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Stadtklaviere in der U-Bahn-Haltestelle - Foto © André Schuster

Alltagsstörungen

Die Idee, die Stadt mit einem Festival zu erobern, ist so alt wie das Asphalt-Festival selbst. Aber es gibt gute Gründe, sich auf einen Ort zu konzen­trieren. Das bedeutet ja nicht, dass man das Rahmen­pro­gramm nicht durch die Stadt geistern lassen kann.

Eine ganze Stadt mit einem Festival zu bespielen, ist eine Utopie. Utopien sind ja nichts Schlechtes, solange sie verwirk­lichbar sind. Aber dazu braucht es einen finan­zi­ellen Aufwand, der kaum zu bewerk­stel­ligen ist. In den ersten vier Jahren haben Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić, die Künst­le­ri­schen Leiter des Asphalt-Festivals, viel Zeit und Energie darauf verwendet, Spiel­stätten im ganzen Stadt­gebiet zu akqui­rieren, um ihre Vision zu verwirk­lichen. Im fünften Jahr des Bestehens erfolgte eine Rückbe­sinnung. Was, wenn wir uns auf einen Festival-Ort konzen­trieren? Die Folge wäre ein erheblich gerin­gerer Zeitaufwand, der zugunsten eines sorgfäl­tiger ausge­wählten Festival-Programms zu Buche schlagen könnte.

Gedacht, getan. Ressourcen wurden gebündelt, das Programm hat erheblich an Qualität gewonnen, erscheint geord­neter und identi­fi­ka­ti­ons­fä­higer. Trotzdem wollten die Verant­wort­lichen nicht ganz darauf verzichten, sich im Stadt­gebiet zu zeigen. Und während andere Festivals sich damit brüsten, zusätz­liche Symposien mit bekannten Namen zu organi­sieren, die – sind wir ehrlich – kaum jemanden inter­es­sieren, hat das Leitungsteam des Asphalt-Festivals sich dazu entschlossen, die Reihe Kunst­störer aufzu­legen. Mögli­cher­weise wäre der Name Stadt­störer passender gewesen, aber das ist irrelevant.


Ein Mannschafts­wagen der Polizei rast mit Blaulicht und Martinshorn die Königs­allee hoch. Seeger-Zurmühlen schreckt auf, hechtet zum Straßenrand, aber der Wagen zieht an ihm vorbei. Er wird kurze Zeit später auf der anderen Brücken­seite halten. Ein zweiter Mannschafts­wagen folgt, biegt auf die Fußgän­ger­brücke zwischen Grün- und Basti­on­straße ein und hält. Ein kurzes Zwiege­spräch zwischen Polizei und Seeger-Zurmühlen und die Veran­staltung kann weiter­gehen. Das Signal ist eindeutig: Auf der Kö wird schnell und hart durch­ge­griffen. Schließlich liegt schräg gegenüber ein Juwelier-Geschäft. Auf der Brücke selbst findet ein Flashmob statt. Ein Voguing-Battle. Voguing ist ein hochsti­li­sierter, moderner Tanz, bei dem Formen und Körper­haltung von Models auf Laufstegen nachgeahmt und überspitzt wieder­ge­geben werden. Und im Battle, im Deutschen entschärft die Entscheidung, bestimmt das Publikum darüber, welcher der Darsteller am besten abgeschnitten hat. Das Asphalt-Festival hat ihn initiiert. Teresa Zschernig war bis zum vergan­genen Jahr Ensemble-Mitglied des Jungen Schau­spiel­hauses Düsseldorf und gibt jetzt im fanta­sie­vollen Kostüm den Döner. Sie hat das Stück – nichts anderes ist es – mit acht Performern auf die Kö-Brücke gebracht. Im Kern sind das die Mitwir­kenden von Voguing-Melody House, Bernhard Schmidt-Hackenberg als Hund, Heisam Abbas als Junkie und Maëlle Giova­netti, die sich als DJ Metzger stimmungsvoll verwirk­licht. Nach nicht mal einer Stunde, in der es aller­dings auf der Brücke hoch hergeht, steht der Gewinner fest. Düsseldorf hat sich für den Bauch und gegen die Drogen entschieden.

Schauen, staunen und mitmachen

Neben diesem heraus­ra­genden Einzel­er­eignis gibt es aber auch eine ganze Reihe weiterer Kunst­störer, die ständig in der Stadt instal­liert sind. In der Vorbe­reitung vielleicht am Aufwän­digsten, weil von immenser Kommu­ni­kation mit gleich neun Behörden begleitet, dürfte die Kunst in der Alten Kämmerei gewesen sein. In dem Verwal­tungs­ge­bäude gleich gegenüber dem Rathaus bespielen Ina Weise und Juergen Staack die Innen­räume gleich auf mehrfache Weise. Kräftig gespielt wird auch auf den Stadt­kla­vieren, die in U‑Bahn-Halte­stellen der Wehrhahn-Linie aufge­stellt sind. Hier können die Bürger selbst den urbanen Raum mit Klängen beein­flussen. Angenehmer Neben­effekt: Zahlreiche Passanten haben die Miniatur-Auffüh­rungen gefilmt und als Video bei Facebook einge­stellt. Das nennt man dann wohl eine preis­günstige Werbe­maß­nahme. Mit einer Plakatwand und dazuge­hö­riger Inter­net­seite schafft der Düssel­dorfer Künstler Florian Kuhlmann eine hybride Instal­lation unter dem Titel Die Metamo­derne beginnt jetzt. Ausgehend von der Annahme, dass in der Metamo­derne alles alles und alle nichts wissen, existiert der Begriff der Metamo­derne nicht. Und deshalb will Kuhlmann sie jetzt beginnen lassen.

Kunst in der Alten Kämmerei – Foto © Ralf Puder

Aber es wird nicht nur bereits Geschaf­fenes zur Schau gestellt, sondern das Festival selbst ist Entste­hungsort von Kunst. So besucht der Komponist und Klang­künstler Rochus Aust mit einem Klang­koffer Menschen in drei Düssel­dorfer Straßen, um ihnen ein spontanes einmi­nü­tiges Konzert an der Haustür zu schenken. Als Gegen­ge­schenk erbittet Aust sodann ein Stück Musik, einen Klang, ein Geräusch. Das Ergebnis seiner Sammlung wird am vorletzten Tag des Festivals im Weltkunst­zimmer zu Gehör gebracht. Auch das Ergebnis der Aktion von Natsumi Sugiyama wird man erst zum Ende des Festivals erleben können. Sie hat Düssel­dorfer Bürger befragt, was mit dem Ort, an dem sie leben, verbindet. Als Ergebnis entsteht ein Graspor­trait im Stadt­zentrum. Nichts Gegen­ständ­liches entsteht, wenn der Künstler und prakti­zie­rende Akupunkteur die Sprech­stunde seiner Praxis für Stadt­aku­punktur in verschie­denen Stadt­teilen eröffnet. Dann bekommen die Menschen Gelegenheit, darüber zu berichten, woran ihr Viertel, in dem sie leben, krankt. Ebenfalls sollen Kinder als Stadt­no­maden auf einer Stadt-Safari und in Workshops unter der Leitung von Gisèle Legionnet-Klees heraus­finden, was es an der Stadt zu verbessern gibt.

Rahmen­pro­gramm auch im Zentrum

Ria Papado­polou ist Innen­ar­chi­tektin und Bühnen­bild­nerin. Sie schafft künst­le­rische Inter­ven­tionen, mit denen die Orte der Kunst­störer im öffent­lichen Raum markiert und mitein­ander verbunden werden. Und damit geht es wieder zurück in die Festi­val­zentren. Dort sorgt sie nämlich seit dem vergan­genen Jahr für die künst­le­rische Ausstattung, die sich in diesem Jahr überwiegend in der Farbe Gelb manifes­tiert. Im Weltkunst­zimmer gibt es zwei weitere Punkte des Rahmen­pro­gramms. Zum einen ist da die Fotoaus­stellung Ach so des Fotografen Philipp Rathmer zu sehen, die die urbanen Gegen­sätz­lich­keiten in verschie­denen japani­schen Metro­polen zeigen.

Zum anderen gibt es jeden Abend ab etwa 22 Uhr ein Nacht­konzert, das sich bewusst an solche Besucher richtet, die das Haupt­pro­gramm nicht wahrnehmen können oder wollen, sondern einfach die Atmosphäre des Festivals genießen möchten. Hier wechselt das Programm allabendlich. Und wer all diese Punkte des Rahmen­pro­gramms abarbeitet, ist nicht nur eine ganze Weile beschäftigt, sondern hat zu diesem Zeitpunkt an Eintritts­geldern ziemlich genau gezahlt: nichts. Damit sind Seeger-Zurmühlen und Vuletić ihrem Traum wieder ein Stückchen näher­ge­kommen, Menschen aller Einkom­mens­klassen den Zugang zur Kultur in ihrer Stadt zu ermöglichen.

Michael S. Zerban

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