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Foto © Ralf Puder

Zum Schluss ein Klassiker

WERTHER!
(Philipp Hochmair)

Besuch am
22. Juli 2017
(Gastspiel)

 

Asphalt-Festival Düsseldorf, Weltkunst­zimmer, Glashalle

Das Jahr 1774 verän­derte die Welt. Da erschien zur Leipziger Buchmesse der Brief­roman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe. Ein Jahr zuvor war ihm bereits ein natio­naler Erfolg mit seinem Werk Götz von Berli­chingen gelungen, mit dem neuen Roman gelang ihm der europäische Durch­bruch. 1778 überar­beitete Goethe das Buch. Seitdem heißt es Die Leiden des jungen Werther und ist der Zeit des Sturm und Drang zuzuordnen. Damit passt es gut in das Portfolio des Asphalt-Festivals. Aber in welcher Form?

Einge­laden wird Philipp Hochmair mit seinem Theatersolo. Da kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Denn den Werther! des Schau­spielers gibt es seit 20 Jahren. Insze­niert hat das Stück Nicolas Stemann, und er verlässt damit zu seiner Zeit sämtliche Konven­tionen des Theaters. In Hochmair findet er einen konge­nialen Partner, ein echtes Bühnentier, das in seiner Expres­si­vität an den jungen Klaus Kinski erinnert. Eigentlich gilt es ja nur, einen vergleichs­weise kurzen Brief­roman vorzu­tragen, der das Gefühls­leben des jungen Rechts­prak­ti­kanten Werther in der Zeit vom 4. Mai 1771 bis zum 24. Dezember 1772 wiedergibt. Das kann man in aller Ruhe vom Stehpult aus wohlfor­mu­liert vortragen. Es reicht ein Mikrofon und ein Schein­werfer, der den Lesenden ins rechte Licht setzt. Die gedrech­selte Sprache Goethes gibt das her. Auch, wenn sie heute ein wenig antiquiert wirken mag, ist sie in ihrer Gedan­ken­fülle so reich, dass man sich als Hörer einfach zurück­lehnen und die Augen schließen kann. Eine Stunde später kann man sich dann überlegen, ob man sich als Konse­quenz aus diesem Abend den zwölf Menschen anschließt, denen nachgesagt wird, dass sie sich in Werther so wieder­erkannten, dass sie sich auch gleich das Leben nahmen. Alter­nativ wäre es auch möglich, sich den jugend­lichen Sympa­thi­santen jener Zeit anzuschließen, die eine regel­rechte Werther-Mode kreierten und einen blauen Frack mit Messing­knöpfen, gelbe Weste, braune Stulpen­stiefel und einen runden Filzhut trugen. Gut, vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß. Aber vielleicht lässt sich irgendwo noch eine Werther-Tasse oder ein Eau de Werther auftreiben.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Aus einem solcher­maßen erbau­lichen Abend und den Konse­quenzen wird nichts für den, der in die Fänge von Hochmair gerät. Hier gibt es Gefühlskino im doppelten Wortsinn. Was Stemann vor 20 Jahren mit der Technik auf der Bühne angestellt hat, wirkt frisch und innovativ wie am ersten Tag. Auf der Bühne gibt es zunächst nicht viel mehr als ein Podium, auf dem ein Tisch mit Blumenvase und Becher, ein Stuhl und ein Mikrofon stehen. Dahinter eine Leinwand, seitlich ist eine kleine Video­kamera aufgebaut. Unter dem Podium ist Platz für eine ganze Anzahl von Requi­siten, die nach Bedarf nahezu unbemerkt hervor­ge­zaubert werden. Und sicher war die Plastiktüte des Lebens­mittel-Discounters damals noch eine höchst origi­nelle Idee. Heute kommt ja kaum noch eine Opern­in­sze­nierung ohne dieses Utensil aus. Im Laufe des Abends zeigt Stemann, was in der Video­technik alles drinsteckt. Da wird der Kopf Lottens, hier als Puppenkopf mit Stoff­überzug, auf dem mit Kugel­schreiber die Augen aufgemalt sind, optisch so einge­fangen, dass auch der Seelen­wandel nachvoll­ziehbar wird, Bilder werden einge­froren, verviel­fältigt, erreichen psyche­de­lische Dimensionen.

Foto © Ralf Puder

Während­dessen ist auf der Bühne ein armer Teufel, ein blutender Hund zu erleben, der die antiquierte Sprache in den eigenen, zeitge­mäßen Duktus überführt, ohne sie zu verge­wal­tigen. Schier körperlich nimmt im zweiten Buch das Leiden zu. Längst schweiß­ge­badet, tobt da ein Werther über die Bühne, der nicht versteht, welch Unglück ihm wider­fährt, aus dem es kein Entrinnen gibt, ja, das sich immer noch steigern lässt, etwa, wenn Albert und Lotte heiraten. Und wer weiß denn schon, was schlimmer ist? Dass Werther zur Hochzeit nicht einge­laden wird, sondern in Form eines Päckchens mit einer Taschenbuch-Ausgabe des Homer und einem Foto des glück­lichen Paares davon erfährt. Oder hätte ihn womöglich die persön­liche Teilnahme an der Zeremonie verfrüht dahin­ge­rafft? Werther selbst weiß doch längst nicht mehr, was ihm hilft oder schadet.

In den Sog emotio­naler Verstri­ckungen schleicht sich manche Albernheit, wenn etwa Sätze plötzlich auf Englisch wiederholt werden müssen. Als ob Leid in einer anderen Sprache drama­ti­scher klänge. Oder der falsche Abgang, wenn Werther erfährt, dass Albert von seiner Dienst­reise zurück­kehrt. Was kann die Verwirrung des Publikums auf einer anderen Ebene zum Gewinn des Stücks beitragen? Allen­falls eine vorüber­ge­hende emotionale Entlastung, die ein Paar gar nutzt, um sich ganz offen der Affäre zu entziehen. Aber es hilft ja alles nichts. Hochmair steigert die Inten­sität unablässig, und am blutigen Ausgang ändert sich nichts. Musik­ein­sprengsel engli­scher Titel unter­streichen das Gefühls­wirrwarr ebenso wie der gekonnte, letztlich blutrote Einsatz des Lichts.

Zurück bleibt ein vom Spiel­drang noch nicht befreiter Schau­spieler, der sich dem heftigen Applaus des nahezu vollbe­setzten Saales aussetzt. Und dem Festival noch ein großes Ausru­fe­zeichen hintanfügt.

Michael S. Zerban

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