O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken

BABYLON IM- UND EXPORT
(Theaterkollektiv Per.Vers.)
Besuch am
17. Juli 2017
(Uraufführung)
Seit fünf Jahren gibt es das Asphalt-Festival, und fester Bestandteil des Festivals, wenn nicht der Höhepunkt überhaupt ist die theatrale Expedition in die Stadt. Veranstaltet wird sie vom Theaterkollektiv Per.Vers., einer Gruppe professioneller Theaterschaffender unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs und Schauspielers Christof Seeger-Zurmühlen. Das Muster dieser Ausflüge ist stets gleich, weil die Fragestellung immer die gleiche bleibt. Wohin entwickelt sich eine Stadt, wer ist dafür verantwortlich und wer soll eigentlich dafür Verantwortung tragen? Lag im vergangenen Jahr bei Düsseldorf Sous-Terrain der Schwerpunkt darauf zu zeigen, dass die Zukunft in der Städteplanung längst begonnen hat und offenbar von Investoren bestimmt wird, geht es bei Babylon Im- und Export eher darum, die Bestandsaufnahme eines Mikrokosmos anzufertigen, der kurz vor gewaltigen Veränderungen steht.
Die Rede ist vom „Bahnhofsviertel“, dass es so in Düsseldorf gar nicht gibt. Damit dürfte bereits die erste Schwierigkeit in der Planung der Expedition entstanden sein. Was ist typisch für die Gegend um den Hauptbahnhof? Der Worringer Platz, vor einigen Jahren unglücklich neugestaltet, erklärtermaßen als Kommunikationszentrum, ist hoffnungslos gescheitert. Oder ist es die Mintropstraße, die mit ihren Table-Dance-Bars vielleicht noch am ehesten einem Rotlicht-Milieu zugeordnet werden kann? In einem Atemzug zu nennen mit der Stresemannstraße, wo das Ordnungsamt alles daran setzt, den Straßenstrich im Sperrbezirk auszurotten. Vielleicht aber auch eher die Immermannstraße als „Japanisches Zentrum“ mit dem weltbekannten Hotel und den prosperierenden Bars und Restaurants. Das Theaterkollektiv entschließt sich zu einem wirtschaftlichen Ansatz. Und entführt die Teilnehmer auf einen internationalen Handelsplatz, der sich in zahlreichen Läden, vor allem ursprünglich ausländischer Abstammung manifestiert.
| Musik | ![]() |
| Schauspiel | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Das ist insofern folgerichtig, als die Straßen um das Tor zur Stadt längst ins Blickfeld von Investoren geraten sind. Es ist noch gar nicht so lange her, dass dieser internationale Handelsplatz entstanden ist. Da haben sich asiatische Supermärkte da eingerichtet, wo deutsche Geschäfte keine Kundschaft mehr fanden. Es ist eine gewachsene Struktur mit Läden, die wir in ihrer gemütlichen Anmutung, ihren Gerüchen, die an die Kindheit erinnern, ihrer Exotik, aber auch dem Fernweh und dem Heimweh verbinden. Hier werden die Kunden in drei Sprachen begrüßt. Solche Strukturen sind schon einmal zerstört worden. Discounter haben uns all das genommen, was uns die Kaufmannsläden einst bedeuteten. 1968 kannte der Kaufmann nicht nur seine Kunden namentlich, sondern begrüßte auch die Kinder mit ihrem Vornamen und einer Scheibe Fleischwurst. Inzwischen versuchen wir, wenigstens mit den Kassiererinnen der Supermärkte so etwas wie eine freundliche Beziehung aufzubauen, während die großen Handelsketten dabei sind, die Kassen mithilfe von Scannern und Kreditkarten zu entmenschlichen. Längst vergessen die Marketingversprechen, dass aufgrund umfangreicher Datensammlungen die Kassiererin uns mit unserem Namen anspricht. Die bessere Welt ist nicht entstanden.
Und doch wird sie uns wieder versprochen. Im besten oder eher überdrehten Marketingsprech preisen die Mitarbeiter von Babelton die Gegend um den Hauptbahnhof an. Und sie nehmen ihre potenziellen Investoren – wobei jetzt schon verraten werden darf, dass sie in der Wahl der Zielgruppe jämmerlich versagen werden – mit auf eine Rundreise. Von der soll nicht viel erzählt werden, weil sie auch von ihren mehr oder weniger gekonnten Überraschungen lebt. Aber wie immer beginnen die Betreuer mit überzogener Freundlichkeit, die im Laufe der Reise immer harscheren Tönen weicht, um die Gruppe im Zeitplan zu halten. Kerstin Dephoff hat die Betreuer diesmal in verschiedene, quietschfarbige Kostüme gesteckt. Schließlich wird die neue Welt bunt.

Die Akteure sind aus dem letzten Jahr bekannt – und sie haben sich in der Rolle nicht verändert. Aber auch im Publikum erkennt man viele Gesichter wieder. Ob man dem im sechsten Jahr Folge tragen muss, sei dahingestellt. Dass man als Gast zu den inzwischen bekannten Persönlichkeiten nicht durchdringt, die einen durchaus auch wiedererkennen, stimmt zumindest nachdenklich. Auch eine Marketingagentur lebt von der Kundenbindung. Die ist allerdings auch vollauf damit beschäftigt, möglichst unbemerkt zu improvisieren. Denn wie es sich für eine Premiere gehört, läuft so manches aus dem Ruder. Da überholt die Wirklichkeit die Probendauer, wenn drei Geschäfte binnen kürzester Zeit Pleite gehen. Die Schauspieler geben dennoch ihr Bestes, und in den Folgeveranstaltungen wird sich das glätten, auch was den Zeitplan angeht. Nora Pfahl, Anna Beetz und Jonathan Schimmer begeistern erneut wie Julia Dillmann in ihrer Konsequenz.
Begleitet wird der Ausflug von theatralischen Einlagen, die das Publikum zu begeistertem Applaus im Bus veranlassen. Es ist ein langer Abend, an dessen Ende die Marketing-Agentur zu schnell verschwunden ist. Auch das schon aus dem Vorjahr bekannt. Bei den Teilnehmern bleiben viele Fragen zurück. Und wenn das Asphalt-Paradies, der Hinterhof im Weltkunstzimmer, neues Kommunikationszentrum sein will, stellt sich die Frage, warum hier nicht noch eine Diskussion angeboten wird. Der Bedarf ist nach diesem Ausflug sicher gegeben.
Und der Bedarf resultiert aus einer insgesamt starken Inszenierung. Werbung braucht es für die Stadtfahrt nicht. Beim Asphalt-Festival sind sämtliche Ausflüge aus dem Festival-Zentrum bereits ausgebucht. Weitere Veranstaltungen sind beim Düsseldorf-Festival vorgesehen. Und man möchte eigentlich dranbleiben an dem Thema.
Michael S. Zerban