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BRAHMS, GERSHWIN, QUEEN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
24. Januar 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Ein Programmheft, das ohne Programm auskommt. Da fängt der Abend gut an. Und einmischen soll sich das Publikum auch noch. Es soll gar mitwippen, mitschnipsen, mitklatschen, verlangt der Veranstalter, die Tonhalle Düsseldorf. Na, so weit kommt es noch. Schließlich geht man in ein Konzert, um andachtsvoll zuzuhören – also wenigstens in Deutschland. Und daran ändert sich auch nichts, wenn sich Philharmonix – The Vienna Berlin Music Club zum ersten Mal in Düsseldorf ankündigt. So viel sei jetzt schon verraten: Eine leichte Lockerung ist gestattet, wenn es beispielsweise um kurzes Gelächter geht, aber bei mutwilligem Mitklatschen äußert sich die Mehrheit des Publikums sofort ungehalten. Schließlich geht es hier kaum um eine Klassik-Party, sondern darum, der Virtuosität zu lauschen. Ja, das Publikum hat so seine eigene Einstellung zu modernen Konzertformaten.
Dabei ist das Ensemble von Philharmonix doch gerade deshalb angetreten, aus dem üblichen Konzertverhalten auszubrechen. Assoziationen zu Asterix und Obelix sind ausdrücklich erwünscht: Mit konventionellen Maßnahmen brechen, um die eigene Heimat, Gallien, zu retten. Denn die meisten Musiker von Philharmonix sind außerhalb des Ensembles in den striktesten Konventionen des Konzertbetriebs eingebunden. Geiger Noah Bendix-Balgley ist Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Sebastian Gürtler war Erster Konzertmeister des Orchesters der Wiener Volksoper. Stephan Koncz bewies seine Fähigkeiten am Cello zunächst bei den Wiener Philharmonikern, heute ist er bei den Berliner Philharmonikern beschäftigt. Ödön Rácz ist Solo-Kontrabassist bei den Wiener Philharmonikern. Daniel Ottensamer spielt als Solo-Klarinettist im gleichen Orchester. Und Christoph Traxler kennt am Klavier ohnehin alle Konventionen des althergebrachten Konzertbetriebs. Sicher, sie alle haben ihren beruflichen Erfolg hart und überdurchschnittlich erarbeitet. Aber, verdammt noch mal, das kann es doch noch nicht gewesen sein. Orchesterdienst, vorbildlich geregelt dank hervorragender Gewerkschaften, bis zur Pension? War es das, wofür die Musiker im besten Mannesalter mal angetreten sind? Nein. Sie alle wollten mal mehr. Musik nicht nachspielen, sondern weiterentwickeln. Das Publikum mit mehr als dem üblichen Programm begeistern. Philharmonix, 2007 als Philharmonics gegründet, sind untereinander befreundete, teils miteinander aufgewachsene Musiker, die mit eigenen Arrangements aus den Reihen der Orchestermusiker heraustreten und sich die Spielfreude auf die Fahnen schreiben. Das kommt zwar bei konservativen Kritikern von Tageszeitungen nicht gut an, gefällt aber dem Publikum umso mehr.
Die Philharmonix maßen sich an, aus klassischen Stücken heraus genresprengende, eigene Arrangements zu schaffen, die vor Lebenslust sprühen. Wenn aus der Ouvertüre der Fledermaus plötzlich Der dritte Mann, ein Schneewalzer oder eine Samba wird, bekommen besagte Kritiker Schaum vor dem Mund, weil Grenzen unbekümmert verletzt werden und sie nicht einmal die Qualität des Spiels bemängeln können. In der Tonhalle tauchen sie deshalb gar nicht erst auf – und das ist gut so.
Denn hier nehmen sich die Philharmonix so ziemlich alles raus, was in der Welt der Klassik so gar nicht geht. Ausgehend von einem Werk der Klassik wie dem Tambourin chinois von Fritz Kreisler, arrangiert von Stephan Koncz, gibt es Variationen, deren Vielfalt alsbald kaum mehr überschaubar ist. Da gibt man das heitere Musikraten alsbald auf und ergötzt sich an den Einfällen der Musiker. Wie bei dem Weihnachtslied Feliz navidad, das uns im letzten Monat wieder um die Ohren geschlagen wurde. Gürtler bekam den Auftrag, das Stück neu zu arrangieren. Der hatte dazu umso weniger Lust, je häufiger er es hörte. Schließlich startete er die „Rebellion gegen Navidad“. Da funktioniert die Geige plötzlich als Gitarre, es wird gezupft statt gestrichen und auf dem Klavier klingt es eher als Blues-Improvisation denn als Weihnachtslied. Ja, so geht’s.

Einer der absoluten Höhepunkte des Abends ist das Wienerlied, das Gürtler selbst komponiert hat. Der Herrgott und die Geigen hat er sein Werk genannt, dass er ausdrücklich als autobiografisch bezeichnet und für das er sich schon im Vorfeld mehrfach entschuldigt. Und lässt sogleich den seligen Hans Moser in der Stimme wiederauferstehen, um nach viel Spaß mit einer eindeutigen Botschaft an das Publikum zu enden. „Die Moral von der G’schicht: Könnt’s ihr geigen, so fürchtet euch nicht“, erklingt es schalkhaft vom Podium.
Die Musiker zeigen, dass es mit „a bisserl“ Geigen denn doch nicht getan ist. Vielmehr ist an diesem Abend auch durchaus sportliche Leistung angezeigt, wenn etwa Klarinettist Ottensamer spielend zum Klavier läuft, um es zwischenzeitlich vierhändig zu bedienen. Das sieht lustig aus, ist aber genauso seriös geleistet wie die Imitation der gestopften Trompete bei Rose Room von Benny Goodman, die Gürtler grandios übernimmt. Da versteht es sich fast von selbst, dass sich die Musiker mit der eigenen Auffassung von Bohemian Rhapsody von Queen völlig verausgaben. Mit einem weiteren Meilenstein der Pop-Geschichte als einer von zwei Zugaben verabschieden sich die Musiker. Fast wehmütig klingt der englische Mann in New York, der einst Sting in die Pop-Charts hievte.
Ausgelassen erheben sich weite Teile des Publikums in der gutbesuchten Tonhalle, um sich bei Philharmonix für einen ausgesprochen kurzweiligen Abend zu bedanken, der nicht nur die Klassiker von Grieg über Schostakowitsch bis Brahms in ein völlig neues Licht stellt, sondern mit virtuosem Spiel auch das Verbindende der Musik über Jahrhunderte darstellt. Und so manch einer wird an diesem Abend noch ins Internet gehen, um sich einen der zahlreichen Clips anzuschauen, die das Ensemble dort zur Verfügung stellt. So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage.
Michael S. Zerban