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Die Idee, die Stadt mit einem Festival zu erobern, ist so alt wie das Asphalt-Festival selbst. Aber es gibt gute Gründe, sich auf einen Ort zu konzentrieren. Das bedeutet ja nicht, dass man das Rahmenprogramm nicht durch die Stadt geistern lassen kann.
Eine ganze Stadt mit einem Festival zu bespielen, ist eine Utopie. Utopien sind ja nichts Schlechtes, solange sie verwirklichbar sind. Aber dazu braucht es einen finanziellen Aufwand, der kaum zu bewerkstelligen ist. In den ersten vier Jahren haben Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić, die Künstlerischen Leiter des Asphalt-Festivals, viel Zeit und Energie darauf verwendet, Spielstätten im ganzen Stadtgebiet zu akquirieren, um ihre Vision zu verwirklichen. Im fünften Jahr des Bestehens erfolgte eine Rückbesinnung. Was, wenn wir uns auf einen Festival-Ort konzentrieren? Die Folge wäre ein erheblich geringerer Zeitaufwand, der zugunsten eines sorgfältiger ausgewählten Festival-Programms zu Buche schlagen könnte.
Gedacht, getan. Ressourcen wurden gebündelt, das Programm hat erheblich an Qualität gewonnen, erscheint geordneter und identifikationsfähiger. Trotzdem wollten die Verantwortlichen nicht ganz darauf verzichten, sich im Stadtgebiet zu zeigen. Und während andere Festivals sich damit brüsten, zusätzliche Symposien mit bekannten Namen zu organisieren, die – sind wir ehrlich – kaum jemanden interessieren, hat das Leitungsteam des Asphalt-Festivals sich dazu entschlossen, die Reihe Kunststörer aufzulegen. Möglicherweise wäre der Name Stadtstörer passender gewesen, aber das ist irrelevant.
Ein Mannschaftswagen der Polizei rast mit Blaulicht und Martinshorn die Königsallee hoch. Seeger-Zurmühlen schreckt auf, hechtet zum Straßenrand, aber der Wagen zieht an ihm vorbei. Er wird kurze Zeit später auf der anderen Brückenseite halten. Ein zweiter Mannschaftswagen folgt, biegt auf die Fußgängerbrücke zwischen Grün- und Bastionstraße ein und hält. Ein kurzes Zwiegespräch zwischen Polizei und Seeger-Zurmühlen und die Veranstaltung kann weitergehen. Das Signal ist eindeutig: Auf der Kö wird schnell und hart durchgegriffen. Schließlich liegt schräg gegenüber ein Juwelier-Geschäft. Auf der Brücke selbst findet ein Flashmob statt. Ein Voguing-Battle. Voguing ist ein hochstilisierter, moderner Tanz, bei dem Formen und Körperhaltung von Models auf Laufstegen nachgeahmt und überspitzt wiedergegeben werden. Und im Battle, im Deutschen entschärft die Entscheidung, bestimmt das Publikum darüber, welcher der Darsteller am besten abgeschnitten hat. Das Asphalt-Festival hat ihn initiiert. Teresa Zschernig war bis zum vergangenen Jahr Ensemble-Mitglied des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf und gibt jetzt im fantasievollen Kostüm den Döner. Sie hat das Stück – nichts anderes ist es – mit acht Performern auf die Kö-Brücke gebracht. Im Kern sind das die Mitwirkenden von Voguing-Melody House, Bernhard Schmidt-Hackenberg als Hund, Heisam Abbas als Junkie und Maëlle Giovanetti, die sich als DJ Metzger stimmungsvoll verwirklicht. Nach nicht mal einer Stunde, in der es allerdings auf der Brücke hoch hergeht, steht der Gewinner fest. Düsseldorf hat sich für den Bauch und gegen die Drogen entschieden.
Schauen, staunen und mitmachen
Neben diesem herausragenden Einzelereignis gibt es aber auch eine ganze Reihe weiterer Kunststörer, die ständig in der Stadt installiert sind. In der Vorbereitung vielleicht am Aufwändigsten, weil von immenser Kommunikation mit gleich neun Behörden begleitet, dürfte die Kunst in der Alten Kämmerei gewesen sein. In dem Verwaltungsgebäude gleich gegenüber dem Rathaus bespielen Ina Weise und Juergen Staack die Innenräume gleich auf mehrfache Weise. Kräftig gespielt wird auch auf den Stadtklavieren, die in U‑Bahn-Haltestellen der Wehrhahn-Linie aufgestellt sind. Hier können die Bürger selbst den urbanen Raum mit Klängen beeinflussen. Angenehmer Nebeneffekt: Zahlreiche Passanten haben die Miniatur-Aufführungen gefilmt und als Video bei Facebook eingestellt. Das nennt man dann wohl eine preisgünstige Werbemaßnahme. Mit einer Plakatwand und dazugehöriger Internetseite schafft der Düsseldorfer Künstler Florian Kuhlmann eine hybride Installation unter dem Titel Die Metamoderne beginnt jetzt. Ausgehend von der Annahme, dass in der Metamoderne alles alles und alle nichts wissen, existiert der Begriff der Metamoderne nicht. Und deshalb will Kuhlmann sie jetzt beginnen lassen.

Aber es wird nicht nur bereits Geschaffenes zur Schau gestellt, sondern das Festival selbst ist Entstehungsort von Kunst. So besucht der Komponist und Klangkünstler Rochus Aust mit einem Klangkoffer Menschen in drei Düsseldorfer Straßen, um ihnen ein spontanes einminütiges Konzert an der Haustür zu schenken. Als Gegengeschenk erbittet Aust sodann ein Stück Musik, einen Klang, ein Geräusch. Das Ergebnis seiner Sammlung wird am vorletzten Tag des Festivals im Weltkunstzimmer zu Gehör gebracht. Auch das Ergebnis der Aktion von Natsumi Sugiyama wird man erst zum Ende des Festivals erleben können. Sie hat Düsseldorfer Bürger befragt, was mit dem Ort, an dem sie leben, verbindet. Als Ergebnis entsteht ein Grasportrait im Stadtzentrum. Nichts Gegenständliches entsteht, wenn der Künstler und praktizierende Akupunkteur die Sprechstunde seiner Praxis für Stadtakupunktur in verschiedenen Stadtteilen eröffnet. Dann bekommen die Menschen Gelegenheit, darüber zu berichten, woran ihr Viertel, in dem sie leben, krankt. Ebenfalls sollen Kinder als Stadtnomaden auf einer Stadt-Safari und in Workshops unter der Leitung von Gisèle Legionnet-Klees herausfinden, was es an der Stadt zu verbessern gibt.
Rahmenprogramm auch im Zentrum
Ria Papadopolou ist Innenarchitektin und Bühnenbildnerin. Sie schafft künstlerische Interventionen, mit denen die Orte der Kunststörer im öffentlichen Raum markiert und miteinander verbunden werden. Und damit geht es wieder zurück in die Festivalzentren. Dort sorgt sie nämlich seit dem vergangenen Jahr für die künstlerische Ausstattung, die sich in diesem Jahr überwiegend in der Farbe Gelb manifestiert. Im Weltkunstzimmer gibt es zwei weitere Punkte des Rahmenprogramms. Zum einen ist da die Fotoausstellung Ach so des Fotografen Philipp Rathmer zu sehen, die die urbanen Gegensätzlichkeiten in verschiedenen japanischen Metropolen zeigen.
Zum anderen gibt es jeden Abend ab etwa 22 Uhr ein Nachtkonzert, das sich bewusst an solche Besucher richtet, die das Hauptprogramm nicht wahrnehmen können oder wollen, sondern einfach die Atmosphäre des Festivals genießen möchten. Hier wechselt das Programm allabendlich. Und wer all diese Punkte des Rahmenprogramms abarbeitet, ist nicht nur eine ganze Weile beschäftigt, sondern hat zu diesem Zeitpunkt an Eintrittsgeldern ziemlich genau gezahlt: nichts. Damit sind Seeger-Zurmühlen und Vuletić ihrem Traum wieder ein Stückchen nähergekommen, Menschen aller Einkommensklassen den Zugang zur Kultur in ihrer Stadt zu ermöglichen.
Michael S. Zerban