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Die Gegend um den Hauptbahnhof liegt im diesjährigen Fokus - Foto © O-Ton

Mikrokosmos einer Stadt

BABYLON IM- UND EXPORT
(Theater­kol­lektiv Per.Vers.)

Besuch am
17. Juli 2017
(Urauf­führung)

 

Asphalt-Festival Düsseldorf

Seit fünf Jahren gibt es das Asphalt-Festival, und fester Bestandteil des Festivals, wenn nicht der Höhepunkt überhaupt ist die theatrale Expedition in die Stadt. Veran­staltet wird sie vom Theater­kol­lektiv Per.Vers., einer Gruppe profes­sio­neller Theater­schaf­fender unter der künst­le­ri­schen Leitung des Regis­seurs und Schau­spielers Christof Seeger-Zurmühlen. Das Muster dieser Ausflüge ist stets gleich, weil die Frage­stellung immer die gleiche bleibt. Wohin entwi­ckelt sich eine Stadt, wer ist dafür verant­wortlich und wer soll eigentlich dafür Verant­wortung tragen? Lag im vergan­genen Jahr bei Düsseldorf Sous-Terrain der Schwer­punkt darauf zu zeigen, dass die Zukunft in der Städte­planung längst begonnen hat und offenbar von Inves­toren bestimmt wird, geht es bei Babylon Im- und Export eher darum, die Bestands­auf­nahme eines Mikro­kosmos anzufer­tigen, der kurz vor gewal­tigen Verän­de­rungen steht.

Die Rede ist vom „Bahnhofs­viertel“, dass es so in Düsseldorf gar nicht gibt. Damit dürfte bereits die erste Schwie­rigkeit in der Planung der Expedition entstanden sein. Was ist typisch für die Gegend um den Haupt­bahnhof? Der Worringer Platz, vor einigen Jahren unglücklich neuge­staltet, erklär­ter­maßen als Kommu­ni­ka­ti­ons­zentrum, ist hoffnungslos gescheitert. Oder ist es die Mintrop­straße, die mit ihren Table-Dance-Bars vielleicht noch am ehesten einem Rotlicht-Milieu zugeordnet werden kann? In einem Atemzug zu nennen mit der Strese­mann­straße, wo das Ordnungsamt alles daran setzt, den Straßen­strich im Sperr­bezirk auszu­rotten. Vielleicht aber auch eher die Immer­mann­straße als „Japani­sches Zentrum“ mit dem weltbe­kannten Hotel und den prospe­rie­renden Bars und Restau­rants. Das Theater­kol­lektiv entschließt sich zu einem wirtschaft­lichen Ansatz. Und entführt die Teilnehmer auf einen inter­na­tio­nalen Handels­platz, der sich in zahlreichen Läden, vor allem ursprünglich auslän­di­scher Abstammung manifestiert.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das ist insofern folge­richtig, als die Straßen um das Tor zur Stadt längst ins Blickfeld von Inves­toren geraten sind. Es ist noch gar nicht so lange her, dass dieser inter­na­tionale Handels­platz entstanden ist. Da haben sich asiatische Super­märkte da einge­richtet, wo deutsche Geschäfte keine Kundschaft mehr fanden. Es ist eine gewachsene Struktur mit Läden, die wir in ihrer gemüt­lichen Anmutung, ihren Gerüchen, die an die Kindheit erinnern, ihrer Exotik, aber auch dem Fernweh und dem Heimweh verbinden. Hier werden die Kunden in drei Sprachen begrüßt. Solche Struk­turen sind schon einmal zerstört worden. Discounter haben uns all das genommen, was uns die Kaufmanns­läden einst bedeu­teten. 1968 kannte der Kaufmann nicht nur seine Kunden namentlich, sondern begrüßte auch die Kinder mit ihrem Vornamen und einer Scheibe Fleisch­wurst. Inzwi­schen versuchen wir, wenigstens mit den Kassie­re­rinnen der Super­märkte so etwas wie eine freund­liche Beziehung aufzu­bauen, während die großen Handels­ketten dabei sind, die Kassen mithilfe von Scannern und Kredit­karten zu entmensch­lichen. Längst vergessen die Marke­ting­ver­sprechen, dass aufgrund umfang­reicher Daten­samm­lungen die Kassie­rerin uns mit unserem Namen anspricht. Die bessere Welt ist nicht entstanden.

Und doch wird sie uns wieder versprochen. Im besten oder eher überdrehten Marke­ting­sprech preisen die Mitar­beiter von Babelton die Gegend um den Haupt­bahnhof an. Und sie nehmen ihre poten­zi­ellen Inves­toren – wobei jetzt schon verraten werden darf, dass sie in der Wahl der Zielgruppe jämmerlich versagen werden – mit auf eine Rundreise. Von der soll nicht viel erzählt werden, weil sie auch von ihren mehr oder weniger gekonnten Überra­schungen lebt. Aber wie immer beginnen die Betreuer mit überzo­gener Freund­lichkeit, die im Laufe der Reise immer harscheren Tönen weicht, um die Gruppe im Zeitplan zu halten. Kerstin Dephoff hat die Betreuer diesmal in verschiedene, quietsch­farbige Kostüme gesteckt. Schließlich wird die neue Welt bunt.

Persön­liche Geschichten aus dem Viertel: Die Teilnehmer hören gebannt zu – Foto © O‑Ton

Die Akteure sind aus dem letzten Jahr bekannt – und sie haben sich in der Rolle nicht verändert. Aber auch im Publikum erkennt man viele Gesichter wieder. Ob man dem im sechsten Jahr Folge tragen muss, sei dahin­ge­stellt. Dass man als Gast zu den inzwi­schen bekannten Persön­lich­keiten nicht durch­dringt, die einen durchaus auch wieder­erkennen, stimmt zumindest nachdenklich. Auch eine Marke­ting­agentur lebt von der Kunden­bindung. Die ist aller­dings auch vollauf damit beschäftigt, möglichst unbemerkt zu impro­vi­sieren. Denn wie es sich für eine Premiere gehört, läuft so manches aus dem Ruder. Da überholt die Wirklichkeit die Proben­dauer, wenn drei Geschäfte binnen kürzester Zeit Pleite gehen. Die Schau­spieler geben dennoch ihr Bestes, und in den Folge­ver­an­stal­tungen wird sich das glätten, auch was den Zeitplan angeht. Nora Pfahl, Anna Beetz und Jonathan Schimmer begeistern erneut wie Julia Dillmann in ihrer Konsequenz.

Begleitet wird der Ausflug von theatra­li­schen Einlagen, die das Publikum zu begeis­tertem Applaus im Bus veran­lassen. Es ist ein langer Abend, an dessen Ende die Marketing-Agentur zu schnell verschwunden ist. Auch das schon aus dem Vorjahr bekannt. Bei den Teilnehmern bleiben viele Fragen zurück. Und wenn das Asphalt-Paradies, der Hinterhof im Weltkunst­zimmer, neues Kommu­ni­ka­ti­ons­zentrum sein will, stellt sich die Frage, warum hier nicht noch eine Diskussion angeboten wird. Der Bedarf ist nach diesem Ausflug sicher gegeben.

Und der Bedarf resul­tiert aus einer insgesamt starken Insze­nierung. Werbung braucht es für die Stadt­fahrt nicht. Beim Asphalt-Festival sind sämtliche Ausflüge aus dem Festival-Zentrum bereits ausge­bucht. Weitere Veran­stal­tungen sind beim Düsseldorf-Festival vorge­sehen. Und man möchte eigentlich dranbleiben an dem Thema.

Michael S. Zerban

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