O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
SPRECHGESANG FÜR EIN ORCHESTER
(Mihalj Kekenj)
Besuch am
15. Monat 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Michael Sebastian Kurth ist in Minden geboren. Seinen bürgerlichen Namen verballhornte er als Jugendlicher zu Curse, dem englischen Wort für Fluch. Das war seiner Karriere als Rapper dienlich. Zunächst schwamm er äußerst erfolgreich im Mainstream des Raps mit, veröffentlichte fünf Alben, ehe er eine sechsjährige sängerische Pause einlegte, während der er hinter den Kulissen weiterwirkte. Dann folgte seine sechste Platte Uns, wieder ein Erfolg. So kann das ja noch eine Weile weitergehen. Aber Curse geht auf die 40 zu. Und er ist intelligent genug, sich nicht vorstellen zu wollen, als Rap-Opa jugendliche Zielgruppen erreichen zu müssen. Es muss also irgendetwas passieren, das darüber hinausgeht, ein eigenes Label zu gründen oder als Moderator beim Jugendradio lustig zu sein.
Man muss vermutlich Kenner des Asphalt-Festivals sein, um zu wissen, dass sich hinter den spröden, in fast unleserlich kleiner Schrift verfassten Ankündigungen des Programmheftes wahre Schätze verbergen. Und selbst dann muss man sich einfach mal auf Neues, ja, Unbekanntes einlassen. Wie eben die Begegnung eines Rappers mit einem kammermusikalischen Ensemble auf hohem Niveau. Selbstverständlich füllt sich die Tribüne in der Glashalle des Weltkunstzimmers am zweiten Festivaltag zunächst einmal mit Anhängern des Rappers, die sich von einer neuen musikalischen Ausrichtung nicht hindern lassen, einem Konzert ihres Idols zu frönen. Die restlichen Plätze sind samt und sonders schnell mit Besuchern des Asphalt-Festivals besetzt.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Mihalj Kekenj ist der kluge Kopf des Abends. In Braunschweig geboren, studierte er an der Robert-Schumann-Hochschule und lebt heute in Düsseldorf. Hauptberuflich ist er Erster Konzertmeister der Bergischen Symphoniker. Seit seinem zwölften Lebensjahr interessiert er sich neben seiner klassischen Violinausbildung für Hip-Hop. Den Trend, Rap mit symphonischer Musik zu verbinden, also zwei Pole aneinanderzuketten, verfolgt er schon seit vielen Jahren. Neuer ist die Idee, das große Orchester auf ein kammermusikalisches Ensemble zu reduzieren. In Curse findet er den kongenialen Partner. Miki, wie er sich selbst seit ersten eigenen Crossover-Projekten nennt, findet neue Arrangements für Kammermusik für die Texte von Curse, versammelt Kollegen der Bergischen Symphoniker um sich und zeigt Curse damit eine echte Weiterentwicklung auf. Genre-Grenzen spart Miki aus. Bei dem Titel Warum nicht geht es eindeutig in Richtung Jazz.
Auf der Bühne finden eindeutig die richtigen Musiker zusammen, um die zum „Edel-Rap“ avancierten Texte von Curse zu interpretieren. Während Kekenj nicht nur die Geige, sondern auch unauffälliges Dirigat und Glockenspiel beisteuert, sich dabei auch noch auf Dialoge mit Curse einlässt, nimmt Max Dommers am Kontrabass als Rhythmusinstrument eine zentrale Rolle ein. Marlies Klumpenaar hat mit ihrer Klarinette sichtlich Spaß am Musizieren, und Christian Leschowski untermalt mit der Oboe ebenso wie Matthias Wehmer am Cello sehr gekonnt das Gesamtspiel. Für Maria del Consuelo Redondo Gómez hat Miki einige schöne Solo-Stellen für die Bratsche in die Stücke geschrieben. Gemeinsam nennen sie sich Takeover ! Ensemble. Glücklicherweise aber übernimmt die Musik nicht die Hauptrolle, sondern ordnet sich gleichberechtigt neben den Texten von Curse ein. Dabei hat Kekenj ganz wunderbare Arrangements geschrieben, die allein schon für sich stehen.

Curse zeigt sich dankbar für eine dermaßen gute Musik, passt seine lyrischen Texte professionell an. Die Texte zeichnen sich durch intelligente Inhalte und einen hohen Grad an Poesie aus. Da hört man gerne hin. Es blutet in der Wüste in mir drin oder Wenn ich die Welt aus dir erschaffen könnte: Da entstehen Bilder im Kopf des Hörers. Freiheit, ein Lied von Marius Müller-Westernhagen, vielleicht einer der besten Texte von ihm, ist allerdings so sehr entfremdet, dass selbst die Düsseldorfer zunächst Schwierigkeiten haben, die geliebten Textzeilen zu identifizieren. Aber im zweiten Anlauf klappt es doch mit dem Mitsingen des Refrains. Bei den älteren Texten ist dann auch der Chor des Fanclubs im Publikum zur Stelle. Und so entsteht mehr als einmal Gänsehaut an diesem Abend.
Wer sich schon immer gewundert hat, warum beispielsweise bei einem Oratorium die Solisten nur vom Blatt singen können, wird nach diesem Abend nur noch den Kopf schütteln können. Die Textmengen, die Curse hier leichterdings präsentiert, dabei die Geschichten noch gestisch hinreißend unterstreicht, sind überwältigend. Da überholt der Rapper die klassischen Sänger mit links. Auch sonst stimmt einiges nachdenklich bei dem Konzert. Als Curse auf das Mikrofon verzichtet, entsteht eine Stimmung, die die Langeweile des Musiktheaters aufdeckt. Da wird nachvollziehbar, dass Kekenj auch durchaus mal über Oper nachdenkt. Eine ganz neue Oper. Klingt aufregend.
Vorerst müssen sich die Musiker des Kammermusikensembles ebenso wie Curse damit zufriedengeben, dass das Publikum rast, Zugaben verlangt und restlos glücklich ist.
Nach einem solchen Abend ist das Angebot eines zusätzlichen Konzerts – egal, ob der Eintritt kostenlos ist oder nicht – möglicherweise überflüssig. Wer sich auf all die Emotionen an diesem Abend eingelassen hat, ist dann auch mal gesättigt. Und morgen ist ja auch noch ein Tag.
Michael S. Zerban