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Foto © Peter Stumpf

Kinderspiele und Holztransfer

PLASTIC HEROES/​LA COSA
(Ariel Doron, Claudio Stellato)

Besuch am
16. Monat 2017
(Gastspiele)

 

Asphalt-Festival Düsseldorf

Schmud­del­sommer trifft Sonntag­abend. Keine guten Voraus­set­zungen für Tag 3 des Asphalt-Festivals. Da ziehen sich die Düssel­dorfer lieber in Biergärten zurück, um wenigstens die paar Sonnen­strahlen am Abend zu genießen und recht­zeitig wieder heimzu­kommen, um am Montag fit für die Arbeit zu sein. Aber das Publikum hat Feuer gefangen. Und so sind die Veran­stal­tungen dieses Abends überra­schend gut besucht. Und das, obwohl die Ankün­di­gungen nicht so wahnsinnig rasant daher­kommen. In Halle 29 der Alten Farbwerke, Festi­val­be­sucher wissen inzwi­schen, dass es sich hier um die Proben­bühne der Düssel­dorfer Bürger­bühne handelt, gibt es „Objekt­theater für Erwachsene“, in der Glashalle des Weltkunst­zimmers sind vier Klafter Holz für Absurdes Theater aufgebaut.

Ariel Doron ist mutig. In gerade mal 40 Minuten will er das Publikum so begeistern, dass es bereit ist, den vollen Eintritts­preis zu zahlen und anschließend nicht zu murren. Doron studierte Figuren­spiel an der Schule für Visuelles Theater in Jerusalem sowie Film an der Univer­sität von Tel Aviv. Heute zählt er zu den populärsten Puppen­spielern seiner Heimat. Der Begriff Puppen­spieler führt in die Irre. Na, irgendwie stimmt er doch.

Auf der Bühne sind ein Arbeits­platz und zwei Schein­werfer aufgebaut. An den Traversen ist eine Disco-Kugel angebracht. Der Arbeits­platz besteht aus einem mit schwarzem Tuch verhüllten Tisch, einem Sessel, hinter dem ein Venti­lator steht und ein paar, für den Besucher nicht sichtbare Kisten, auf denen zahlreiche Requi­siten auf ihre Zurschau­stellung warten. Die Objekte, so steht es im Programmheft vermerkt, sind made in China.

Wir kennen die Situation alle aus unseren Kinder­tagen. Wie wir mit irgend­welchen Plastik­fi­guren spielen – bei manchen waren es die Matchbox-Autos – ein Plüschtier und eine Barbie-Puppe. Das haben wir alles in unser Spiel mit einbe­zogen. Unsere Fantasie bekam Flügel, und wir versuchten, Geschichten zu erfinden, in denen all diese Figuren und Gegen­stände Platz fanden. Weil unsere Lebens­er­fahrung nicht ausreichte, fanden die Geschichten ihr Ende häufig in sinnloser Zerstörung, heilloser Unordnung im Kinder­zimmer oder dem Ruf zum Abendessen.

Ariel Doron spielt gern – Foto © Anael Resnick

Doron ruft die Erinne­rungen wach. Aber er verzaubert das Publikum mit Geschichten, die sie als Erwachsene verstehen. Da gibt es den Plüsch­tiger, dem er mit geübten Fingern zu einem wunder­baren Leben verhilft. Der Tiger gerät in ein Kriegs­gebiet, nein, heute sprechen wir von Krisen­ge­bieten, in denen Minia­tur­ob­jekte wie Hubschrauber, Panzer und Soldaten auftauchen. Und wenn ein solcher Soldat zu träumen beginnt, ist auch Platz für eine Barbie-Puppe. Mit der kann man sogar skypen. Doron kann mit solchen Objekten zaubern. Wirklich. Das Publikum ist hin und weg. Glück­li­cher­weise gibt es eine Wieder­holung der Aufführung. Damit noch mehr Erwachsene wieder zu Kindern werden, die in Dorons Wunderland eintauchen können. In 40 Minuten, die sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen werden.

Eigentlich ist nach dieser Fantasie alles gesagt und gezeigt, was man für einen Abend braucht. Da ist es gut, dass Christof Seeger-Zurmühlen, neben Bojan Vuletić einer der beiden Künst­le­ri­schen Leiter des Festivals, nach der Aufführung darauf hinweist, dass in der Glashalle des Weltkunst­zimmers noch vier Kubik­meter Holzscheite darauf warten, fachmän­nisch sortiert zu werden. Eine Gaudi, die man noch mitnehmen kann. Viel mehr kann es ja nicht sein.

Auf der Bühne vier kunstvoll gestaltete Aufbauten von Holzscheiten im grell­weißen Licht, das unver­ändert bleibt. Erst auf den zweiten Blick sind in den Gebilden Männer zu erkennen. Julian Blight, Mathieu Delangle, Valentin Pythoud und Claudio Stellato beginnen, die Kunst­werke von innen heraus zu dekon­stru­ieren. Die Holzscheite zerfallen zu Haufen, werden immer wieder verschoben, neue Konstruk­tionen werden begonnen, die nicht zum Ende kommen. Eine schweiß­trei­bende Angele­genheit, von der Angst getrieben, wohin sich die Holzscheite bewegen. Der unvor­stellbare Umgang mit Holz wird gezeigt. Jeder, der schon mal mit Holz gearbeitet hat, weiß, welche Gefahren, welches Ungemach damit verbunden sind. Hier sieht das alles nach Selbst­ver­ständ­lich­keiten körper­licher Schwerst­arbeit aus.

Vier Äxte bearbeiten grobe Klötze, und jeder weiß, dass die Köpfe solcher Äxte auch schon mal ihren Stiel verlassen. In 50 Minuten bearbeiten die Männer das Holz in angst­er­re­gender Weise, stoßen dabei dadais­tische Laute aus. Das Publikum ist verzückt. Am Ende, nachdem die Besucher aufge­standen sind, um zu applau­dieren, helfen sie mit, das Holz wieder in den Lastwagen zu verladen. Unglaublich.

Michael S. Zerban

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