O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
CARNIVAL OF THE BODY
(Overhead Project)
Besuch am
19. Juli 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Wrestling ist eine Schaukampf-Sportart, die sich besonderer Beliebtheit in Japan, Amerika und Mexiko erfreut. Und sie ist eine Wissenschaft für sich. Völlig unsinnig wäre also der Versuch, einem Festival-Publikum innerhalb einer knappen Stunde alle Feinheiten dieses Ringkampfes und seiner wirtschaftlichen Seite zu vermitteln. Ebenso abwegig erscheint die Vorstellung, auf der Bühne einen Wrestler imitieren zu wollen. Denn auch wenn der Begriff Schaukampf eher Harmloses vermuten lässt, erfordert die Teilnahme an einem solchen Geschehen jahrelange Ringerfahrung und einen sportgestählten Körper, der selbst einem durchtrainierten Akrobaten Respekt abverlangt. Dieser Respekt hält sich erst dann wieder in Grenzen, wenn man daran denkt, wie man zu solch muskelbepackten Umfängen kommt. Ein offenes Geheimnis ist, dass mehr Wrestler durch chemische Substanzen als im Ring ums Leben kommen.
| Musik | ![]() |
| Performance | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Trotzdem waren Tim Behren und Florian Patschovsky von einer im Fernsehen ausgestrahlten Dokumentation über die „Sportart“ so fasziniert, dass sie beschlossen, sich damit in einem Stück auseinanderzusetzen. Zwei Jahre Vorbereitung und zwölf Probenwochen später konnten sie im Februar vergangenen Jahres in Köln die Premiere von Carnival of the Body feiern. Da existierte Overhead Project bereits seit vier Jahren. Behren und Patschovsky absolvierten ihre Ausbildung als Partnerakrobatenduo an der École Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel, ehe sie sich nach verschiedenen Zwischenstationen in anderen Compagnien dazu entschlossen, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Arbeit ist geprägt von Körperlichkeit und die Abwesenheit von Genre-Grenzen. Zirzensik und Akrobatik mischen sich mit Tanz und Schauspielkunst, vor allem aber mit der Fantasie des Andersdenkenden.
Jetzt ist Carnival of the Body beim Asphalt-Festival in Düsseldorf angekommen. Trotz Unwetterwarnungen und eines heftigen, aber kurzen Regens hat sich das Publikum kaum abschrecken lassen und füllt die Tribüne der Glashalle im Weltkunstzimmer fast vollständig. Auch sonst ist im Festival-Bereich jede Menge los. So zumindest lässt es das Stimmengewirr vermuten, das immer wieder während der Vorstellung zu hören ist.
Die Bühne, die Behren und Patschovsky gemeinsam mit Jasper Diekamp entworfen haben, gibt nichts von der show eines Wrestling-Kampfes wieder. Zwei Scheinwerfer-Ampeln im Hintergrund, links eine Garderobenbank, wie man sie aus Sporthallen kennt, ein Eimer, der später illuminiert wird, ein Rucksack und ein paar Kleidungsstücke, die an den Garderobenhaken aufgehängt sind. Viel mehr brauchen die beiden Künstler auch nicht, um ihre Choreografie auszuleben. Diekamp liefert wirksame Weißlicht-Effekte, vereinzelte Musikeinblendungen sind von Simon Bauer komponiert und mit Geräuschen abgemischt. Die Musik hat wenig mit den themes gemein, die für die berühmten Wrestler komponiert werden. Aber sie unterstreicht das Konzept des Abends.
Denn es geht den beiden Künstlern weniger darum, die martialischen und, wie Tim Behren sagt, „homophoben“ Rituale der Schaukämpfe aufleben zu lassen. Sie suchen vielmehr nach den Räumen zwischen den Körpern, suchen nach den Gemeinsamkeiten der Bewegungen und des Habitus‘. Nach einem akrobatischen Einstieg teilen sich die Kontrahenten eine Banane. Persiflieren die storylines mit grüngefärbter Zunge, machen sich in Form einer nicht enden wollenden Lachsequenz vor dem Mikrofon über Drogenausfälle und Kommentatoren lustig. Patschovsky streicht die – vermutlich berufsbedingte – Eitelkeit in Form einer Modenschau heraus. Im Höhepunkt eines Schaukampfes landet das Paar gar in der ersten Zuschauerreihe. Als Entschädigung gibt es viel nackte Haut, für die Kostümbildnerin Sabine Schneider sorgt. Am Ende einer rasch durchschwitzten Stunde stecken die beiden wieder in ihren silberfarbenen Capes und gehen als Sieger vom Platz. Das ist das Schöne an Schaukämpfen: Der Gewinner steht im Vorfeld fest. Und in diesem Fall gibt es keinen Verlierer. Das allerdings hat mit Wrestling gar nichts zu tun.
Das Publikum, immer auf der Suche nach humoristischen Einlagen, findet auch in Andeutungen Komisches, ist aber abschließend zu ernsthaftem, begeistertem Applaus bereit.
Am Ende steht die Frage, wie viel vom Gesehenen sich auf Wrestling beschränkt oder auf das Leben im Allgemeinen gemünzt ist. Aber das ist vielleicht noch eine andere Geschichte, die man sich dann gerne auch von Overhead Project erzählen lässt.
Michael S. Zerban