestalten durch den Hof, die in ihrer Gestik eher an Zombies erinnern, aber in farbige, hautenge Ganzkörperanzüge gekleidet sind. Es handelt sich um die Mitglieder der Compagnie de Soi & le Centquatre-Paris.
Choreograf Radhouane El Meddeb will mit seinen Heroes den Straßentänzern die Reminiszenz erweisen. Also solchen Tänzern, die ohne jede Ausbildung ihre ganz eigenen Bewegungsformen entwickeln und sie in den Straßen der Stadt – oft genug ganz spontan – aufführen, egal, ob mit oder ohne Publikum. Mit präziser Beobachtung gelingt es El Meddeb, das Straßengeschehen wiederzugeben. Eine Bühnenfläche von drei mal drei Metern spiegelt den imaginären Kreis wieder, auf den die Tänzer sich auf der Straße konzentrieren. Eine Tänzerin, Annabelle Kabemba, eröffnet den Reigen mit einem zehnminütigen Solo. Als keiner der anderen Anwesenden, die sich zwischenzeitlich seitlich der Tanzfläche versammelt haben, ihr folgen will, gibt sie entnervt auf und zieht sich in den Hof zurück. Ein weiterer Tänzer erbarmt sich, zeigt ebenfalls ein zehnminütiges Solo als Robotnik. Erst, als auch er aufgeben will, schließen sich die übrigen Anwesenden an und versammeln sich auf knappem Raum.

Es entsteht ein idealtypischer Ablauf, der ins Künstlerische überhöht ist. So wird eine weitergehende Deutung möglich. Mainstream endet in eingefrorenen Gruppenskulpturen, die ihren Blick suchend in die Ferne außerhalb des Kreises richten, ohne dort eine Lösung oder ein Heil zu finden. Versuche einzelner, sich zu individualisieren, enden in Duetten, lösen sich auf, werden zu scheinbar statischen Reihen. Es gibt die Möglichkeit, den imaginären Kreis zu verlassen, die in Unsicherheiten enden. Man verlässt die Gemeinschaft nicht so einfach wie die Musik.
Olivier Renouf sorgt für die nötige Klangmischung. Beginnend mit Violinen und Celli, über Trommelwirbel bis zu eingängigen Grooves reichen die über Lautsprecher eingespielten Klänge, an die sich die Tänzer selten genug halten. Das passt zur Arrhythmie der Stadt. Atemberaubend wird es erst, wenn die Tänzer nach einer Stunde unermüdlichen Einsatzes mit Sprungfiguren beginnen. Dass sie so verschwinden, wie sie gekommen sind, bietet sich an. Daran ändert auch der versehentlich verfrühte Applaus nichts.
Der abschließende Applaus fällt umso frenetischer aus. Stehend bedanken die Besucher sich für eine elektrisierende Leistung, der sich selbst der OB nicht entziehen will. Hatte bereits die Auftaktveranstaltung eine nahezu halbstündige Verspätung, verzögert sich das folgende Nachtkonzert mit den Jewish Monkeys abermals. Zahlreiche Besucher verzichten daher darauf, weil die Temperaturen unterhalb des Erträglichen gesunken sind. Dem Beginn des Festivals schadet das nicht. Ein starker Einstieg. Und für die kommende Woche ist gutes Wetter vorhergesagt.
Michael S. Zerban