Das Wesentliche des Wrestlings

CARNIVAL OF THE BODY
(Overhead Project)

Besuch am
19. Juli 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Asphalt-Festival Düsseldorf, Weltkunst­zimmer, Glashalle

Wrestling ist eine Schau­kampf-Sportart, die sich beson­derer Beliebtheit in Japan, Amerika und Mexiko erfreut. Und sie ist eine Wissen­schaft für sich. Völlig unsinnig wäre also der Versuch, einem Festival-Publikum innerhalb einer knappen Stunde alle Feinheiten dieses Ringkampfes und seiner wirtschaft­lichen Seite zu vermitteln. Ebenso abwegig erscheint die Vorstellung, auf der Bühne einen Wrestler imitieren zu wollen. Denn auch wenn der Begriff Schau­kampf eher Harmloses vermuten lässt, erfordert die Teilnahme an einem solchen Geschehen jahre­lange Ringer­fahrung und einen sport­ge­stählten Körper, der selbst einem durch­trai­nierten Akrobaten Respekt abver­langt. Dieser Respekt hält sich erst dann wieder in Grenzen, wenn man daran denkt, wie man zu solch muskel­be­packten Umfängen kommt. Ein offenes Geheimnis ist, dass mehr Wrestler durch chemische Substanzen als im Ring ums Leben kommen.

POINTS OF HONOR

Musik
Perfor­mance
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Trotzdem waren Tim Behren und Florian Patschovsky von einer im Fernsehen ausge­strahlten Dokumen­tation über die „Sportart“ so faszi­niert, dass sie beschlossen, sich damit in einem Stück ausein­an­der­zu­setzen. Zwei Jahre Vorbe­reitung und zwölf Proben­wochen später konnten sie im Februar vergan­genen Jahres in Köln die Premiere von Carnival of the Body feiern. Da existierte Overhead Project bereits seit vier Jahren. Behren und Patschovsky absol­vierten ihre Ausbildung als Partner­akro­ba­tenduo an der École Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel, ehe sie sich nach verschie­denen Zwischen­sta­tionen in anderen Compa­gnien dazu entschlossen, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Arbeit ist geprägt von Körper­lichkeit und die Abwesenheit von Genre-Grenzen. Zirzensik und Akrobatik mischen sich mit Tanz und Schau­spiel­kunst, vor allem aber mit der Fantasie des Andersdenkenden.

Jetzt ist Carnival of the Body beim Asphalt-Festival in Düsseldorf angekommen. Trotz Unwet­ter­war­nungen und eines heftigen, aber kurzen Regens hat sich das Publikum kaum abschrecken lassen und füllt die Tribüne der Glashalle im Weltkunst­zimmer fast vollständig. Auch sonst ist im Festival-Bereich jede Menge los. So zumindest lässt es das Stimmen­gewirr vermuten, das immer wieder während der Vorstellung zu hören ist.


Die Bühne, die Behren und Patschovsky gemeinsam mit Jasper Diekamp entworfen haben, gibt nichts von der show eines Wrestling-Kampfes wieder. Zwei Schein­werfer-Ampeln im Hinter­grund, links eine Garde­ro­benbank, wie man sie aus Sport­hallen kennt, ein Eimer, der später illumi­niert wird, ein Rucksack und ein paar Kleidungs­stücke, die an den Garde­ro­ben­haken aufge­hängt sind. Viel mehr brauchen die beiden Künstler auch nicht, um ihre Choreo­grafie auszu­leben. Diekamp liefert wirksame Weißlicht-Effekte, verein­zelte Musik­ein­blen­dungen sind von Simon Bauer kompo­niert und mit Geräu­schen abgemischt. Die Musik hat wenig mit den themes gemein, die für die berühmten Wrestler kompo­niert werden. Aber sie unter­streicht das Konzept des Abends.

Denn es geht den beiden Künstlern weniger darum, die martia­li­schen und, wie Tim Behren sagt, „homophoben“ Rituale der Schau­kämpfe aufleben zu lassen. Sie suchen vielmehr nach den Räumen zwischen den Körpern, suchen nach den Gemein­sam­keiten der Bewegungen und des Habitus‘. Nach einem akroba­ti­schen Einstieg teilen sich die Kontra­henten eine Banane. Persi­flieren die story­lines mit grünge­färbter Zunge, machen sich in Form einer nicht enden wollenden Lachse­quenz vor dem Mikrofon über Drogen­aus­fälle und Kommen­ta­toren lustig. Patschovsky streicht die – vermutlich berufs­be­dingte – Eitelkeit in Form einer Moden­schau heraus. Im Höhepunkt eines Schau­kampfes landet das Paar gar in der ersten Zuschau­er­reihe. Als Entschä­digung gibt es viel nackte Haut, für die Kostüm­bild­nerin Sabine Schneider sorgt. Am Ende einer rasch durch­schwitzten Stunde stecken die beiden wieder in ihren silber­far­benen Capes und gehen als Sieger vom Platz. Das ist das Schöne an Schau­kämpfen: Der Gewinner steht im Vorfeld fest. Und in diesem Fall gibt es keinen Verlierer. Das aller­dings hat mit Wrestling gar nichts zu tun.

Das Publikum, immer auf der Suche nach humoris­ti­schen Einlagen, findet auch in Andeu­tungen Komisches, ist aber abschließend zu ernst­haftem, begeis­tertem Applaus bereit.

Am Ende steht die Frage, wie viel vom Gesehenen sich auf Wrestling beschränkt oder auf das Leben im Allge­meinen gemünzt ist. Aber das ist vielleicht noch eine andere Geschichte, die man sich dann gerne auch von Overhead Project erzählen lässt.

Michael S. Zerban

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